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Wuttkes Wagner-Würgeengel wird zum wilden Wahnsinn

Wuttkes WagnerWuergeengel wird wilden
HERBERT PFARRHOFER
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"Nach der Oper. Würgeengel" im Burgtheater-Kasino ist eine Überforderung für den Zuseher. Allerdings wird prächtig musiziert und manche Szenen sind bei aller Überladenheit der Bilder wirklich komisch.

Das Kammerorchester, das unter der Leitung von Arno Waschk am Sonntag im Burgtheater Kasino Auszüge aus Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ sowie Frühreifes von Arnold Schönberg darbot, hat etwas Surreales an sich. Nicht einmal ein Dutzend Streicher und Bläser spielen mit verblüffend vollem Klang, ein Horn klingt wie fünf Hörner. Eine Musikerin im Hintergrund hält ein Englischhorn, man hört jedoch eine Oboe. Ein Fagott ertönt wie zum Solo, der Fagottist aber ist zugleich noch ganz woanders beim Stimmen, und das Cello spielt sogar ohne Cellistin. Wie kann das sein?

Das Programmheft zu „Nach der Oper. Würgeengel“ zeigt die Lösung: Zusätzlich zur Kammermusik wird eine von Waschk dirigierte Aufnahme des Viva Musica Festival Orchestra aus Bratislava eingespielt, Dirigent und Orchester haben also Doppelgänger. So geschickt wird harmoniert, dass die Brüche kaum merkbar sind. Die Musiker in Martin Wuttkes Uraufführung bekommen auch freundlichen Applaus, während der Beifall für Inszenierung und Darsteller nach knapp drei Stunden matt ausfällt. Beides mit Grund: So viel Musik mit so wenigen Musikern! Aber auch: So viel bemühte Zerdehnung im Drama, und das bei 18 gestandenen Burgschauspielern wie Ignaz Kirchner, Catrin Striebeck, Maria Happel, Branko Samarovski, Oliver Masucci oder Andrea Clausen, um nur einige zu nennen, die sich alle ihr Viertelstündchen Ruhm abholen!

Doch das genügt nicht. Martin Wuttke hat sich übernommen, bei seiner „masochistischen Komödie“ nach Luis Buñuels mit Symbolen beladenem Film „El ángel exterminador“ (1962). Ein Gesamtkunstwerk wird entworfen, mit einer Flut von Bildern und Kostümen (Nina von Mechow schuf auch das Bühnenbild), von hochkomplexen Texten – doch der Effekt ist rasche Ermüdung durch absolute Reizüberflutung. Ein jeder suche sich was aus, wer aber alles will, muss wirklich leidensfähig sein. Wuttkes Wagner ist wilder Wahnsinn. Irgendwie sind die Zuseher in der gleichen Situation wie die Gäste im „Würgeengel“. Sie haben „Tristan und Isolde“ gesehen und lassen den Abend mit einem Fest in der Villa Nobilé ausklingen. Dort kommen ihnen nach und nach die Bediensteten abhanden. Der Rest merkt dann mit wachsender Bestürzung, dass man das Albtraumhaus nicht verlassen kann.

 

Selbstmord, Folter, Liebestod

Die geschlossene Gesellschaft packt aus, vor allem, als es am Ende wirklich dramatisch wird – man liebt, furzt, beichtet, hasst. Reflektiert. Das zuvor einschläfernde Spiel ist nun phasenweise wirklich interessant. Jemand stirbt, ein Paar begeht Selbstmord, man fällt übereinander her. Videoprojektionen (Meika Dresenkamp) zeigen ohne Unterlass frühere Szenen, man sieht Körper wie Landschaften, es wabert und wogt. Und dazwischen immer wieder, fast schon wie Folter: Schönberg. Wagner. Hege Gustava Tjønn, Agnes Palmisano, Martin Mairinger und Duccio Dal Monte sorgen für wohlgeformten Würgeengel-Klang, aber die große Oper wirkt im kleinen Kasino etwas deplaziert. Wer wirklich würdigen Wagner will, wäre woanders am Ring besser aufgehoben.

Wer sich dennoch mit Wuttkes Monster trotz Warnung vor Weltschmerz einlassen will, der sollte mehr dafür tun, als drei Stunden auf engen Kasino-Bänken abzusitzen. Der sollte zuvor siebenmal in Endlosschleife den Film ansehen, dazu simultan Blanchot, Žižek oder Houellebecq lesen und bei Isoldes Tod im Ohr an Schönbergs „Erwartung“ denken. Dann erst sollte man es wagen, die Metaphern in Wuttkes Gesamtkunstwerk zu entschlüsseln, die geheimnisvoll sind wie ein mexikanisches Hochamt mit heidnischem Hintergrund und erlösendem Gesang. Furchtsamen ist so wie der Dienerschaft ein rascher Abgang zu empfehlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2012)