Warum wir die „Financial Times“ lieben

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Der Plutokrat fühlt sich verstanden, der Occupy-Aktivist bestätigt: Das nennt man Leser-Blatt-Bindung!

Mein Mittwoch

Welten mögen den Bankier und seinen Kritiker trennen, doch gäbe es plötzlich nur mehr eine einzige Zeitung auf der Welt, müssten sie sich wohl auf die „Financial Times“ einigen. Die Identifikationskraft, die eine Publikation wie die „How to spend it“-Beilage entfaltet, gäbe Gegenstand für mindestens zwölf publizistische Dissertationen ab.

Natürlich kann man einwenden, dass die Anleitung dazu, wie man sein Geld auszugeben hat, angesichts zweistelliger Armutsquoten in reichen europäischen Staaten ein wenig Marie-Antoinette-haft anmutet. Doch nicht nur Fondsmanager, die ihren gelangweilten Gattinnen den häuslichen Alltag mit einem Zestenreißer aus handpoliertem Narwal-Penisknochen um wohlfeile 6000 Pfund verschönern wollen, finden hier Erbauung. Seht nur, wie sie prassen: Da ballt der Occupy-Aktivist zornesfroh die Faust!

Zumal die „Financial Times“ den besorgten „Masters of the Universe“ (© Tom Wolfe) auch wertvolle Hinweise zur Bewältigung ihres Leidensdrucks liefert. Am 10.Februar zum Beispiel fand sich da ein Bericht mit dem Titel „Keep taking the testosterone“. Darin wird das Phänomen erhellt, dass sich augenscheinlich immer mehr Wall-Street-Finanzmanager das männliche Sexualhormon Testosteron spritzen lassen, um aggressiver zu werden. „Es ist die positive Seite der Aggression“, sagt hierorts ein 40-jähriger „John“, der Risikokapital verwaltet. „Du beginnst, deine Mentalität zu ändern, und blickst positiv in die Zukunft.“

Wir sehen: Die Finanzbranche schreitet geläutert in eine bessere Zukunft. Sollte es doch wieder krachen, findet der Plutokrat in der „FT“ Seelentrost – und der Occupy-Aktivist nachträgliche Bestätigung.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2012)

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