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Angelina Jolies Balkankrieg-Film weckt alte Emotionen

Angelina Jolies BalkankriegFilm weckt
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Die Erwartungen bei der Bevölkerung Sarajewos sind hoch, doch im serbisch dominierten Landesteil „Republika Srpska“ hat "In the Land of Blood and Honey" schon lange Ablehnung und Kritik erzeugt.

Der meterhohe Schnee in Sarajewo hat Angelina Jolie nicht von ihrem Trip in die Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas abgehalten: Ihr Film „In the Land of Blood and Honey“, der eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des bosnischen Kriegs (1992 bis 1995) zeigt, wird am Dienstagabend vor rund 10.000 Zuschauern in der größten Sporthalle des Landes vorgestellt.

Die Erwartungen bei der Bevölkerung Sarajewos sind hoch, doch im serbisch dominierten Landesteil „Republika Srpska“ hat der Film schon lange vor seiner Fertigstellung Ablehnung und Kritik erzeugt. Die Kontroversen verlaufen entlang den politischen Linien. Die bosniakisch-muslimische Bevölkerung und die nichtnationalistischen Bürger warten gespannt auf die Premiere. Serbische Nationalisten hingegen wollen die Vorführung des Filmes in der serbischen Teilrepublik verbieten: Sie sehen in ihm „antiserbische Propaganda“.

Doch auch die zwei Jahre lang in einem Vergewaltigungslager internierte Bosnierin Bakira Hasečić, Vorsitzende der Selbstorganisation vergewaltigter Frauen und Männer, hatte während der Dreharbeiten – ohne das Skript zu kennen – Angelina Jolie vorgeworfen, die „Erfahrungen und das Leiden der Vergewaltigten für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“. Die Story – Liebe zwischen einem serbischen Polizisten und einer Muslimin – klang nach Trivialisierung der Leiden der nichtserbischen Bevölkerung während des Krieges. Hasečić erwirkte sogar, dass die Crew aus Sarajewo abziehen und Teile des Filmes in Ungarn drehen musste.

 

Realistisches Bild des Krieges

Doch das ist Schnee von gestern. Nach einer Vorabvorführung zog Hasečić ihre Einwände zurück und fand lobende Worte für Jolie. Die ethnisch gemischte Kulturszene Sarajewos hatte die Kritik ohnehin zurückgewiesen: Der Film zeige ein realistisches Bild des Krieges und seiner Ursachen.

Die serbische Militäroffensive hatte damals zum Ziel, große Teile Bosniens zu erobern und die nichtserbische Bevölkerung zu vertreiben. Diese „ethnischen Säuberungen“ waren für die serbische Führung Mittel zum Zweck, erklärte kürzlich General Jovan Divjak. Er ist Serbe, war aber Verteidiger der Stadt und eines multinationalen und multireligiösen Bosniens gegen Slobodan Milošević, Radovan Karadžić und Ratko Mladić.

Das Aufdecken dieses Zusammenhangs fürchten die serbischen Nationalisten in Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik. Sie sehen in dem Film eine „Verfälschung der Geschichte“. Sie möchten nicht über Lager und Kriegsverbrechen sprechen. Vom UN-Tribunal in Den Haag verurteilte Kriegsverbrecher wie Duško Tadić wurden nach Abbüßung ihrer Strafe kürzlich in Ehren empfangen, die serbische Teilrepublik stellte sogar Geld für sie zur Verfügung. Opferverbänden ist es nach wie vor verwehrt, Gedenktafeln an den Orten des Schreckens der damaligen Lager anzubringen.

Im serbischen Parlament in Belgrad und in den serbischen Medien wurde gegen den Film mobil gemacht. Die Integrität Angelina Jolies wurde und wird angezweifelt, ihr wurden sogar Sympathien für das faschistische kroatische Ustascha-Regime unterstellt.

 

„Kulturelle Provinzialität“

Das Verbot des Films in der serbischen Teilrepublik hat dort auch kritische Stimmen geweckt. Via Facebook beklagte eine Studentin die „kulturelle und intellektuelle Provinzialität“, in der sie leben müsse. Die Diskussion über die Vergangenheit sei nicht zu unterdrücken, erklärten andere. Der gesunde Menschenverstand, die Logik und die journalistische Unabhängigkeit seien auf der Strecke geblieben, kommentierte die unabhängige Belgrader Zeitschrift „Vreme“. Auch der Vorsitzende der Liberalen Partei, Čedomir Jovanović, sprach sich gegen die Kampagne gegen Jolie aus. Doch diese serbischen Stimmen sind in der Minderheit. Und finden wenig Resonanz in den serbischen Medien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)