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Historisches Korsett: Schule, ein Produkt des Zufalls

Schule Produkt historischen Zufalls
(c) APA (SCHulmuseum Bad Leonfelden)
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Das Schulsystem in Österreich hat dieselben Wurzeln wie die Schulsysteme in anderen europäischen Ländern. Was es jedoch auszeichnet, ist eine überdurchschnittlich starke Veränderungsresistenz.

Der historische Zufall ist eine Großmacht. Einmal eingetreten, können seine Folgen jahrhundertelang greifen, sogar bis in die Klassenzimmer des Jahres 2012. Freilich sind auch einige Fingerabdrücke auf den Zufällen zu finden, die unser Bildungssystem mitgestaltet haben: vor allem jene der Kirche und die des Militärs. Pädagogische Überlegungen fanden dagegen an den jahrhundertealten Traditionen kaum Berührungsflächen.

Viele der Eckpfeiler unseres Schulsystems stammen aus dem 19. Jahrhundert: Das Sitzenbleiben, die Jahrgangsklassen, die Noten von Eins bis Fünf. Der Fächerkanon ist gar eine (zufällige) Leistung des späten 18. Jahrhunderts. Sogar die Idee des Projektunterrichts hat 250 Jahre auf dem Buckel, allerdings konnte er sich in der „pädagogischen Steinzeit“ nicht durchsetzen. Viele Maßnahmen sind der Massenschule geschuldet, die sich im späten 18. Jahrhundert durch die Einführung der Schulpflicht entwickelt hat.

Natürlich ist nicht alles, was alt ist, schlecht, genauso wenig, wie alles Schlechte alt ist. Doch Erziehungswissenschaftler kritisieren das strenge Korsett, in das das österreichische Schulsystem gepresst ist, und das den Schulen wenig Raum gibt, selbst zu sehen, womit sie erfolgreich sind. Der klerikal-militärisch Geist von strammer Ordnung ist in den organisatorisch wie inhaltlichen Relikten des Schulsystems zu finden.

• So ranken sich mehrere Mythen um die Entstehung der 50-Minuten-Einheit. Diese könnte einerseits vom Militär kopiert worden sein und auf die Übung der Soldaten zurückgehen: eine Stunde Exerzieren – minus zehn Minuten Austreten und Pfeifenrauchen. Ein anderer Mythos sieht die Schulstunde durch den Katholizismus begründet: Mönche hätten den Unterricht ihrer Schüler alle 50 Minuten unterbrochen, um zu beten. Für Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien spielten dabei jedoch vor allem der Zufall und die Verfügbarkeit von Lehrern eine Rolle. Ob die Entscheidung nun mit dem Militär oder dem Kloster begründet worden sei, sei egal. Reformer gehen seit Langem gegen diese starre Form der Zeiteinteilung vor, an den meisten Schulen hat sie sich aber gehalten.

• Tatsächlich an die Kirche angelehnt war lange Zeit die Sitzordnung. Lange, schmale Bänke; die Mädchen auf der einen, die Burschen auf der anderen Seite. Wenn der Lehrer die Klasse betrat, wurde er stehend begrüßt – genauso wie der Pfarrer in der Kirche. Das war freilich keine Besonderheit Österreichs: In allen Ländern mit Staatskirche hatte diese einen starken Einfluss.

• Bei der Klassenschülerzahl spielten wiederholt militärische Überlegungen eine Rolle. So soll die ehemalige Zahl von 120 Schülern pro Klasse der Kompaniestärke geschuldet sein. Fakt ist, dass nach der Schlacht bei Königgrätz 1866 durch das Reichsvolksschulgesetz die Zahl auf maximal 80 begrenzt wurde. Zuvor wurde gespottet, es sei der „preußische Schulmeister“ gewesen, der die Schlacht gegen Österreich gewonnen hatte. Wie auch immer sich die Elementarbildung der Soldaten im Krieg auswirkte – das gut organisierte und straff geführte preußische Schulwesen wurde zufällig als Vorbild betrachtet.

• Das Klingeln zwischen den Stunden ist – obwohl schon immer ungeliebt – noch immer nicht aus den heimischen Schulen verschwunden. Kein Wunder, hat es doch gleich zwei Vorbilder: Die einen sehen es als den Kirchenglocken nachempfunden, für die anderen ist es an die militärische Trillerpfeife angelehnt.

• Die österreichische Normschrift, die als Handschrift an den Volksschulen noch gelehrt wird, stammt aus den 1920er-Jahren und ist damit vergleichsweise modern. Den Erfordernissen des Alltags entspricht sie trotzdem nicht mehr, seitdem Schreibmaschine und Computer die handschriftliche Kommunikation verschwinden ließen. Sie zu benoten, kann deshalb nicht im Sinn der Schüler sein.
•Der Fächerkanon geht zum Teil noch auf die Antike zurück. Dass es eine verbindliche Leitlinie für Lehrer gibt, ist eine Errungenschaft des späten 18. Jahrhunderts. Damals versuchte man weniger, bestimmte Inhalte zu installieren als andere zu vermeiden, wie Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann erzählt: Jeder Lehrer habe sich seinen Lehrplan selbst erstellt, so wurden auch Skurrilitäten wie Obstbaumpflanzung gelehrt. Er wertet den Fächerkanon damit als „historischen Zufall“. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sei der Kanon nun im Kern konstant. Von der Zahl der Mathematikstunden bis zur Frage, was Sprachunterricht leisten soll, sei der Fächerkanon seit damals stabil geblieben: Hopmann schätzt, dass ganze 80 Prozent die Jahrhunderte kaum verändert überstanden hätten. Dabei haben die großen Themen des Lebens, nämlich Recht, Medizin oder Wirtschaft, keinen Platz gefunden. Die Frage, ob der alte Fächerkanon weiterhin seine Berechtigung hat, hängt von der Frage ab, was Schule leisten soll. Wenn sie ein Weltverstehen in verschiedenen Bereichen ermöglichen soll, dann ist er berechtigt. Soll die Schule ein Qualifizierungsbetrieb sein, der Kompetenzen stärkt, dann weniger.

Die Kinder haben sich verändert

Ganz gleich, ob aus klerikaler oder militärischer Tradition stammend: Das Schulsystem in Österreich hat dieselben Wurzeln wie die Schulsysteme in anderen europäischen Ländern. Was es jedoch auszeichnet, ist eine überdurchschnittlich starke Veränderungsresistenz. Die starre „Ein-Lehrer-ein-Fach-eine-Stunde“-Mentalität, die in Österreich noch immer vorherrscht, passt nicht recht ins 21. Jahrhundert.

Dennoch hat sich einiges geändert an Österreichs Schulen. Die Lehrer, natürlich. Und vor allem auch die Kinder. Diese wurden in den vergangenen Jahrhunderten in die Dinge eingeführt, von denen sie in der Regel niemals zuvor gehört hatten. Im Jahr 2012 ist der Lehrer aber kein Monopolist des Wissens mehr. Nicht nur durch Internet und Fernsehen können Kinder einen reichhaltigen Erfahrungsschatz aufbauen. Auch der Wohlstand, der Reisen und Interessenförderungen jeder Art möglich macht, wirkt sich aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)