Die Initiative "Exit" hilft deutschen Rechtsextremen beim Ausstieg aus der Szene. Ein geläuterter Neonazi erklärt: Seine Exkameraden sind umso gefährlicher, je harmloser sie wirken.
Tagelang hat Peter Strohwange (Name von der Redaktion geändert) gezögert. 09912312388: Sollte er diese Nummer wählen? Dann gäbe es kein Zurück mehr. Für seine Kameraden wäre er nicht mehr der müde Kämpfer, der eine Auszeit braucht. Sondern der gefährliche Verräter.
Denn „Piet“ war nicht irgendwer in der Neonaziszene Berlins: ein Kadermitglied, bestens vernetzt, gewaltbereit, geschickt in der Rekrutierung von Nachwuchs. Das alles erzählte er, in endlosen Monologen, den Leuten von „Exit“ – jener Initiative, die deutschen Rechtsextremen bei ihrem Ausstieg hilft. Strohwange fand Anschluss unter dieser Nummer. Und, unter manchen Mühen, ein neues Leben.
Schon einige Monate lang waren die Zweifel in ihm immer lauter geworden. Der junge Mann aus Westberlin hatte die Mittelschule abgebrochen, einen Job als Metallbauer aufgegeben. Der nationale Widerstand nahm ihn voll in Anspruch: Demonstrationen anmelden, Handzettel verteilen, Spenden eintreiben, Busse zu Konzerten organisieren, Texte für Foren verfassen. Aber stimmte das alles, was er dort schrieb?
Strohwange, der heute studiert, war dann doch zu klug, um die Widersprüche auf Dauer unterdrücken zu können. Gegen den Staat sein, aber Sozialhilfe holen. Gegen Repressionen sein, aber für eine völkische Diktatur. Die „Rückführung“ von Ausländern fordern und damit Menschen, die hier geboren sind, in Länder schicken wollen, in denen sie kein Wort verstehen. Hinter Globalisierung, Finanzkrise und Sozialabbau stets eine Verschwörung des „Weltjudentums“ wittern – hielt das der Wirklichkeit, ja nur der Logik stand?
Heimatseite und Lichtspielscheibe. Die strengen Hierarchien beim „Märkischen Heimatschutz“, dessen Berliner Sektion er führte, empfand Strohwange immer mehr als Zwang. „Ich erkannte, dass ich mir selbst Schranken auferlege, durch meine Ideologie.“ Eigentlich aß er sehr gerne Döner, aber er hatte es sich verboten. Kein Einkaufen in Geschäften, wo Migranten bedienen. Eine deutsche Kultur leben, was auch heißt: Eine Homepage als „Heimatseite“ bezeichnen und eine CD als „Lichtspielscheibe“. Erst durch den Anruf bei Exit hat Strohwange die Ketten gesprengt.
Der Hass auf den Staat aber saß zu tief, um sich dem Verfassungsschutz anzuvertrauen: „Ich wollte nicht zu Kreuze kriechen.“ Von seinen Gewalttaten schweigt er lieber, „aus Scham“. Seinem Mentor Bernd Wagner erzählt er nur so viel, wie er will. Der Experte für Rechtsextremismus hat die Organisation vor zwölf Jahren gegründet. 443 Aussteiger kamen zu ihm, ein Viertel davon Frauen. Rückfälle gab es nur neun – eine Erfolgsgeschichte. Der Ostdeutsche packt seit Jahrzehnten dort an, wo staatliche Institutionen versagen.
„Laut Gründungsmythos war die DDR das bessere Deutschland, wo der Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist“, sagt er. Doch in den Achtzigern war es nicht mehr zu übersehen: Es wimmelte von gewaltbereiten Rassisten, „Skinheads“, wie sie beschönigend genannt wurden. Aber auch nach der Wende ging es mit Fehldeutungen weiter: Rechtsradikalismus als reines Jugendthema, als Phänomen am bildungsfernen Rand der Gesellschaft.
Die Folge waren falsche Strategien. „Kläglich gescheitert“ sei der Sicherheitsapparat, wie die viel zu spät aufgedeckte Mordserie der Zwickauer Zelle zeigt. Das größte Versäumnis für Wagner: Dass zu wenige die Rechtsextremen ideologisch angreifen, mit der Kraft der Kraft der Argumente. Dazu gehört auch die Ausstiegsarbeit. Denn Leute wie Strohwange vermitteln besser als jeder Soziologe, was Menschen in die Arme der Nazis treibt – und wie menschenverachtend deren Ziele sind. Er arbeitet nun, sieben Jahre nach seinem Ausstieg, ehrenamtlich für Exit, besucht Schulen, Firmen und Ämter und erzählt von seiner Vergangenheit.
Jugendarbeit? Nazihirnwäsche! Sein Aufstieg in der Szene erfüllt viele Klischees: Der Opa als Vaterersatz, der ihm schon als Kind SS-Lieder ins Ohr summt. Samstagnachmittage im Fansektor von „Herta BSC“, wo der pubertierende Bub von Hooligans fasziniert ist. Das Leugnen des Holocaust im Geschichtsunterricht, was ihn die Matura kostet. Saufen mit den Kameraden, das berauschende Gemeinschaftsgefühl auf den Konzerten von „Störkraft“, „Endstufe“ und „Werwolf“. Der Wunsch, nicht nur Mitläufer zu sein. Der Aufbau einer Kameradschaft im Berliner Vorort Treptow-Köpenick, die sich mit harmloser Jugendarbeit tarnt und damit „erschreckend erfolgreich“ ist: Fußballspielen, bei Hausaufgaben helfen – „und am Wochenende kommst du doch mit auf die Demo?“. Und dann gewollte Gewalt im Kampf gegen „Antifas“.
Doch Experte Wagner warnt vor Stereotypen: „Das sind heute keine Glatzköpfe in Springerstiefeln mehr.“ Die Kleidung ist dezent, auch Hip-Hop wird gehört, die Liedtexte sind nicht mehr so platt wie ehedem. Viele haben einen normalen Beruf und kümmern sich um gute Kontakte zu Polizei und Ämtern. Die Devise: Nicht auffallen, angepasst wirken und so in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen. Auch um den Preis, sich in der NPD parlamentarisch organisieren zu müssen, obwohl „die Demokratie den Volkstod bringt“.
Die Saat von Treptow geht auch im Großen auf. Dass die NPD etwa in Mecklenburg-Vorpommern Wahlerfolge erzielt und sich eine Stammwählerschaft aufbaut, kommt nicht von ungefähr, warnt Strohwange: „Da haben Leute Strategien erstellt, die Jahre später funktionieren. Die wissen genau, was sie tun. Das sind keine Doofen.“
Irgendwann, so hoffen die Vordenker, werde die Zeit reif sein für das „Vierte Reich“. Bis dahin üben die Nazis Unterdrückung im Kleinen: „National befreite Zonen“, Gemeinden in Brandenburg oder Sachsen, wo sie Ausländer so lange drangsalieren, bis diese wegziehen. Und auch wenn die Zivilgesellschaft vielerorts schon Flagge gegen die braunen Schläger zeigt: Zu oft schaut sie einfach nur weg.
Geschönte Mordstatistik. Ab und zu passiert ein Mord: Etwa 50 seit der Wende – laut offizieller Statistik, die „rechtsextrem motiviert“ extrem eng fasst. Medien zählen das Dreifache. Auch der heute 35-jährige „Verräter“ wird immer noch bedroht. Die Botschaften im Netz besagen: „Schlagt ihn, wo ihr ihn seht!“ Strohwange ist in eine fremde Stadt gezogen, hat sein Aussehen verändert, will deshalb nicht fotografiert werden. Doch die Angst ist weg, die Freiheit real. Seine Tätigkeit bei Exit sieht er als Wiedergutmachung. „Menschen können sich ändern“, lautet seine Botschaft.
Den Rassismus habe er „sehr automatisch“ abgelegt. Am ersten Tag im Kolleg, wo er die Matura nachholte, setzte er sich erstmals an einen Tisch, ohne vorher zu kontrollieren, ob sein Sitznachbar ein „Volksgenosse“ war: „Ich hab gar nicht hingeschaut.“ Er erwies sich als Muslim. Der Jordanier ist heute einer seiner besten Freunde, ganz ohne falsche Kameraderie. Ewig gestrig ist für ewig von gestern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)