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Hugo Cabret: Kindermärchen als Scorseses Kinofantasie

(c) UPI
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Martin Scorsese versteckt bei „Hugo Cabret“ ein Herzensanliegen im kommerziellen Kleid: Er will die Magie des frühen Films feiern. Er zeigt vor allem das Genie von Komiker Sacha Baron Cohen. Jetzt im Kino.

Wird die heurige Oscar-Gala zur Feierstunde für die Filmgeschichte? Die zwei Favoriten wären ein guter Anlass, obendrein im Zeichen einer postmodernen transatlantischen Cinephilie: Während die französische Hommage The Artist mit technischer Sorgfalt und etwas zu viel Ironie Hollywoods verklingender Stummfilm-Ära huldigt, würdigt Martin Scorsese mit Hugo Cabret den Pariser Kinopionier George Méliès. Ein persönliches Anliegen für Scorsese, diesen leidenschaftlichen Verfechter der Erhaltung und Restaurierung der Filmhistorie, aber in den beengenden Tarnmantel seines bislang kommerziellsten Projekts gezwängt: Die Adaption von Brian Selznicks Bilderroman ist Scorseses erster Familienfilm und etwas schwerfällig – vielleicht, weil es auch sein erster 3-D-Film ist.

Denn die Möglichkeiten dieser Technik stehen lange buchstäblich im Vordergrund: Als Kinoliebhaber widmet sich Scorsese (wie bislang nur der ebenso filmbesessene Kollege Joe Dante im ignorierten Meisterwerk The Hole) mit Kennerblick und Experimentierfreude den digitalen Möglichkeiten der dritten Dimension, nachdem viele schleißige Produktionen bereits die Publikums- trendumkehr zurück zu 2-D bewirkt haben. Der wahre Hauptdarsteller von Hugo (so der schlichtere Originaltitel) ist der historische Bahnhof Montparnasse um 1930, dessen geheimes Innenleben Scorsese mit ausgiebigen Kamerafahrten durch Tunnels und Röhren oder über Treppen durchmisst.

 

Ein Dickens-Waise im Bahnhofslabyrinth

In einem der Schächte lebt auch die Titelfigur: Hugo (Asa Butterfield), ein Dickens-Waise, der das Erbe seines Uhrmacher-Vaters verwaltet. Er kriecht durch labyrinthische Gänge im Innern des Bahnhofs, um dessen große Uhren am Laufen zu halten und sucht den Schlüssel zu Papas mysteriöser Hinterlassenschaft: einem mechanischen Menschen wie aus einem Stummfilm – oder aus Steven Spielbergs Artificial Intelligence. Leider ist Hugo, bis Scorsese zu seinem wahren Anliegen kommt, so etwas wie sein Spielberg-Film: ein souveränes, schematisches, sentimentales Kindermärchen.

Wäre da nicht der geniale Komiker Sacha Baron Cohen: Wo Hugo ein blasser Bub bleibt, ist der von Cohen gespielte Bahnhofsinspektor Gustave eine echte, bewegende Märchengestalt. Aufseher Gustave jagt ungewollte Kinder – während sich Hugo mit einem gleichaltrigen Mädchen anfreundet und unliebsame Bekanntschaft mit deren strengem Patenonkel (Ben Kingsley) macht, humpelt der kriegsversehrte Inspektor hinterdrein. Der tragikomische Slapstick der Verfolgungsjagden passt zur uneingestandenen, aber tief empfundenen Traurigkeit, die hinter der leicht lächerlichen Arroganz des Inspektors steckt: Der wohl faszinierendste Effekt des Films ist denn auch eine minimalistische 3-D-Großaufnahme von Gustaves immer näher rückendem Gesicht.

Die restlichen Figuren bleiben eindimensionale Typen (Kingsley macht seine Sache aber sehr gut, wie auch Christopher Lee in einem Gastauftritt – mit Cohen ein Triumvirat britischer Schauspielkunst verschiedener Generationen), dafür beeindruckt die artifizielle Monumentalität des Montparnasse-Sets, das die Schwarz-Weiß-Illustrationen der Vorlage in einen farbenprächtigen Themenpark verwandelt. Das ist eine Zeit lang bedenklich nahe an der hübschen, doch leeren Mechanik eines Kettenreaktionskinos à la Jean-Pierre Jeunet (Delicatessen, Amélie).

Der wahre Fall des Filmpioniers Méliès

Allerdings schafft Scorsese schon große thematische Zusammenhänge: Sein häufiges Abtauchen in die beeindruckenden Räderwerke der Uhren beschwört die vergleichbare Maschinerie der Filmprojektion wie auch Vergänglichkeit (dazu fügt sich auch die Metallprothese am lädierten Bein des Inspektors als Kriegserinnerung). Doch erst mit der Aktivierung des väterlichen Automaten geht alles zusammen – dann zeichnet der mechanische Mann ein berühmtes (Film-)Bild – die Rakete im Auge des Mondes aus dem Méliès-Meisterwerk Die Reise zum Mond (1902). Wenn Hugo dann nach dessen Schöpfer sucht und über die Anfänge des Kinos zu recherchieren beginnt, kommt Scorseses Film wirklich in die Gänge. Sein filmhistorisches Rettungsprojekt hat im wahren Fall von George Méliès den idealen Nährboden: Der Exzauberer schuf in den ersten zwei Kinodekaden hunderte Kurzfilme, deren verblüffende Tricks und artistische Innovationen das neue Medium beflügelten und weltweit Erfolg hatten. Dann ging seine Firma pleite, er wurde schnell vergessen, arbeitete als Zuckerl- und Spielzeugverkäufer im Montparnasse-Bahnhof – bis er Anfang der 1930er (samt verschollen geglaubter Werke) wiederentdeckt und geehrt wurde.

In der zentralen Rückblende erinnert sich Méliès an seine Hochblüte, Scorsese schwelgt in 3-D-Rekonstruktionen früher Kinomagie samt fantastischer Fabelwesen und wundersamer, handgemachter Effekte: eine digitale Liebeserklärung an die analoge Ära. Puristen mögen darin eine Ironie sehen. Für Scorsese ist es eine Utopie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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