Fritzl-Roman: Inzest sei typisch österreichisch

FritzlRoman Inzest typisch oesterreichisch
FritzlRoman Inzest typisch oesterreichisch(c) APA (Nana Swiczinsky)
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Der Autor Régis Jauffret stellt in seinem Roman, „Claustria“, die Ehefrau als Mittäterin dar. Auch Österreich kommt nicht gut weg. Doch am Ende bleibt beides auf der Strecke, Literatur und Realität.

Frau Fritzl hat es gewusst. Hat ihrer Tochter das Cola hingestellt mit dem Schlafmittel. Hat einen Koffer gepackt mit Sachen für den Keller. Hat geholfen, die Betäubte hinunterzutragen. Hat ihre Tochter vergessen. Wie ihr Mann es befahl.

So erzählt es der französische Autor Régis Jauffret. In seiner Heimat wird der Roman „Claustria“ über den Fall Fritzl als Literaturereignis des neuen Jahres gefeiert, der österreichische Ecowin-Verlag hat das Buch auf Deutsch herausgebracht. Josef Fritzl heißt darin Josef Fritzl, Amstetten heißt Amstetten, der 26. April 2008 ist der 26. April 2008. Nur die Vornamen der Kinder und der Ehefrau sind geändert. Jauffret hat in Österreich recherchiert und war beim Prozess dabei. In „Claustria“ ist Fritzls Frau dessen Mittäterin, und die Nachbarn hörten weg, wenn etwas nicht zu überhören war.

In Österreich liebt man Türen

Ecowin

Bis über die Mitte des 21. Jahrhunderts hinaus führt Jauffret die Geschichte weiter, bis zum Tod aller ehemaliger Kellerinsassen. Zwei Geschwister sterben in der Kellerwohnung, die sie bald nach ihrer Befreiung bezogen und nie mehr verlassen haben. Die Luft der Freiheit hat sie getötet wie giftige Dämpfe. Mutter Angelika wird dank ihrer Memoiren Multimillionärin und erkrankt an Alzheimer. Der jüngste Sohn von Josef Fritzl und Angelika ist der einzige „Gerettete“: Als altes, fettleibiges Kind verliert er sich in seinen Computerspielen – gar nichts so Abnormales unter seinen Zeitgenossen. Er ist auch der Einzige, der seinen Vater weiterhin liebt. Der Autor imaginiert auch das Innenleben des „Monsters von Amstetten“ und seiner Tochter, in deren Seele Verzweiflung, Gleichgültigkeit und sexuelles Verlangen nach ihrem Peiniger zugleich Platz haben. „Sie fragt sich, ob sie ihn nicht irgendwann geliebt hat, aus lauter Verzweiflung.“ Die Entwicklung Fritzls vom ungeliebten Sohn zum Kindseinsperrer passiert ebenso Revue wie die 24 Jahre im Keller. In diesem unterirdischen Familienleben ist viel Platz für Normalität, für Idylle sogar – da bäckt Angelika in ihrer modernen Küche duftende Kuchen und holt appetitliche Braten aus dem Rohr.

Entmenschlichung Österreichs

Viel steht in „Claustria“ auch über Österreich im Allgemeinen. Das ist ziemlich vernichtend, französische Kritiker sprachen denn auch von der „Entmenschlichung eines vom Nazismus und Egoismus zersetzten Österreich“ oder davon, dass die Zeugen der Ereignisse „einem ganzen Land den Spiegel vorhalten“. Inzest sei demnach „eine typisch österreichische Angelegenheit“ und das Prügeln von Kindern „eine hartnäckige Erziehungsmaßnahme in Österreich“, wo man „sich einen Dreck um die Wahrheit“ schert. Sein Land sei sehr mysteriös, alle seien blind und taub, sagt Fritzls Anwalt, der hier Gretel heißt. „Die Realität hat uns immer schon enttäuscht. Der Fall Österreich-Ungarns, das Dritte Reich mit dieser Shoah, mit der man uns die Ohren vollgeschlagen hat, und selbst Mozart, der in Salzburg geboren wurde, als die Stadt nicht in Österreich lag.“ Angesichts eines Hauses in Wien („eine Stadt wie ein Opern-Bühnenbild“) bemerkt der Erzähler: „In Österreich liebt man Türen.“

Literatur und Realität bleiben auf der Strecke

Ein Problem daran ist, dass Jauffret nicht Deutsch kann und vor dem Fall Fritzl, wie er selbst sagt, keine Ahnung von Österreich hatte. Trotzdem zieht er aus ein paar kaum überzeugenden Recherchen weitreichende Schlüsse, bis hin zu mannigfachen Anspielungen auf die angeblich unaufgearbeitete NS-Vergangenheit. Außerdem will er nicht den Fall Fritzl in Literatur verwandeln, sondern benutzt die Literatur, um den Fall Fritzl zu erklären. Am Ende bleibt beides auf der Strecke, Literatur und Realität. Dabei hatte Jauffret Großes im Sinn, bemüht eingangs gleich Platons Höhlengleichnis. Seelensezierung, Gesellschaftskritik, Parabel auf die menschliche Natur will „Claustria“ sein – und bietet schließlich zu wenig von zu vielem.

Wie erklärt sich dann der Erfolg in Frankreich? Offenbar täuscht der Anschein von „Claustria“, ein tiefschürfendes Porträt der Fritzls und österreichischer Zustände zu liefern, über dessen literarische Durchschnittlichkeit hinweg. Vielleicht auch, weil Régis Jauffret nicht der einzige unbeteiligte Beobachter ist, der sich fragt, ob der Fritzl-Prozess wirklich die ganze Wahrheit ans Licht gebracht hat.

Regis Jauffret: "Claustria", Deutsch von Gaby Wurster, Roman, Verlag Lessingstrasse 6 (Ecowin), 528 Seiten, 24,90 Euro; Lesung im Literatursalon im Rabenhof: 24.9., 19 Uhr)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2012)

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