Das Volkstheater beschäftigt sich mit der Bestialität in einem Dorf der Nachkriegszeit. Schirin Khodadadian degradiert das willige Ensemble zu Knallchargen.
Ein junger Mann muss sein Heimatdorf verlassen, weil er dort als Homosexueller gemobbt wird. Diese Geschichte ist real und wird heute in einer Wiener Schule erzählt. Martin Sperrs 1966 uraufgeführte „Jagdszenen aus Niederbayern“ sind ähnlich. Sie greifen auf Büchners „Wozzeck“ zurück – und müssen seinerzeit sehr wild gewirkt haben. Peter Turrinis „Sauschlachten“ und „Die Alpensaga“ kamen erst in den siebziger Jahren, da rechneten die 1968iger bereits ab mit der Kriegsgeneration.
Dieses Abrechnen ist ein Grundgedanke in Sperrs Stück: Nach dem gewaltigen Gemetzel hieß die offizielle Losung: „Nie wieder.“ Doch das war nur eine Worthülse. Der Krieg zwischen den Menschen ging weiter. Ein junger Mann mit dem sprechenden Namen Abram (Abraham) wird aus dem Gefängnis entlassen. Im Dorf will ihn aber nicht einmal die eigene Mutter haben, weil er ein Ex-Sträfling, ein Arbeitsloser, ein Homosexueller, ein Außenseiter ist. Abram macht dem leichten Mädchen Tonka ein Kind, um zu beweisen, dass er ein richtiger Mann ist. Aber der geistig labile Sohn seiner Herbergswirtin, auch ein Außenseiter, verwirrt ihn. Die Dörfler warten nur auf eine Gelegenheit, zu beweisen, dass mit Abram nichts stimmt.
Interpreten Giehse und Schygulla. Der Lehrersohn Martin Sperr (1944–2002) hat in den „Jagdszenen“ auch seine eigenen Erfahrungen abgebildet. Gelungen ist ihm ein „Kult-Wut-Stück“, das große Interpreten fand: Therese Giehse, Ruth Drexel, Hans Brenner, im Film (1969) spielten Angela Winkler und Hanna Schygulla.
Es ist nur wenig übertrieben zu sagen, dass das Volkstheater, wo „Die Jagdszenen“ seit Freitag zu sehen sind, ein Ensemble aufbietet, das diesen Stars gewachsen wäre. Schirin Khodadadians Inszenierung ist allerdings wenig überzeugend. Anders als zur Zeit der Uraufführung herrscht inzwischen eine starke Konkurrenz auf dem Sektor Bestialität im Dorfe – von Thomas Bernhard aufwärts, speziell in Österreich. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen. Khodadadian, 1969 in Bergisch Gladbach geboren, hat allerhand Erfahrung: vom Drogen-Knaller „Trainspotting“ bis zu Karl Schönherrs „Weibsteufel“. Bei den „Jagdszenen“ blieb sie in einem irritierenden Mainstream, der da heißt: Riesenlärm statt Emotion. Der Zuschauer darf keinen Moment vergessen, welche Lemuren er vor sich hat. Lauter urböse Leute sind da auf der Bühne, die schreien und einander attackieren. Man möchte dieser Aufführung etwas mehr Coolness im Sinne eines Simon Stephens wünschen. Coolness im Sinne von Kälte, durchaus – und mehr Trockenheit statt wüstem Gespucke.
Bereits Hugo Gretlers Sperrholz-Bühnenbild lässt ahnen, dass es sich hier um eine der im deutschen Theater so beliebten Demonstrations-Inszenierungen handelt: Seht welcher Niedergang! Da muss nicht erst der Knecht Volker mit seiner Zunge im Mund von Tonka herumwühlen und anschließend kurz Analverkehr mit ihr veranstalten – da weiß man schon von Anfang an fast alles. Das Ensemble, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, auch optisch – der Dörfler ist ein Mittelständler, keine abgerissene Karikatur –, schlägt sich tapfer, im wahrsten Sinne des Wortes.
Oftmaliges Tische-Werfen. Simon Mantei brilliert als Abram beinahe gegen die grässliche Meute. Nanette Waidmann spielt wieder eines ihrer irren, rebellischen Mädchen. Claudia Sabitzer zeigt eine weitere Facette ihrer erfreulichen Vielseitigkeit als Tagelöhnerin Barbara, die ihren Sohn verleugnet, weil sie nicht schuld sein will an dessen „Verirrungen“, die ihrer „Erziehung“ angelastet werden. Feixen und Keifen sind die beliebtesten Ausdrucksmittel der hundsgemeinen Dörfler.
Sie schwingen Stangen, schmeißen mit Tischen, was echte Dörfler selten tun, weil sie eben gerade nicht wie unkultivierte „Gscherte“ wirken wollen. Der Mord findet sinnigerweise auf einem Dach statt, dabei spritzt reichlich Theaterblut. Zwei herzige Buben (Alexander Mayer, Bernhard Mendel) huschen über die Szene, der Nachwuchs ist schon ganz Teil der Jagdgesellschaft der Großen, man will ja um Himmels willen kein Außenseiter sein. Mehr von der stillen Bedrohlichkeit dieser Miniatur am Schluss – statt der omnipräsenten, trüben Drastik – hätte der ganzen Aufführung gut getan.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2012)