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Berlinale: Wo Blut und Schampus fließen

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(c) EPA (MATTHIAS BALK)
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Die „Cinema for Peace“-Gala raubt der Berlinale fast die Show. Der Superstar hier wie dort ist die schöne, gute und geschäftstüchtige Angelina Jolie.

Zu den köstlichen Vorspeisenvariationen wird ein flott geschnittenes Filmchen über diverse Völkermorde eingespielt. Zum butterweichen Schmorfleisch reicht man Kriegsgräuel. Die Powidltascherln garnieren effektvoll in Szene gesetzte Menschenrechtsverletzungen aller Art. Der besseren Gesellschaft Berlins bereiten die brachialen Infohäppchen ein diffuses Gefühl von schlechtem Gewissen, das sich auch mit den eifrig nachgeschenkten Spitzenweinen nicht runterspülen lässt.

So soll es sein, denn das öffnet die Herzen und Brieftaschen. Die „Cinema for Peace“-Gala, die am Montag zum zehnten Mal im Konzerthaus am Gendarmenmarkt über die Bühne ging, ist ja zunächst einmal eine Charity-Veranstaltung. Der hauptberufliche Weltenretter Bob Geldof heizt gleich zu Beginn ein: „Ich bin ein derber Ire, also zahlt, sonst werde ich euch verprügeln.“ Das ist Umverteilung mit Herz und Biss, wie sie auch der Leistungsträger mit Spitzensteuersatz zu schätzen weiß.

Aber der spezielle Aufhänger sind doch die Preise, die hier an wertvolle Filme verliehen werden – wertvoll nicht in künstlerischer Hinsicht, sondern in weltverbesserischer Absicht. Weil das Gewissen auch Hollywoodstars zu plagen pflegt, lieben sie diese Begleiterscheinung der Berlinale. Leonardo DiCaprio sorgte vor zwei Jahren für Teenagertumulte am roten Teppich. Heuer zieht Angelina Jolie alle Blicke und Herzen an sich. Gutes tun und dabei gut aussehen, eine unschlagbare Kombination. Damit kalkuliert auch „Cinema for Peace“-Erfinder Jaka Bizilj – und stiehlt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick die Show.


Erst marschierte man gemeinsam, aber weil ihm die finanzielle Gebarung zu undurchsichtig war, verließ Kosslick das Board. Seitdem herrscht Zickenkrieg. Mit seinem Filmfestival habe die Gutmenschengala nichts zu tun, grummelt Kosslick voller Groll. Was Geldof nicht daran hindert, für seinen Freund Jaka zu sticheln: Die Berlinale sei nur Spaß, „doch das hier macht den Unterschied. Hier entstehen Wunder.“

Etwa die wundersame Wandlung von Angelina Jolie zur Autorenfilmerin. Sie hat eine doppelte Mission: den Balkan befrieden und ihre erste Regiearbeit promoten, „In the Land of Blood and Honey“. Deshalb hat sie sich eine ganze Woche im Hotel Adlon einquartiert, samt Partner Brad Pitt und ihrer Kinderschar. Während ihre Romanze aus dem Bosnien-Krieg beim Festival nur matten Applaus erntet, ist sie bei „Cinema for Peace“ der unangefochtene Superstar: Sie kassiert zwei Mal, den Preis für den besten friedensstiftenden Spielfilm und einen Ehrenpreis gleich obendrein.

In der Rolle der Geehrten outriert sie aber: Ein wenig gar zu demütig, bescheiden und verlegen nimmt sie im mausgrauen Abendkleid vom Juryvorsitzenden Mohamed ElBaradei den Preis entgegen, natürlich nicht für sich, sondern für ihr multikulturelles Team. Dann darf sie wieder kuscheln mit ihrem Brad, der sich tapfer in die Rolle des verliebten Statisten fügt. Zu sehen bekommen sie noch genug: Luis Moreno-Ocampo, Chefankläger in Den Haag, überreicht zwei Gerechtigkeitsfilmpreise, die burmesische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi steuert eine bewegende Videobotschaft bei. Denn der französische Regisseur Luc Besson hat in „The Lady“ ihre Lebensgeschichte verfilmt und erhält dafür den Menschenrechtspreis des Schattenfestivals. Dazu lächeln gütig der Stammgast Catherine Deneuve und die neunzigjährige Filmlegende Christopher Lee. Und über allem schwebt, abwesend aber in Ehrenpatronanz, der Dalai-Lama.

Ein wenig von diesem Glanz, samt Tränen der Rührung, wird am Mittwoch auch nach Wien abgeleitet. Denn ein Ko-Sponsor, die Schweizer Investmentfirma Salus Alpha, holt „Cinema for Peace“ für ein Galadiner samt Charity-Auktion in die Albertina. Da kommt zwar nicht Angelina, aber dafür Nastassja Kinski. Wer dabei sein will, sollte Kreditkarte und Taschentuch nicht zu Hause lassen.

Auf einen Blick

„Cinema for Peace“ ist eine in Berlin ansässige Stiftung, die seit zehn Jahren am Rande der Berlinale eine Charity-Veranstaltung ausrichtet. Angelina Jolie wurde heuer mit dem Ehrenpreis im Kampf gegen Krieg und Völkermord ausgezeichnet, ihr Regiedebüt „In the Land of Blood and Honey“ als wichtigster Film. Mit dabei: Jolies Mann, Brad Pitt, Catherine Deneuve, Mohamed ElBaradei, Luis Moreno-Ocampo, Bob Geldof, Christopher Lee. Mittwochabend findet in der Wiener Albertina ein „Cinema for Peace“-Galadiner statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2012)