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Wie ein Bauernsohn zur Tötungsmaschine wurde

(c) AP (Stuart Price)
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Silvère war ein Kindersoldat. Zwei Jahre lang wurde er von Burundis Rebellen zum Morden gezwungen. Immer wieder holt ihn die Vergangenheit ein.

"Er starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an und schrie um Gnade. Dann rammte ich ihm das Messer ins Herz. Das war mein erster Toter. Es folgten ungefähr 35 weitere. Aber die durfte ich mit der Kalaschnikow erschießen. Das war nicht so schlimm.“

Mit von Joints getrübtem Blick starrt Sylvère Ndayishimiye ins Nichts und erzählt. Die Drogen sollen ihm helfen zu vergessen, doch sie sind nicht stark genug. Immer wieder holt ihn die Vergangenheit ein. Der heute 22-Jährige war wie tausende andere Buben und Mädchen Kindersoldat im burundischen Bürgerkrieg (1993–2005) zwischen Hutus und Tutsi, Rebellen und Regierung, bei dem über 250.000 Menschen starben.

„Wir hatten einen Regierungssoldaten gefangen genommen. Er war ein Tutsi. Vier Männer hielten ihn am Boden fest. Dann drückten sie mir das Messer in die Hand und sagten: ,Jetzt bist du dran!‘, erinnert sich Sylvère an den Tag, an dem er das Leben eines Mannes beendete und sein eigenes zerstörte. „Er war ungefähr 35, ich 15. Ich sagte: ,Ich kann das nicht!‘ ,Töte ihn, oder wir töten dich‘, sagten meine Männer. Sie hielten Kalaschnikows im Anschlag. Da habe ich zugestochen“, sagt Sylvère, selbst Hutu. Als das Blut an der Hand des Buben kalt wurde, hatten die Kämpfer der burundischen Hutu-Rebellenorganisation „Forces Nationales de Libération“ (FNL) ihr Ziel erreicht: Sylvère war zu einer Tötungsmaschine geworden.

Das rohstoffarme Burundi ist das drittärmste Land der Welt. Rund zwei Drittel der Bevölkerung müssen von weniger als einem Euro pro Tag leben. Der Bürgerkrieg war Hauptursache der katastrophalen Lage in der ehemaligen deutschen Kolonie, in der die Tutsis jahrzehntelang die politische und wirtschaftliche Elite bildeten, obwohl rund 85 Prozent der Bevölkerung Hutus sind. 1993 kam erstmals durch demokratische Wahlen ein Hutu-Präsident an die Macht, er wurde nach nur 100 Tagen im Amt ermordet, der Bürgerkrieg brach aus.

 

Mit Drogen ruhiggestellt

Bauernsohn Silvère, der nie eine Schule besuchte, wurde in diesem Krieg unfreiwillig zum Mörder. Er arbeitete als Koch, als 13 schwer bewaffnete FNL-Kämpfer ihn entführten. Noch am gleichen Tag schnitten sie ihm mit einem schmutzigen Messer einen Code in den linken Arm und seinen zukünftigen Dienstgrad – Späher – in den rechten Arm. Sein ganzes Leben lang werden die Narben den ehemaligen Kindersoldaten an die schlimmsten zwei Jahre seines Lebens erinnern. Zwei Monate lang musste Sylvère Munition und Proviant für die Rebellen schleppen, immer auf der Flucht vor den Regierungstruppen, immer in Todesangst, dann begann im Busch sein militärisches Training. Kung Fu, Pistole, Kalaschnikow, Handgranate, Granatwerfer – dann der erste Mord als „Abschlussprüfung“.

„Von meinem Hauptmann habe ich immer Drogen gekriegt, meist Cannabis aus Tansania, nachts haben wir Dörfer geplündert und alles geraucht und getrunken, was wir in die Hände bekamen. Die Drogen haben die Angst vor dem Töten genommen“, erinnert sich der stockend sprechende Mann. Jetzt muss Silvère sich die Drogen, die die Angst vor den Träumen nehmen sollen, selbst kaufen. Ein paar Krümel Haschisch hat er in ein Bananenblatt eingewickelt und neben sein Bett gelegt. Für die kommende Nacht reicht es. Wie Silvère die übernächste Nacht überstehen soll, weiß er nicht.

Neben den Drogen sollte die politische Indoktrination Silvère zu einem bedingungslosen Killer machen. „Sie haben mir gesagt, dass wir für das Gute und die Freiheit kämpfen. Sobald wir an die Macht kämen und unser Anführer Präsident wäre, sollte jede Familie eine Kuh und eine Ziege bekommen. Irgendwann habe ich das geglaubt“, gibt Silvère zu. Heute schämt er sich dafür.

 

Kinder als Kanonenfutter

„Kinder sind leicht zu manipulieren, sie sind sich der Finalität des Todes nicht bewusst. Sie werden deshalb oft besonders brutale Soldaten“, sagt Théodora Nisabwe. Die Psychologieprofessorin an der Université du Burundi in der Hauptstadt Bujumbura hat für die UNO eine Studie zu Kindersoldaten verfasst. Einige ihrer Erkenntnisse: „Kindersoldaten waren billiger als reguläre Soldaten, besonders oft wurden Straßenkinder zwangsrekrutiert. Sie wurden oft an vorderster Front als Kanonenfutter verheizt oder als unverdächtige Kundschafter missbraucht. Mädchen dienten oft als Sexsklaven der Soldaten.“ Weil sie im Krieg gelernt haben, sich mit Gewalt zu nehmen, was sie wollen, rutschen sie, wenn sie sich wieder in die Zivilgesellschaft eingliedern sollen, besonders oft in die Kriminalität ab.

 

Selbst seine Eltern hatten vor ihm Angst

„Wir waren gute Soldaten“, sagt Silvère noch heute. In seiner 200 Mann starken Einheit waren sieben weitere Minderjährige. Vier von ihnen sah er sterben, und auch ihn hätte es beinahe erwischt. Bei einem Gefecht traf die Kugel einer Kalaschnikow ihn an der linken Wade, er wurde gefangen genommen und gefoltert. Schließlich befreiten ihn die Rebellen. Doch die schlecht verheilte Wunde am Fuß lässt Sylvère noch heute humpeln.

Warum hat er nicht versucht zu fliehen? „Hätten sie mich entdeckt, hätten sie mich getötet“, sagt Silvère. Als er zwei Jahre nach seiner Entführung plötzlich wieder in seiner Heimatstadt Bururi auftauchte, hatten selbst seine eigenen Eltern Angst vor dem totgeglaubten Sohn. „Alle fürchten sich vor mir, niemand will mir Arbeit geben, kein Mädchen möchte mit mir zusammen sein, dabei habe ich während des ganzen Krieges nicht eine einzige Frau vergewaltigt“, sagt er.

Seit 2011 nimmt die politisch motivierte Gewalt in dem Neun-Millionen-Land im Süden Afrikas wieder zu. Sicherheitsbehörden haben nach Angaben von Bürgerrechtlern in den vergangenen sechs Monaten mehr als 300 Ex-Rebellen und Oppositionelle hingerichtet. Die „International Crisis Group“ warnt, dass viele perspektivelose Ex-Kindersoldaten sich wieder den Rebellen anschließen könnten, die angeblich Kämpfer mit satten Prämien anwerben. Experten befürchten einen neuen Bürgerkrieg.

„Wie kann das sein? Wir haben gemordet und sind ermordet worden. Für nichts. Allen geht es schlechter als vorher. Alles, nur nicht wieder Krieg“, sagt Silvère, der nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen will. Offiziell ist der Bürgerkrieg seit mehr als sechs Jahren vorbei, doch in Sylvères Kopf geht der Krieg weiter. Jede Nacht.

Auf einen Blick

Die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten ist auf der ganzen Welt verboten, doch nach Schätzungen kämpfen immer noch 250.000 Minderjährige, die meisten von ihnen in Afrika. Jeder dritte Kindersoldat soll ein Mädchen sein. Die UNO geht davon aus, dass zwischen 1990 und 2000 etwa zwei Millionen Kinder fielen, sechs Millionen zu Invaliden wurden und zehn Millionen durch Kampfhandlungen schwere seelische Schäden erlitten. Der 12. Februar ist der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)