Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schrecken in Innsbrucker Klinik

Symbolbild
(c) Www.BilderBox.com (BilderBox.com)
  • Drucken

Auch an der Innsbrucker Kinderpsychiatrie sollen in den 1970er-Jahren medizinische Tests an Heimkindern vorgenommen worden sein. Betroffene berichten von systematischen Misshandlungen.

Innsbruck/Wien. Vergangene Woche wurden vom Historiker Horst Schreiber Anschuldigungen erhoben, wonach in den 1970er-Jahren auch an der Innsbrucker Kinderpsychiatrie medizinische Versuche an Heimkindern vorgenommen worden seien. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen die mittlerweile verstorbene Maria Nowak-Vogl, bis 1987 Leiterin der Anstalt.

„Viele meiner Klienten haben im Laufe ihrer Heimkarriere alle erdenklichen Arten von Gewalt und Missbrauch erlebt, die Zeit in der Psychiatrie bei Nowak-Vogl bezeichnen die meisten aber als die dunkelste und schrecklichste Zeit ihres Lebens“, sagt die Innsbrucker Psychotherapeutin Ulrike Paul, die ehemalige Heimkinder betreut. „Zu einem Objekt degradiert zu werden, mit dem man nach Belieben machen kann, was man will, hat vielen Betroffenen endgültig den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Die Kinderpsychiatrie sei eine Durchlaufstelle für viele Heimkinder gewesen. „Man begutachtete sie und entschied über ihren weiteren Werdegang. Viele verbrachten dort Monate, das lag ganz und gar im Ermessen der Institutsleitung, die dadurch über enorme Macht verfügte.“

 

Im Dunkeln ans Bett gefesselt

Eine Klientin erzählte ihr, wie sie als Achtjährige über einen Zeitraum von drei Monaten zusammen mit anderen Buben und Mädchen wöchentlich eine Spritze in den Oberschenkel bekommen habe, ohne je über den Zweck aufgeklärt worden zu sein. „Sie wurden sogar wiederholt in die Innsbrucker Klinik gebracht, wo sie mehrere Ärzte untersuchten und sich anscheinend über die Versuchsergebnisse erkundigten“, vermutet Paul. „Nur zu Weihnachten, als sie sich als eines von wenigen Kindern in der Psychiatrie aufhielt, wurde sie verschont und bekam keine Spritzen.“

Man dürfe Nowak-Vogl nicht als Einzeltäterin verstehen, die allein vor sich hin gewerkt hat. Der Verdacht liege nahe, dass man auch in anderen Bereichen der Klinik über die Machenschaften Bescheid wusste. Ein weiterer Klient habe davon berichtet, ständig in der Nacht ohne erkennbaren Grund geweckt worden zu sein. Wiederum ein anderer sei in dunklen Räumen ans Bett gefesselt und mit Kameras beobachtet worden. „Einem Mädchen im Volksschulalter warf Nowak-Vogl vor, sich aufs Klo zurückzuziehen, um zu onanieren. Dabei ging sie nur dorthin, um Wasser zu trinken“, so Paul. „Denn weil sie Bettnässerin war, gab man ihr zur Strafe oft nichts zu trinken.“

Diese Versuche standen laut Paul „in der Tradition des Nationalsozialismus und knüpften an die Menschenversuche an, die in dieser Zeit stattgefunden haben“. Sie beklagt, dass die Grausamkeit der Experimente bei den bisherigen Entschädigungszahlungen des Landes an Betroffene keinen angemessenen Niederschlag gefunden hätten. Nach den Enthüllungen der letzten Tage hoffe sie aber, dass die Ära Nowak-Vogl erneut aufgerollt und beleuchtet wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)