Davis Cup: Melzer siegt, Österreich im Viertelfinale

Juergen Melzer
(c) AP (Hans Punz)

Nach 15 Jahren steht Österreichs Tennisteam wieder im Viertelfinale. Nach dem Erfolg über Russland zählt die Equipe von Clemens Trimmel zu den acht besten Mannschaften der Welt. Gegner ist Titelverteidiger Spanien.

[WR. NEUSTADT] Der Blick in die Tennis-Weltrangliste lässt nicht vermuten, was sich am Wochenende in Wiener Neustadt ereignete: Dort schaffte Österreichs Davis-Cup-Team den Aufstieg ins Viertelfinale dank eines Erfolges über Russland. Erstmals seit 1995 zählt Österreich damit wieder zu den acht besten Tennisnationen.

Das ist eine Überraschung, denn in der Weltrangliste findet sich Jürgen Melzer – ehe das neue Ranking veröffentlicht wird – als bester ÖTV-Spieler gerade einmal auf Platz 40. 127. ist Andreas Haider-Maurer, 198. Martin Fischer. Russlands Verband hat immerhin vier Spieler unter den Top-51: 32. Michail Juschnij, 34. Alex Bogomolow, 49 Dmitrji Tursunow, 51. Nikolaj Dawydenko. Lediglich im Doppel sind die Österreicher in der Rangliste überlegen.

Doch das Sportgeschäft lebt von Überraschungen und nicht von Statistiken und Ländervergleichskämpfe wie der Davis Cup von ihrer eigenen Dynamik: Nach den Siegen von Melzer und Haider-Maurer am Freitag, ließen am Samstag Oliver Marach und Alexander Peya im Doppel aus. Die favorisierte österreichische Paarung erlebte im fünften Satz einen Einbruch, Russland verkürzte auf 1:2.
Also war Jürgen Melzer am Sonntagnachmittag in der Arena Nova gegen die gegnerische Nummer eins, Alex Bogomolow, zum Siegen verurteilt: „Ich wusste, dass ich gewinnen muss. Es ist immer gefährlich, es auf die fünfte Partie ankommen zu lassen“, sagte Melzer. Clemens Trimmel, der neue Non-Playing-Captain, hatte ihn gut vorbereitet: „Geh raus und hab Spaß“, hatte er ihm auf den Platz mitgegeben und ihn immer wieder eingeklatscht. Ganz besonders im zweiten Satz, als Melzer einen „Hänger“, wie er es nannte, überwinden musste. „Dann habe ich mich in einen Rausch gespielt“, erzählte Melzer, nachdem er sich nach 1:43 Stunden mit 6:2, 6:4 und 6:1 durchgesetzt hatte. „Viele haben über Jürgen Melzer gelästert, weil er nicht mehr unter den Top Ten der Welt ist“, sagte Trimmel. „Wie er mit der Situation umgegangen ist, war großartig.“

Der Erfolg kommt zu einem günstigen Zeitpunkt für die neue Verbandsspitze: Trimmel ist seit Jahresbeginn als Sportdirektor und Davis-Cup-Captain im Amt. Am 25. März wird aller Voraussicht nach Ronnie Leitgeb Ernst Wolner als ÖTV-Präsident beerben. Der Sieg nimmt Trimmel und Leitgeb Zeitdruck. Denn mit dem Aufstieg in das Viertelfinale darf Österreich auch im kommenden Jahr in der Davis-Cup-Weltgruppe spielen, die Relegation bleibt dem Team erspart – ganz unabhängig vom Ausgang des Viertelfinales. „Das ist für das Gesamtsystem des österreichischen Tennis-Sports wichtig“, sagt Leitgeb. „Weil Relegation heißt immer Risiko und weniger Einnahmen. Geld, das wir wieder in den Nachwuchs investieren können.“

50:50-Chance gegen Spanien

Die nächste Aufgabe für Trimmels Equipe aber wird knifflig: Am Osterwochenende (6. bis 8. April) wartet auswärts Titelverteidiger Spanien. „Wir sind krasser Außenseiter“, sagte Trimmel, „aber wir fahren nicht zum Urlauben hin“. Er wähnt eine Chance, weil Spanien ohne Rafael Nadal und David Ferrer auskommen muss. Die beiden Topspieler verzichten heuer unter anderem wegen der Olympischen Spiele auf den Davis Cup.
Dass die übrigen spanischen Spieler nicht zu unterschätzen sind, zeigte sich am Wochenende: Nicolas Alamagro, Juan Carlos Ferrero, Marcel Granollers und Marc Lopez hatten mit Kasachstan kaum Probleme. Die Erinnerungen an Spanien aber sind gut: 1995 zog Österreich mit einem 4:1 gegen Spanien ins Viertelfinale ein. Dort aber war nach dem 0:5 gegen Schweden Endstation.

Leitgeb sieht für Österreich in Spanien, wo voraussichtlich auf Sand gespielt wird, zumindest eine 50:50-Chance: „Es ist ein bisschen ein Kreis, der sich schließt. Ich habe als Kapitän mit einem Viertelfinale nach einem Sieg über Spanien aufgehört und jetzt haben wir ein Viertelfinale in Spanien.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2012)