Aus einer Podiumsdiskussion mit der türkischstämmigen Nationalratsabgeordneten Alev Korun wurde eine Gruppentherapie, in der ihr Dutzende Landsleute ihr Leid klagten – fast vier Stunden lang.
Wien. Was als politische Podiumsdiskussion über Integration begann, endete als beinahe vierstündiger Jahrmarkt der Eitelkeiten, in dem die grüne Nationalratsabgeordnete Alev Korun als Klagemauer für die Alltagssorgen der türkischstämmigen Gemeinde in Wien herhalten musste. Korun hatte am Donnerstagabend stilecht in das türkische Restaurant Etap in Ottakring geladen, um auf Türkisch mit Experten wie dem Psychologen Erdal Kayhan und der Pädagogin Zeynep Elibol über die Definition von Integration zu sprechen.
Knapp 100 Personen, fast ausschließlich Türken und Kurden aller Altersgruppen, kamen – und übernahmen bald das Kommando über die Veranstaltung. Schließlich habe man nicht alle Tage die Gelegenheit, „unserer Nationalratsabgeordneten” von unserem Kummer zu erzählen, wie es ein Gast formulierte.
So wollte ein doppelter Akademiker von Korun wissen, wie es sein kann, dass er seit seinem Abschluss noch immer arbeitslos ist. Ein weiterer junger Mann, der erst kürzlich aus der Türkei gekommen war, erkundigte sich über unbürokratische Möglichkeiten, in seinem Heimatland erworbene Diplome anerkennen zu lassen. Ein anderer beklagte sich darüber, dass seitens der Politik zu wenig dafür getan werde, Jugendliche mit Migrationshintergrund für den hierzulande so beliebten Alpinsport zu begeistern.
Bringschuld in der Integration
So setzte sich der Abend eine ganze Weile fort – mit Müttern, die ihre kleinen Kinder von Mitschülern diskriminiert sehen. Und streng Gläubigen, die es bedauern, dass in der türkischen Community in Österreich der Islam und somit Moral und Ethik „Schritt für Schritt den Bach runtergehen“.
Ihrer Rolle als Botschafterin und Hoffnungsträgerin bewusst, kümmerte sich Korun mit Geduld um die Anliegen und beantwortete ihre Fragen einmal ganz konkret mit Ratschlägen und einmal mit politischen Floskeln wie „Vieles haben wir bereits geschafft, aber wir wollen noch mehr erreichen.“
Am Ende gelang es ihr sogar, zur ursprünglichen Thematik der Diskussion zurückzukehren und von den hier lebenden Migranten ihre Bringschuld in Sachen Integration einzufordern. „Wir sollten uns in erster Linie fragen, was wir selbst tun können, um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein“, so Korun. Natürlich sei es bis dahin ein langer, steiniger Weg mit vielen Hindernissen wie etwa zähen Etablierungskämpfen und Engstirnigkeit auf beiden Seiten. „Aber wir leben nun einmal hier, und wir sind alle Österreicher”, betonte die grüne Abgeordnete. Österreich sei zwar noch nicht so weit wie Deutschland, „wo es zur Normalität geworden ist, dass der vietnamesischstämmige Philipp Rösler Vizekanzler, der schwule Guido Westerwelle Außenminister, der türkischstämmige Cem Özdemir Bundesvorsitzender der Grünen ist“. Korun: „Es gibt keinen Weg zurück, früher oder später wird der Fortschritt auch uns in Österreich erreichen.”
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)