Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Raimund Fellinger: Die Bernhardisierung der Welt

Raimund Fellinger Bernhardisierung Welt
Thomas Bernhard Tasse(c) APA (Huber-Lang)
  • Drucken

Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger will Thomas Bernhards frühe Prosa-Arbeit "Schwarzach-St.Veit" und sein letztes Stück veröffentlichen. Ein Gespräch mit der "Presse am Sonntag".

Sie veranstalten im Herbst in Goldegg im Pongau ein Thomas-Bernhard-Festival. Ist das ein weiterer Schritt zur innerösterreichischen Umgemeindung Bernhards von Oberösterreich nach Salzburg?

Raimund Fellinger: Es gibt ja schon seit zehn Jahren die St.Veiter Tage. Darum wird das in Goldegg kein Symposion für Spezialisten, sondern ein klassisches Festival. Es geht darum, dass man Bernhard hört, vorgetragen von erstklassigen Künstlern. Das findet hier statt, da das nahe Schwarzach für Bernhard, nach dem eineinhalbjährigen gesundheitlich erzwungenen Aufenthalt, bis Ende der 1950er-Jahre einer seiner Lieblingsorte war. Die Häuser bleiben in Oberösterreich, die könnte man ja schlecht umsiedeln.

Wie sehr ist denn Thomas Bernhard ein lokales Phänomen?

Überhaupt nicht. Bernhard wird überall gespielt und gelesen, in Europa sowieso, aber auch in Australien und Lateinamerika. In Österreich selbst findet allerdings sehr wohl eine Umdeutung Bernhards statt, und die geht in Richtung Staatskünstler. Das war im vergangenen Jahr nicht zu übersehen.

Wie kam es zu dieser Verstaatskünstlerung?

Vielleicht ist Bernhard durch die Germanistik, durch die Lesarten, die sich entwickelt haben, bereits so konfektioniert, dass man ihn mit drei Zuschreibungen – „Übertreibungskünstler“, „meint alles nicht so ernst“, „beschimpft Österreich“ – im Griff hat. Vielleicht hat auch der Suhrkamp Verlag das Seine dazugetan, durch eine 22-bändige Werkausgabe. Jetzt trifft auf Bernhard zu, was Frisch über die erste Brecht-Werkausgabe gesagt hat: Er habe nun die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers. Bernhard nähert sich, was die Anzahl der Sprachen betrifft, in die er übersetzt wird, langsam Hesse an. Vielleicht aber ist es so, dass der Zynismus, für den Bernhard auch stehen kann, zur allgemeinen Daseinsform geworden ist, dass es so etwas gibt wie eine Bernhardisierung der Welt.

Zugleich findet eine Entpolitisierung der Politik statt. Auch das könnte Bernhard entgegenkommen. Als „politisches Phänomen“ wurde er ja nur außerhalb seiner Literatur wahrgenommen.

Auch darin irrt man. Rekonstruieren wir nur einmal kurz den Entstehungskontext von „Frost“. Das war 1963, davor gab es Gerhard Fritsch, „Moos auf den Steinen“, als österreichisches Verklärungsbild. Dann gab es, kaum wahrgenommen, 1960 mit „Die Wolfshaut“ von Hans Lebert den ersten Antiheimatroman. Bernhard hatte ihn gelesen und sich gedacht: „Das kann ich besser.“ Und dann kam ein Überbietungsmechanismus in Gang, der dazu führte, dass „Frost“ der Roman wurde, der all die schönen Bilder, die man sich über Österreich gemacht hatte, wegfegte. Wenn man dann den Bogen zum letzten veröffentlichten Werk „Auslöschung“ spannt, zeigt sich, dass Bernhard auch dann, wenn man von der „Heldenplatz“-Auseinandersetzung absieht, ein politischer Autor war.

Das Staatskünstler-Werden hätte Konrad Lorenz vielleicht die Verhausschweinung der Kunst genannt.

Die Strategie, jemanden dadurch unschädlich zu machen, dass man ihn vereinnahmt, ist nichts spezifisch Österreichisches. Selbst wenn Bernhard inzwischen Schullektüre ist und zum Kanon gehört, kann und muss es den Versuch geben, das Werk, wenn man so will, wieder aufzurauen. Darum heißt das neue Festival, das wir gerade ins Leben gerufen haben, „Verstörungen“. Es geht darum, die Facetten, die im Lauf der Zeit verschwinden, wieder zum Vorschein zu bringen – auch gegen Thomas Bernhard selbst, der da sitzt und, weil ihm nichts Besseres einfällt, erklärt, er sei ein „Geschichtenzerstörer“. So ein Unsinn. Der Titel meines Eröffnungsstatements beim ersten Festival wird wohl lauten müssen: „Die Korrektur der Korrektur“. Es geht nicht zuletzt um die Korrektur eines Bildes, das es von Bernhard gibt.

Als sein Lektor waren Sie gewissermaßen die erste Öffentlichkeit, auf die Thomas Bernhards spätere Werke trafen. Was war charakteristisch an diesem Verhältnis?

Als ich 1979/1980 begann, mit ihm zu arbeiten, war er bereits schwer krank. Das wusste ich damals aber, glaube ich, nicht. Selbst als wir die letzten Briefe von ihm bekamen, wussten wir nicht wirklich, wie schlecht es um ihn steht. Ob das also nun mit seiner Krankheit zusammenhing oder nicht: Mir fiel auf, dass er am Montag sein Manuskript auf die Post brachte, sodass es Donnerstag oder Freitag bei uns im Verlag war. Freitag rief er an, um sich zu versichern, dass das Manuskript da war. Montag rief er an und fragte: Wann kann ich denn das fertige Buch haben? Vielleicht fürchtete er wirklich, dass er vor der Veröffentlichung stirbt.

 

Gibt es noch unveröffentlichte Bernhard-Manuskripte, die Ihr Verlag in der Lade hat?

Fellinger: Es gibt – und auch das spricht dafür, das Festival im Pongau zu machen – ein wunderbares Typoskript, vielleicht das dickste Bernhard-Typoskript überhaupt, das heißt „Schwarzach-St. Veit“. Einen Teil daraus hat er in seiner letzten Buchpublikation, „In der Höhe – Rettungsversuch. Unsinn“, verwertet. Der Text ist durchgeschrieben, man kann das trotz einiger modernistischer Versuche heute immer noch lesen. Das liegt genauso da wie das fast komplett fertige letzte Theaterstück. Man darf nicht vergessen, dass Bernhard ab Beginn der 1980er-Jahre die Angst hatte, dass Unseld ihn fallen lässt. Den Roman „Auslöschung“ hatte er auf Halde produziert, damit er im Fall des Falles sagen kann: Hier habe ich etwas. Zum Zeitpunkt, als er uns das Manuskript gegeben hatte, wäre er physisch gar nicht mehr in der Lage gewesen, so lange an der Schreibmaschine zu sitzen. Darum hatten wir den Eindruck, dass er gar nicht so krank sei.

 

Was passiert jetzt mit „Schwarzach-St. Veit?“

Ob wir es veröffentlichen können, weiß ich nicht. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, es nicht zu veröffentlichen– das gilt auch für den noch nicht veröffentlichten Briefwechsel mit seinem „Lebensmenschen“ Hedwig Stavianicek. Er hatte ja sowohl „Schwarzach-St. Veit“, das noch vor „Frost“, also um 1959, entstanden ist, als auch das Theaterstück mit dem Titel „Die Schwerhörigen“ zur Publikation angeboten. Was ich nicht zur Publikation empfehlen würde, sind die mehr als 3200Seiten mit Gedichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)