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„Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.“

(c) EPA (MACIEJ KULCZYNSKI)
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„Anonymous“ sieht sich als Armee von Freiheitskämpfern im Internet. Mit digitalen Sitzstreiks und Daten-Hacks treibt die Gruppe Regierungen, Firmen und Polizeibehörden weltweit vor sich her.

Wien. Dramatische Musik, eine sich drehende Weltkugel und ein Mensch hinter einer Maske: Das sind die Zutaten, aus denen die allermeisten Videos des „Anonymous“-Kollektivs auf YouTube bestehen. Seit sich die meist als Hacker oder „Hacktivisten“ dargestellte Gruppe dem Kampf gegen das Acta-Abkommen verschrieben hat, tauchen auch immer mehr deutschsprachige Videos auf, in denen eine elektronisch verzerrte Stimme die Freiheit fordert und der Zensur den Krieg ankündigt.

So lautete die letzte Botschaft von Anonymous an die EU-Kommission: „Einen Tag nach den ersten Protesten gegen Acta haben sie bekannt gegeben, dass sie von den Protesten unbeeindruckt bleiben. Wir möchten Ihnen jetzt unsere Meinung dazu mitteilen: Wir möchten Sie nicht beeindrucken. Ich glaube, Sie halten uns immer noch für dumm. Aber wir sind nicht dumm. Wir sind viele, aber nicht dumm. Als Ihr damit beschäftigt wart, uns zu unterdrücken und Geld zu sammeln, haben wir euer Spiel gelernt. Wir haben es gelernt, weil das Internet frei war. Liebe EU-Kommission, wir werden nicht aufgeben. Wir sind viele, und auch einige von euch gehören in Wirklichkeit zu uns. Aber das wisst Ihr bestimmt. Eure Worte passen vielleicht zur Demokratie, aber eure Taten passen zur Diktatur. Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.“

Eine klassische Reaktion auf so ein Video wäre, es zu verniedlichen. Selbst wenn es schon fast 200.000 Mal angesehen wurde: Kann nicht jeder so was auf YouTube stellen? Ja, kann jeder. Darum geht es bei Anonymous. Die Idee des Kollektivs dürfte auf sogenannte Imageboards wie „4chan“ zurückgehen. Das sind, grob gesagt, Orte für humoristische Onlinekunst. Foren, wo jeder sich beteiligen kann. Vor vier Jahren sorgte Anonymous mit Aktionen gegen die Psychosekte „Scientology“ erstmals für Aufsehen. „Scientology“ hatte verlangt, ein unangenehmes YouTube-Video mit dem Kinostar und Sektenmitglied Tom Cruise zu löschen. Anonymous sah das als Attacke auf das freie Internet und organisierte on- und offline Proteste. Die klassische Methode von Anonymous sind quasi virtuelle Sitzblockaden. Dafür vernetzen die Aktivisten ihre Computer und sorgen für so viel Traffic auf einer Seite, dass diese zusammenbricht. Nach „Scientology“ fielen viele Regierungen und Unternehmen solchen Attacken zum Opfer. Nachdem sich eine Gruppe unter dem Namen „LulzSec“ von Anonymous abgespalten hatte und anfing, bei Hacks erbeutete Daten zu veröffentlichen, setzte sich diese Methode auch bei Anonymous durch. Auch die Plattform WikiLeaks erhielt von Anonymous-Aktivisten Unterstützung. Aber worum geht es den „Hacktivisten“? Und wer sind sie?

 

Datenleaks am Freitagnachmittag

Die zweite Frage ist leicht zu beantworten: Wir wissen es nicht. Anonymous behauptet gerne: „Wir sind Millionen.“ Das Gegenteil lässt sich nicht beweisen, auch weil schon eine bestimmte geistige Haltung ausreichen kann, um sich zu Anonymous zu zählen. Man könnte sagen: Nicht nur die Hacker sind Anonymous. Sondern auch die Protestierenden auf der Straße und all jene, die mit ihren Anliegen sympathisieren. Das führerlose Kollektiv trat schon auf allen Kontinenten in Erscheinung. Ziele der Aktionen waren Firmen wie Sony und Bank of America – genauso wie die Regierungen von Syrien, Russland und den USA. Ein Lieblingsgegner von Anonymous ist das FBI – Datenleaks werden von den Aktivisten mit Vorliebe am Freitagabend veröffentlicht, um den Ermittlern das Wochenende zu verderben. Selbst die Nato konnte sich nicht wirksam gegen die anonymen Hacker verteidigen. Jetzt sind sie in Besitz von mehr als einem Gigabyte sensiblen Materials des Militärbündnisses, das sie allerdings nicht veröffentlicht haben.

Für all diese Aktionen gibt es nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner: den Kampf für die Freiheit des Internets. Diese ist für die Aktivisten von Anonymous eine Voraussetzung für die Freiheit der Menschen in einer Informationsgesellschaft. Deshalb ist der Protest gegen Acta so stark.

Es ist gut möglich, dass die Protestierenden das umstrittene Dokument besser kennen als die Regierungsbeamten, die es unterschrieben haben. Dass die Behörden Anonymous ernst nehmen, ist offensichtlich: Immer wieder werden Teenager wegen mutmaßlicher Computerverbrechen verhaftet.

Dass sie von manchen Behörden sogar als „Terroristen“ eingestuft werden, dürfte die Gruppe, deren Erkennungszeichen die Maske des 1606 hingerichteten katholischen englischen Rebellen Guy-Fawkes ist, nicht überraschen. Anonymous legt aber Wert auf die Feststellung, dass bei den bisherigen Aktionen noch kein Mensch zu Schaden gekommen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2012)