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Psychiatrie: Externe Experten für "Causa Malaria"

Symbolbild
(c) AP (Matthias Rietschel)
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Die Medizinischen Universität Wien will mögliche Malariaversuche an der ehemaligen "Klinik Hoff" doch extern untersuchen lassen - sowie die gesamte Fakultätsgeschichte nach 1945. Die Entscheidung überrascht.

Wien. Sieben Tage ließ die Entscheidung der Medizinischen Universität Wien auf sich warten – nun soll sie fast siebzig Jahre der Geschichte der Universität betreffen: Nachdem am Montag vergangener Woche Vorwürfe von Patienten der ehemaligen „Klinik Hoff“ am AKH publik wurden, die über Malariatherapien in den 1960er-Jahren berichteten, gab die MedUni gestern, Montag, die Einberufung einer externen Expertenkommission bekannt.

Diese soll nicht nur die „Causa Malaria“ untersuchen, sondern die Vorgänge an der medizinischen Fakultät nach 1945 generell, im Speziellen die Situation psychisch Kranker. Die Entscheidung überrascht. Hatte doch Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, zuletzt das klinikinterne Team für „neutral genug“ erachtet. Die Führung der MedUni sieht dies scheinbar anders – und bat die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin sowie den Patientenanwalt Konrad Brustbauer um Mithilfe, drei weitere Experten sollen noch ernannt werden.

Konrad Brustbauers Teilnahme verwundert dabei: Als Patientenanwalt wollte er in der Causa nicht tätig werden. „Ich sehe zivilrechtlich keine Möglichkeit für Schadenersatz“, so Brustbauer, „aber bei der Aufarbeitung sollte ein Patientenvertreter dabei sein.“

Auf die Frage, ob er als Patientenanwalt selbst umstrittene Psychiatrie-Methoden thematisieren wolle – etwa Netzbetten und das Festschnallen von Patienten, zuletzt ein Thema nach Vorwürfen gegen die Baumgartner Höhe 2007 – gibt sich Brustbauer zögernd: „Wenn keine Beschwerde kommt, wird von mir nichts kommen.“

 

Auch Zeit nach 1945 beleuchten

Kritischer klingt dies bei Christiane Druml, Vizerektorin der MedUni Wien für klinische Angelegenheiten, die in einer Aussendung von einer „selbstkritischen Bestandsaufnahme“ über die Zeit nach 1945 spricht. Welche Abschnitte der Fakultätsgeschichte man genau beleuchten wolle, legte Druml nicht fest: „Wir rufen die Gruppe gerade erst ins Leben.“ Eine Aufarbeitung sei schon länger anvisiert worden: „Wir haben in Österreich viel Augenmerk auf die NS-Zeit gelegt, wir wollen uns nun die Zeit danach ansehen“, so Druml. Dabei spielt die NS-Zeit wohl auch für die „Zeit danach“ eine Rolle – das zeigt nicht zuletzt der Fall Heinrich Gross, der nach seinem Mitwirken im Rahmen der NS-Euthanasie später unbehelligt in Nervenheilanstalten tätig war.

Historiker sollen im Rahmen der Untersuchung umstrittene „Therapien“ in ihren geschichtlichen Kontext einordnen. Ein für die „Causa Malaria“ besonders relevanter Aspekt ist die Anwendung der Methode, mit der vor allem eine Spätform von Syphilis bis in die 1930er-Jahre üblicherweise behandelt wurde, die in den 1960ern aber als überholt galt. Zu klären gilt es nicht nur, ob der damalige Klinikleiter Hans Hoff länger an Fieberkuren festhielt als andere, sondern auch, ob Patienten missbraucht wurden, um den Malaria-Erreger zu erhalten. Dabei wird die Kommission auch fragen müssen, unter welchen Umständen Jugendliche zu Psychiatriepatienten wurden. Jener Mann, der der „Presse“ über Fieberkuren erzählte, gibt an, gegen seinen Willen, ohne seriöse Diagnose eingeliefert worden zu sein.

 

Auch Elektroschocks „normal“?

Beim Wiener Anwalt Johannes Öhlböck haben sich insgesamt zehn Personen wegen Malariaversuchen gemeldet. „Viele berichten auch über Elektroschocks“, so Öhlböck, „eine Frau musste 1963 andere Patienten nach deren Elektroschocks füttern und sah deren Zustand genau.“ Öhlböck kritisierte zuletzt die Verjährungsfrist von dreißig Jahren, die eine Klage fast unmöglich macht. Den Vorwurf, er habe als Anwalt mit kolportierter FPÖ-Nähe politisches Interesse an einer Klage gegen Stadt Wien oder Bund, weist Öhlböck zurück: „Ich war als Student beim Ring Freiheitlicher Studenten, bin aber ausgetreten – ich stehe keiner Partei nahe und vertrete vor allem meine Mandanten.“

Auf einen Blick

Am vergangenen Montag hatte der 63-jährige Wilhelm J. in einem Ö1-Interview als Erster schwere Vorwürfe gegen die ehemalige „Klinik Hoff“ am AKH erhoben, weil er dort bei Malariaversuchen schwere Fieberschübe durchgemacht habe. Seither meldeten sich zahlreiche weitere Opfer. Gestern, Montag, hat die MedUni Wien die Einberufung einer externen Expertenkommission verlautbart.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)