Evolution nach der Revolution

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Energieeffizienz: Das Passivhaus hat in den vergangenen Jahren einen starken Boom erlebt. Doch Experten mahnen ganzheitlichere Konzepte ein.

Wer sich im Baubereich auf die Suche nach dem Erfolgsmodell der letzten Jahre macht, der landet schnell beim Passivhaus. Eine Statistik der IGPassivhaus veranschaulicht die Entwicklung: Betrug der im Passivhausstandard errichtete Gebäudebestand im Jahre 2000 gerade einmal 60 Stück, zählte man nur zehn Jahre später bereits 11.800 Häuser, Tendenz weiter stark steigend. „Allein in Niederösterreich wird mittlerweile fast ein Viertel aller neuen Einfamilienhäuser in diesem Standard errichtet“, sagt Johannes Kislinger, Obmann der IG Passivhaus Ost.

Es ist vor allem die Energiebilanz, die für dieses Modell spricht: Im günstigsten Falle kommt ein Passivhaus gänzlich ohne Heizung aus. Wird doch eine externe Wärmezufuhr benötigt, entspricht sie gerade einmal dem jährlichen Äquivalent von 1,5 Liter Heizöl pro Quadratmeter. Damit verbraucht ein Passivhaus um 75 Prozent weniger als ein herkömmlicher Neubau. Möglich werden solche Werte durch eine konsequente Gebäudedämmung und die Nutzung von Sonnenwärme sowie der Rückgewinnung der Abwärme von Personen und Haushaltsgeräten durch ein wärmegekoppeltes Belüftungssystem, das auch für ein ausgeglichenes Raumklima sorgt.

Argument: Förderungen

Das allein würde den Passivhaus-Boom aber nicht erklären. Den Einsparungen bei der Wärmeenergie stehen nämlich die höheren Kosten bei der Errichtung gegenüber, die zwar in den letzten Jahren gesunken, aber immer noch zwischen fünf und zehn Prozent betragen können. Ein gewichtiges Argument für Häuslbauer sind die mehr oder weniger großzügigen Förderungen, die die Bundesländer speziell für Passivbauten ausschütten. „Am großzügigsten zeigt sich dabei Vorarlberg, wo sich Zuschüsse von bis zu 85.000 Euro lukrieren lassen“, weiß Kislinger. In Niederösterreich gibt es eine Pauschale von 50.000 Euro, in Wien macht man immerhin noch bis zu 18.000 Euro locker.

Ob das noch lange so bleibt, ist allerdings fraglich. Zum einen droht eine signifikante Kürzung der Wohnbauförderung im Zuge des Sparpakets, zum anderen wird die EU ihre Energieeffizienzrichtlinien für neue Gebäude bis 2020 so verschärfen, dass „der Passivhausstandard de facto bereits 2016 übertroffen sein wird“, so Kislinger. Eine spezielle Förderung würde sich dadurch erübrigen, Bundesländer wie Oberösterreich denken bereits laut über die Anpassung ihrer Förderpolitik an die sich verändernden Rahmenbedingungen nach.

Davon abgesehen wird langsam Kritik laut an dem Modell. Sonja Geier von der Abteilung Nachhaltige Gebäude am AEE-Institut für Nachhaltige Technologien lobt das Passivhauskonzept zwar für seine Vorreiterrolle als „Tool, das anhand einfacher, aussagekräftiger Kriterien eine Gebäudebewertung ermöglicht“, weist aber gleichzeitig auf seine einseitige Ausrichtung hin: „Da es im Wesentlichen nur den Heizwert berücksichtigt und etwa keine Angaben über die sogenannte ,graue Energie‘ macht, die für die Errichtung der Häuser benötigt wird, greift das Modell zu kurz.“ Stattdessen fordert sie ein Gesamtenergiekonzept ein, das nicht nur diese graue Energie, sondern das Nutzerverhalten mit einschließt. „Es macht nämlich wenig Sinn, im Grünen ein Passivhaus zu errichten, wenn dessen gute Energiebilanz dann etwa durch lange Anfahrtswege der Nutzer zur Arbeit wieder zunichtegemacht wird“, kritisiert die Expertin.

In eine ähnliche Richtung argumentiert Ardeshir Mahdavi, Ordinarius der Abteilung für Bauphysik und Bauökologie der Technischen Universität Wien. Er wünscht sich einen „holistischen Blick auf nachhaltiges Bauen“, der sich mehr an empirischen Erkenntnissen und weniger an ideologischen Glaubenssätzen orientiert.

Gesamtenergiebilanz gefragt

„Die ausschließliche Fixierung auf die Energieeffizienz eines Einzelgebäudes ist zu wenig. In die Gesamtenergiebilanz einbezogen werden müssen auch ökologische Überlegungen wie die städtebaulichen Rahmenbedingungen, das heißt die effiziente Flächennutzung und die Vermeidung von Zersiedelung, die Entsorgungsproblematik der verwendeten Baustoffe und nicht zuletzt die Bedürfnisse und Verhaltensmuster von Nutzern“, so Mahdavi. Er verweist in diesem Zusammenhang auf den sogenannten „Rebound-Effekt“, der bei Energieeffizienzmaßnahmen etwa im Passivhauswohnbau oder nach Sanierungen nicht selten zu beobachten ist. „Wenn etwa der Nutzer an seinem ursprünglichen Energiebudget festhält und die durch die thermischen Verbesserungsmaßnahmen erzielten Einsparungen durch kontraproduktives Nutzungsverhalten wieder nivelliert, kann man in die Situation kommen, dass die Gesamtenergiebilanz eines Passivhauses negativer ausfällt als erwartet“, warnt der Experte und fordert Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung ein.

Praxisorientiert sind die Schulungen, zu denen Kislinger rät. Ein Bauherr, der ein Passivhaus ins Auge fasst, solle sich im Rahmen einschlägiger Kurse, wie sie etwa Umweltberatungen anbieten, mit der Materie beschäftigen. Nur so ließen sich eventuelle negative Überraschungen vermeiden. Er verweist in diesem Zusammenhang auf die komplexe Planungskultur beim Passivhauskonzept, die eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten erfordert. „Um das gewünschte Ergebnis zu erzielen, müssen alle Elemente aufeinander abgestimmt werden“, so der Experte. Er rät vor Abnahme des Baus zu einer Prüfung durch eine unabhängige Institution.

Auf einen Blick

Passivhäuser punkten durch geringen Energieaufwand beim Heizen. Die niedrigen Werte werden durch Dämmung sowie Wärmerückgewinnung über ein Komfortlüftungssystem erreicht. In die Kritik ist das Konzept geraten, weil es statt einer Gesamtenergiebilanz nur die Heizenergie berücksichtigt.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.igpassivhaus.at, www.aa-intec.at,

www.tu-wien.ac.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)


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