Fasching mit Kindern: "Das ziehe ich sicher nicht an"

Fasching Kindern ziehe sicher
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Manche Kinder lieben es, sich zu verkleiden – nicht nur zur Faschingszeit. Andere bringt man nicht um die Burg in ein Kostüm. Für Eltern ist das oft ein größeres Problem als für die Kinder.

Das Drama begann um kurz nach sieben am letzten Freitag der Faschingszeit. „Ich hab's mir überlegt. Ich zieh das sicher nicht an“, sagte der fünfjährige Bub zu seiner Mutter. „Ich verkleide mich nicht.“ Nichts half. Keine Überredungskünste, keine Drohungen, keine Erklärungen, kein Appell, dass man dieses ebenso teure wie knisternd-synthetische Batman-Kostüm auf Moritz‘ expliziten Wunsch hin gekauft habe; keine Warnungen, dass Moritz wahrscheinlich das einzige unverkleidete Kind beim Faschingsfest im Kindergarten sein würde. Keine Chance. Moritz blieb sich, seinem Wort und seinen Jeans treu. Und das Kostüm blieb zu Hause.

Moritz ist beileibe nicht das einzige Kind, das beim bloßen Gedanken an Kostümierungen auf stur schaltet. Und zwar nicht nur im Fasching. Auffällig an dieser Aversion gegen Verkleidungen sind zwei Dinge: Erstens trifft dieser Umstand vor allem auf Buben zu, und zweitens leiden die Eltern oft wesentlich mehr darunter als die Kinder.

Andere Rollen, andere Welten. Letzteres hat mit dem pädagogisch wertvollen Beigeschmack zu tun, den Verkleiden an sich angenommen hat. Die anerkannte These lautet, dass Kinder, die sich gern kostümieren, auch gerne in andere Rollen schlüpfen, andere Blickwinkel ausprobieren und dadurch spielerisch ihr soziales Verhalten fördern und ihre Empathie schärfen. Diese Kinder schaffen sich Gegenwelten, in denen sie sein können, wer und wie sie wollen.

„Grundsätzlich verkleiden sich Kinder sehr gerne, weil sie dadurch einfach mal jemand anderer sein können“, sagt die Entwicklungspsychologin Claudia Rupp. Gerade im Alter zwischen drei und fünf sei die Begeisterung für Kostüme besonders ausgeprägt: „Das ist dann auch die Entwicklungsphase, in der die Kinder beginnen, sich in andere hineinzuversetzen.“

Zeigt ein Kind gar kein Interesse an Verkleidungen und verweigert sich im Fasching dem Kostümzwang, ziehen Eltern gerne den Umkehrschluss und schlagen sich mit jenen Fragen herum, mit denen sich vor allem Mütter ohnedies beim geringsten Anlass so gerne quälen: Mangelt es meinem Kind an Sozialkompetenz/Fantasie/Einfühlungsvermögen? Ist er auf dem besten Weg, ein Außenseiter zu werden?

Buben sagen gerne „Nein“. „Er“ ist dabei kein zufällig gewähltes Fürwort. Denn wenn ein Kind sich gar nicht verkleiden will, so ist das meistens ein Bub. Während die meisten Mädchen bei jeder Gelegenheit die Feenflügel anlegen, in die nächstbesten hochhackigen Schuhe schlüpfen und sich schminken, was das Zeug hält, gibt es viele Buben, die zwar gerne Piraten spielen, dafür aber nicht einmal ein Kopftuch aufsetzen wollen.

Die Psychologin Elfriede Wegricht befasst sich vorwiegend mit hochbegabten Kindern und die „wollen sich meistens gar nicht verkleiden“. Der Grund: „Gerade hochbegabte Kinder haben oft das Problem, dass sie ihre Talente zurückhalten müssen. Da wollen sie nicht auch noch die Rolle von jemand anderem einnehmen. Die wollen sein, wie sie sind.“

Deswegen empfiehlt sie auch allen Eltern, keine Vergleiche mit anderen Kindern anzustellen und zu versuchen, das eigene von der Kostümierung zu überzeugen. „Man soll sie dann einfach in Ruhe lassen. Wenn ein Kind nicht will, dann will es eben nicht.“

Auch Psychologin Rupp rät von Zwangsverkleidungen ab: „Damit hat man wenigstens die Chance, dass sich das Kind ein Jahr später vielleicht doch noch verkleiden will.“

Es könnte aber auch noch einen anderen Grund geben, warum Kinder keinen Spaß am Fasching finden, nämlich den, dass das Kostüm nicht das richtige ist: „Manchmal passt die Rolle nicht, die das Kind damit einnimmt“, sagt Wegricht. Die Kostümwahl sei nämlich schon ein Indikator für die Persönlichkeit des Kindes: „Prinzessinnen wollen bewundert werden. Zauberer wiederum übernehmen gerne die Kontrolle. Die üben Macht über andere aus“, sagt Wegricht. Und Batman? Der geht einfach seinen eigenen Weg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)

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