Management in Ostasien

Krise westlicher Werte: Es mehren sich Stimmen, die die „Amerikanisierung des Managements“ in Frage stellen. Doch kommt aus dem Osten Besseres?

"Diese Frage hatten wir doch schon", lacht Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. In den 1980ern war Japan das große US-Vorbild in Sachen Management – Stichwort Kaizen, das Streben nach ständiger Verbesserung. Damals gaben ihm die Erfolge ja auch recht. In Franks Diktion: „Und so drängten sich westliche Manager kollektiv frierend im Eisbad zusammen, weil das den Teamzusammenhalt fördern sollte.“ Auch wenn sie heute lieber im Hochseilgarten herumklettern - die Idee des Teambuildings haben wir Japan zu verdanken.

So wie auch die eiserne Straffung der Produktionszyklen: „Plan-Do-Check-Action“ zitiert Christian Schaden, Leiter der Honda Automobilabteilung und bekennender Fan japanischen Managements, wie aus der Pistole geschossen. „Man setzt sich ein Ziel, plant die Schritte, setzt um und prüft, ob Ziel und Ergebnis übereinstimmen. Wenn nicht, wird so lange neu geplant und immer wieder nachgesetzt, bis das Ziel erreicht ist. Daran gerüttelt wird nicht. “

Schaden schätzt den überaus genauen, jedes Detail hinterfragenden Nippon-Arbeitsstil: „Eine japanische Unternehmensvision lässt sich nicht mit einer amerikanischen vergleichen. Sie ist ein dickes Buch, voll mit den ureigensten Ideen des Gründers. Auch in der täglichen Arbeit nimmt man immer wieder darauf Bezug.“

Annäherung der Welten

Die Globalisierung hat auch vor Ostasien nicht Halt gemacht. Uni Wien-Professor Frank beobachtet, dass die traditionellen Prinzipien aufweichen. „In Japan und Südkorea ist die Trennung zwischen Eigentümer und Management längst vollzogen. Ein CEO ist dort heute genauso jemand, der für viel Geld angeworben wurde. Und für noch mehr Geld wieder wechselt.“

Strikt hierarchische Strukturen

Korea, jahrzehntelang eine Militärdiktatur, organisiert auch seine Unternehmen streng hierarchisch. Der Boss ist der Oberbefehlshaber: „Vor 20 Jahren durfte man ohne sein Einverständnis nicht einmal das Büro verlassen.“ Hierarchien und straffe Strukturen sind (auch im Privatleben) hoch geschätzt, schon um sich daran orientieren zu können. „Nur so weiß jeder, wo sein Platz ist.“ Plakativstes Beispiel: der frühmorgendliche Massensport.

Als durchstrukturiert, bis ins kleinste Detail geplant und sehr kontrollierend - so beschreibt auch Petra Gregorowitsch, Firmensprecherin von Samsung Österreich, ihren koreanischen Arbeitgeber. „Man muss sich mit dieser Philosophie identifizieren können. Dafür ist es schön, immer die Nase vorn zu haben.“ Gregorowitsch kennt auch US-Firmen von innen: „In koreanischen wird vorausgesetzt, dass man hineinbuttert, was nur geht. In amerikanischen wird man darum gebeten.“ Eine große Dosis Stressresistenz sollte man jedenfalls mitbringen.

Ruf nach Sicherheit

Ob Immo-Blase, Finanzcrash oder Euro-Krise – Unsicherheit führt immer dazu, dass Menschen nach dem Staat rufen. „Das kommt dem chinesischen Prinzip schon sehr nahe“, vergleicht Ostasien-Experte Frank, „dort haben die Unternehmen schon immer eng mit dem Staat kooperiert.“ Was er für keine gute Idee hält: „Der Staat soll falsche Geschäftsentscheidungen korrigieren, Garantien geben, vor ausländischer Konkurrenz schützen – so ein Modell kann höchstens temporär funktionieren.“ Zwar steigere das den Wohlfühlfaktor, die Rechnung aber bekomme man später präsentiert: „Langfristig bilden sich so keine effizienten Strukturen heraus.“

Im Management habe China viel von Japan gelernt. Die japanische Industrie gilt als großes Vorbild. Politisch zwar ewig verfeindet, arbeite man wirtschaftlich eng zusammen. Frank: „Man wirft sich die schlimmsten Beleidigungen an den Kopf und bildet dann das nächste Joint Venture.“ Mit allen üblichen Problemen – Stichwort Schutz von Eigentumsrechten. „Jeder kopiert, wenn man ihn lässt. Das ist ein globales Phänomen.“ Doch für Frank sieht es so aus, als ob der chinesische Staat dem einen Riegel vorschieben wolle: „Wenn China auf der Weltbühne wirtschaftlich und politisch eine tragende Rolle spielen will, muss es sich an die internationalen Regeln halten.“

Kurzfristige Denke

Chinas Einfluss verstärkt sich weiter, das steht für AME-Geschäftsführer Ekkehart Stremitzer außer Frage: „Wer kostengünstig produzieren will, kommt an China nicht vorbei.“ Als so groß empfindet der Sinologe und Asien-Exporteur die Unterschiede im Management gar nicht: „Wenn ich in der Steiermark etwas erreichen will, muss ich auch beim örtlichen Bürgermeister vorsprechen – genauso läuft es in China.“ Unterschiede zu Amerika sieht er vor allem im Umgang mit Zeit: „Der Amerikaner denkt kurzfristig. Er muss ja bald wieder ein gutes Quartalsergebnis vorweisen. Chinesen sind da relaxter.“ Wie übrigens auch österreichische KMUs und andere nicht börsenotierte Unternehmen.

Nimmt also der Osten Einfluss auf das westliche Management? „Ich befürchte nein“, schließt Ostasien-Professor Frank, „je globaler asiatische Unternehmen agieren, desto mehr gleichen sie sich dem an, was wir im Westen immer schon hatten. Mit den gleichen Problemen.“ Einen Unterschied sieht Frank jedoch: Dass asiatische Konzerne Netzwerkstrukturen einführen, kann er sich nicht vorstellen - „Das geht nur in Firmen, in denen man mit Jeans und T-Shirt ins Büro kommen darf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.2.2012)

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