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USA: Kulturkampf um Religion und Pille

(c) REUTERS (JASON REED)
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Die katholische Kirche und die Republikaner ziehen gegen eine Klausel der Gesundheitsreform zu Felde, die die Kosten für Geburtenkontrolle abdeckt. Im Wahlkampf kommt den Republikanern die Kontroverse gelegen.

Washington. Tim Thomas platzte der Kragen. „Ich stehe mit den Katholiken im Kampf um die Religionsfreiheit“, notierte der Eishockey-Goalie der Boston Bruins in einem Facebook-Eintrag. Er zitierte die Titelzeile eines Gedichts, das zum Widerstand gegen den Faschismus aufruft: „Es ist Zeit, aufzustehen.“ Vor wenigen Wochen war Thomas als Einziger seines Teams der obligaten Ehrung des Stanley-Cup-Siegers im Weißen Haus durch den Präsidenten ferngeblieben – aus Protest gegen die übermächtige Rolle des Staats.

Fast 40 Jahre nach dem bahnbrechenden Grundsatzurteil Roe versus Wade, das Abtreibung unter gewissen Bedingungen straffrei gestellt hat, tobt im Wahljahr 2012 wieder der Kulturkrieg um Empfängnisverhütung und Staatsmacht. Eine soeben angefügte Klausel der Gesundheitsreform schreibt die kostenlose Versorgung mit Verhütungsmitteln wie der „Pille danach“ oder die Finanzierung einer Sterilisierung durch den Arbeitgeber vor.

Ausgenommen von der Regelung ist zwar die katholische Kirche, auf kirchennahe Institutionen wie Spitäler und Wohlfahrtseinrichtungen trifft dies allerdings nicht zu. Für eine Abtreibung muss laut der umstrittenen Reform, von den Republikanern als „Obamacare“ verunglimpft, nach wie vor freilich nicht aufgekommen werden.

 

„Krieg gegen Religion“

Prompt brach ein Sturm der Entrüstung los. Von den Kanzeln wetterten katholische Bischöfe und Priester, und New Yorks neu ernannter Kardinal Tim Dolan donnerte, dies sei der schlimmste Affront gegen Katholiken in den USA seit Menschengedenken.

Im Wahlkampf kommt den Republikanern die Kontroverse nur gelegen. Ursprünglich standen fiskalpolitische Themen wie der Kampf für einen schlankeren Staat oder gegen das ausufernde Defizit im Mittelpunkt, jetzt aber haben plötzlich die Sozialkonservativen Feuer gefangen. Der Mormone Mitt Romney gab sich solidarisch mit den Katholiken, er wittert einen „Anschlag gegen die Verfassung“ und die Religionsfreiheit. Noch schärfer zogen die beiden katholischen Kandidaten gegen Präsident Barack Obama zu Felde. Sowohl Newt Gingrich als auch Rick Santorum werfen der Regierung vor, einen „Krieg gegen die Religion“ und insbesondere gegen die katholische Kirche anzuzetteln. Im Repräsentantenhaus, in dem sie die Mehrheit innehaben, drohen die Republikaner damit, die umstrittene Klausel zu kippen.

Weil 28 Bundesstaaten bereits eine ähnliche Regelung praktizieren, zeigte sich Obama ein wenig perplex über die heftigen Reaktionen. Er hatte eine Reihe von prominenten Katholiken aus seinem Kabinett wie Vizepräsident Joe Biden in die Entscheidung einbezogen, die Gesundheitsministerin Kathleen Sibelius ist selbst Katholikin. Mehrere Parteigänger des Präsidenten deuteten nun einen Kompromiss an, wie er beispielsweise auf Hawaii in Kraft ist. Dort schlossen Arbeitgeber kirchennaher Einrichtungen eine Zusatzversicherung ab, die die Kosten für die Geburtenkontrolle abdeckt.

Mit 78 Millionen, rund einem Viertel der Bevölkerung, stellen die Katholiken ein wichtiges Segment. Sie tendieren zu den Demokraten, 2008 votierten sie mit 54 Prozent für Obama. Vor allem im „Rostgürtel“ – in Ohio, Pennsylvania, Michigan oder Wisconsin – kommt ihnen entscheidende Bedeutung zu. Und der Einfluss der Katholiken wächst aufgrund des Zustroms der „Hispanics“ und ihrer höheren Geburtenrate.

 

„Im 21. Jahrhundert“

Zugleich darf Obama die Progressiven und Frauen nicht verprellen. „Ich dachte, wir seien im 21. Jahrhundert angekommen“, giftete die New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand. Umfragen zufolge nutzen 98 Prozent der US-Katholikinnen Mittel zur Geburtenkontrolle.

Mit welcher Heuchelei die Debatte geführt wird, illustriert das Beispiel von Karen Santorum. Die Frau des Kandidaten, eine dezidierte Abtreibungsgegnerin und siebenfache Mutter, lebte vor ihrer Ehe jahrelang mit einem Arzt zusammen, der Abtreibungen vornahm. Sie stieß sich nie daran.

Auf einen Blick

Empfängnisverhütung. Eine Klausel der Gesundheitsreform hat in den USA einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Sie sieht vor, dass Arbeitgeber für Verhütungsmittel, die „Pille danach“ oder für Sterilisierung aufkommen müssen. Das gilt auch für kirchliche Institutionen wie Spitäler – ausgenommen ist die katholische Kirche selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)