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Theron im Vollrausch: Gehässigkeit statt Glamour

(c) UPI
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Charlize Theron triumphiert in „Young Adult“: Mavis ist schlampig, nachtragend, geschieden. Ein erstaunlich giftiger Film von Jason Reitman. Ab Freitag im Kino.

Für die Darstellung einer Serienmörderin in Monster erhielt Charlize Theron den Oscar, in der giftigen Komödie Young Adult brilliert sie jetzt als eine andere Art von Monster – widerwärtig egozentrisch, aber erheiternd schlagfertig. Wieder ist es eine betont unglamouröse Rolle mit männlichen Eigenschaften für einen glamourösen weiblichen Star: Im Prinzip spielt Theron als Mavis Gary jene Art von Figur, mit der Bill Murray in den 1980ern zum Star wurde. Mavis ist schlampig, nachtragend, geschieden: ein Snob mit einem losen Mundwerk und eine Alkoholikerin. Als würde der Murray-Klassiker Und täglich grüßt das Murmeltierbeschworen, kehrt Young Adult regelmäßig zum morgendlichen Anblick der aus dem Vollrausch erwachenden Antiheldin zurück.

Verdankte sich Murrays Murmeltier-Trauma buchstäblich der Drohung eines Lebens in der Endlosschleife, so macht Mavis ähnliche Erfahrungen nur im Verlauf eines verlorenen Wochenendes. Eine E-Mail-Massensendung setzt die Handlung in Gang: Mavis' alte Highschool-Flamme ist Vater geworden, sie lässt den Partner vom Vorabend schnarchend im Bett liegen und macht sich auf heimwärts nach Mercury, Minnesota, um ihren Exfreund wiederzugewinnen. Oder jedenfalls seine Ehe zu zerstören.

Die Indie-Pop-Hymne „The Concept“ von Teenage Fanclub ist der Dreh- und Angelpunkt des Überlandfahrt-Mixtapes von Mavis: Der Schatten der Alternative-Szene der 1990er hängt über dem ganzen Film. Aber wo Regisseur Jason Reitman und seine Drehbuchautorin Diablo Cody 2007 im gemeinsamen Durchbruchs-Hit Juno die süßliche Seite dieser Nostalgie auskosteten, stellen sie das Konzept nun auf den Kopf – so wie Mavis die Antithese zur unerträglich altklugen Titelheldin von Juno ist. Trotz hübscher Pixies-T-Shirts fühlt sich Mavis wie in einem Albtraum: Ihre Verachtung für die Provinzheimat schwingt bei jedem Blick und jeder Zeile mit. Sie erwartet Huldigungen als Repräsentantin der Großstadt und als Erfolgsautorin, wiewohl sie genau genommen nur Ghostwriter einer aus der Mode kommenden Klischeeserie von Teenagerromanzen ist: Ihr Name ist im Innern der Bücher versteckt. Die zweifelhaften literarischen Ergüsse stellen Mavis auch eine Parallelwelt zur Verfügung: Sie belauscht Schülerinnen und verwendet deren neuesten Slang, und sie identifiziert sich sichtlich mit ihrer epischen Saga. Schließlich war sie selbst Highschool-Queen wie ihre Heldin.

 

Abneigung gegen den „beliebten Krüppel“

Als solche wird Mavis in der Bar, wo sie sich prompt zuschüttet, wiedererkannt: Von Matt (Patton Oswalt), einem netten Nerd, den sie nach anfänglicher Herablassung im Zustand fortschreitender Trunkenheit als den „hate crime guy“ identifiziert – einen Schulkollegen, der bleibende körperliche Schäden davontrug, nachdem ihn ein Trupp von Sportlertypen verprügelt hatte (sie hielten ihn für schwul). Die zwei Trinkfreunde kommen sich näher, als sie die geteilte Abneigung gegen den „beliebten Krüppel“ entdecken: Mavis' Cousin, dessen Lähmung bei einem Unfall ihren 16. Geburtstag „total ruinierte“. Beide sind sich auch einig in ihrer Bewunderung: für Mavis.

Deren eigentliche Mission gerät angesichts beharrlicher Realitätsverweigerung indessen ins Schlingern: Ihr Ex, hübsch und fad, ist glücklich mit der entgegenkommenden Gattin – selbst als deren Amateurband („Nipple Confusion“) am Live-Abend ausgerechnet Mavis' Hymne, „The Concept“, spielt, ist die Autorin noch nicht zu entmutigen. Erstaunlich bitter unter seiner amüsanten Fassade, verweigert Young Adult der Heldin schließlich konsequent die schmalzige Rehabilitierung, auf die Regisseur Reitman in Juno und Up the Air setzte: ein echter Ausnahmefall unter heutigen Hollywoodkomödien, und nicht nur, weil Theron mit ihrer unentschuldigten Gehässigkeit triumphiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)