Manche historische Vergleiche sind so verführerisch, dass man ihre Monstrosität glattweg übersieht.
Nicht alles, was verglichen wird, hinkt. Manche Vergleiche gehen vielmehr so locker von der Hand, dass sogar nachdenkliche Menschen den Blick für ihre Monstrosität verlieren. Am Dienstag zum Beispiel warf Rebecca Harms, Vize-Chefin der Grünen im Europaparlament, Deutschland „Geschichtsblindheit“ bezüglich der griechischen Krise vor. Denn „gerade die Deutschen sollten wissen, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg darum wieder erfolgreich sein konnten, weil es nicht nur den Marshallplan gab, sondern auch einen Schuldenerlass.“
Kann man das Deutschland des Jahres 1945, das einen Weltkrieg und einen Völkermord betrieben hat, mit dem Griechenland des Jahres 2012 vergleichen, das sich durch fahrlässige Budgetpolitik in die Abhängigkeit von Währungsfonds und EU begeben hat? Natürlich kann man das. Und dann wird man rasch sehen, dass weder die beiden Nationen noch die beiden Zeiten miteinander gleichzusetzen sind. Tut man das aber trotzdem, kann man sich in mehreren grotesken Schlüssen verheddern: Etwa, dass die Griechen ähnliche moralische Schuld auf sich geladen hätten, wie es die Deutschen mit dem Hitlerismus getan haben. Womit entweder der Nazismus verharmlost oder die Versäumnisse des immer noch demokratischen Griechenland auf die Ebene eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit gehoben werden. Für einfachere Gemüter ist der Schritt dann nicht weit zu Unfug von der Art, alle Deutschen seien Nazis oder alle Griechen faul.
Schade. Denn eigentlich warf Harms eine gute Frage auf: Ob man nämlich in Griechenland nicht nur sparen, sondern auch in den Aufbau der Wirtschaft investieren sollte. Darüber kann man sachlich diskutieren. Ganz ohne Bezug auf Adolf Nazi.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2012)