Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Software und Games: Die wollen mehr als nur spielen

wollen mehr spielen
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Auch wenn Österreich noch kein Mekka für Spieleentwickler ist wie etwa Kanada: Die Szene wächst und wird vielfältiger. Und Kreativität rückt immer mehr in den Vordergrund.

Ganz lässt er sich dann doch nicht abschütteln, der Nimbus des Nerds. Dennoch: Computerspiele sind längst mehr als nur Zeitvertreib für zurückgezogene Teenager. Die Game Industry ist ein florierendes Business und mittlerweile auch Teil unserer Medienkultur. Aber irgendwie lässt sich die Existenz eines Typus, den der Laie mit Spieleentwicklern verbindet, nicht ganz leugnen. Rund zwanzig junge Herren in Turnschuhen, T-Shirts mit Comicaufdruck, Jeans, Kapuzenwesten und Digitaluhren haben sich vergangenen Donnerstag im Subotron im Wiener MQ versammelt. Unter dem Motto „Gamers gathering“ stand ein Branchentreffen der Gamer und Spieleentwickler auf dem Programm.

Seit 2004 kümmert sich Jogi Neufeld in seinem kleinen Subotron-Shop, der zugleich mit einer Art Kulturgeschichte der Computerspiele aufwartet, darum, die Wiener Spieleszene zu vernetzen. Seit vergangenen Herbst auch in Form von diesen Branchenmeetings. Und er macht sich dafür stark, dass Computerspiele auch in der breiten Öffentlichkeit als Kulturgut anerkannt werden. „In den Medien wird ja nur darüber berichtet, wenn der nächste Amokläufer am Start ist. Aber schön langsam sitzen auch die Leute am Schalter, die mit Spielen aufgewachsen sind“, sagt Neufeld.


Wiener Szene wächst. Und sie sitzen eben auch regelmäßig im Museumsquartier. Wie groß die lokale Branche ist, lässt sich nur schwer sagen. Die Wirtschaftskammer Wien hat in ihrem letzten Kreativwirtschaftsbericht in der Kategorie Software und Games rund 3000 Unternehmen mit 16.000 Erwerbstätigen gezählt – 2002 waren es rund 1700 Unternehmen. Jogi Neufeld kommt bei dieser Zahl ins Staunen. Auf eine Schätzung will er sich nicht einlassen, aber: „Wenn man die Software-Unternehmen rausrechnet, sind es sicher viel weniger. Ich persönlich kenne rund zwei Dutzend Firmen.“

Jurie Horneman vom Spieleentwickler Mipumi wird da etwas konkreter. „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es rund 200 Leute sind, mittlerweile vielleicht sogar 300“, meint er. Im internationalen Vergleich sei das wenig. In Kanada – dem Land der Spieleentwickler – ist das etwa keine unübliche Größe für ein einziges Unternehmen. „Dort sitzen sogar Firmen mit 4000 Leuten“, sagt Horneman.

Auch wenn Österreich im Vergleich zu Kanada, Skandinavien, Frankreich – wo sogar jedes Spiel in der Nationalbibliothek landet – oder Deutschland einen recht niedrigen Stellenwert in der Gaming-Szene hat, es hat sich einiges getan in den vergangenen Jahren. Seit 2006 die Wien-Niederlassung des Spieleriesen Rockstar Games geschlossen hat und sich die knapp 100 Mitarbeiter von einem Tag auf den anderen nach etwas Neuem umsehen mussten, eröffnen immer mehr kleine Firmen. Nicht wenige der beim Branchentreffen anwesenden Entwickler können auf eine Vergangenheit bei Rockstar Games zurückblicken. Neben den größeren Firmen wie Greentube, die zu Novomatic gehört, oder Sproing, die bereits mehr als 50 Spiele entwickelt haben, sind hierzulande Unternehmen mit rund einer Handvoll bis einem Dutzend Mitarbeitern nicht unüblich.


Demokratisierung der Mittel.
Und die meisten Entwickler sind davon überzeugt, dass sich auch in den nächsten Jahren noch einiges tun wird. Das hat vor allem mit der rasanten technischen Entwicklung zu tun. Ähnlich wie bei Film und Musik gibt es nicht nur eine Demokratisierung der Produktionsmittel, sondern auch der Vertriebswege. Spiele können schneller und einfacher entwickelt werden, und anstatt sich auf die Suche nach einem internationalen Publisher zu machen, wird das Ergebnis über eine Downloadplattform vertrieben. „In ein paar Jahren werden Spiele nicht mehr klassisch verkauft werden, sondern nur noch gestreamt“, meint etwa Neufeld.

Helmut Hutterer von Socialspiel vergleicht die Veränderung mit dem Paradigmenwechsel in der Musikindustrie. „Mit dem großen Unterschied, dass die Veränderung sehr positiv ist, außer für große Publisher oder den Retail-Handel. Aber für Spieleentwickler ist das gut“, sagt Hutterer. Wenn die Technik in den Hintergrund rückt, wird wieder mehr Platz für Kreativität und gute Ideen frei. Oder wie es Horneman ausdrückt: „Die Leute können die Spiele entwickeln, die sie gerne spielen würden, und nicht, was die Großen vorgeben.“ Hinzu kommen neue Zielgruppen – zum Beispiel Frauen ab 40 – die für Vielfalt in der Nachfrage sorgen.

Und: Spiele werden anders konsumiert, etwa auf iPhones und iPads. Während man sich früher noch zwei Stunden auf dem Sofa dafür Zeit genommen hat, wird heute eher zwischendurch gespielt – etwa am Arbeitsplatz oder kurz nach der Arbeit, um abzuschalten. Neue Finanzierungsmodelle wirken sich ebenso auf die Art der Spiele aus. „Free to play“ heißt die neue Zukunftshoffnung. Dabei ist das Spiel selbst kostenlos, Geld wird lediglich für Zusatzangebote, also virtuelle Güter wie Waffen oder Grundstücke, verlangt. „95 Prozent der Spieler zahlen nichts. Und ein Prozent der restlichen fünf zahlt sehr viel und finanziert somit das Spiel“, sagt Hutterer. In Asien lässt sich mit diesem Modell schon seit rund zehn Jahren gutes Geld verdienen. Hierzulande wird das erst seit zwei Jahren verstärkt eingesetzt.

Wobei nicht jeder auf dieses Modell schwört. Die Entwickler von Broken Rules etwa gehen lieber klassisch vor und verkaufen ihre Spiele – wenn auch über Downloadplattformen. „Das ermöglicht uns eine stärkere Autorenschaft. Das Free-to-play-Modell gibt einiges vor, die Spielzeit ist kürzer, und man ist darauf angewiesen, Abhängigkeitszyklen zu implementieren“, sagt Clemens Scott von Broken Rules.

Selbst bei der Finanzierung wird deutlich: Der Markt wird größer und bietet mehr Platz für Nischen. Gaming wird also vielfältiger. Oder wie es Jogi Neufeld ausdrückt: „Die Zukunft schaut extrem rosig aus.“

lexikon

Subotron
Der Shop im MQ versteht sich als Anlaufstelle zur Förderung des Diskurses zum Thema digitale Spiele.

Subotron Pro Games
Jeden Donnerstag findet eine von der WKW geförderte Veranstaltung statt, einmal im Monat ist es ein Branchentreff. Der nächste Termin ist der 1. März, siehe www.subotron.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)