360 Grad Österreich: In Salzburg traf sich die Weltelite der Tierpräparatoren und maß sich darin, wer tote Tiere am lebendigsten aussehen lassen kann.
Es gibt die Anfragen. Wenn der geliebte Hund oder das süße Katzerl das Zeitliche segnet, kommen sie manchmal zu Franz Schwarz. „Die alten Miaterln, die sonst halt nix habn“, erklärt der Niederösterreicher. Ja, dann erbarmt er sich schon, nimmt die Katze aus, zieht ihr das Fell ab, erstellt einen Körper aus Thermoplaste, spannt die Haut wieder darauf, setzt Glasaugen und eine Plastikzunge ein, und dann kann Schnurrli auf alle Zeiten in der Ecke stehen oder auf dem Sofa schlafen. „Mehr Freid“, sagt Schwarz, „hast aber schon, wenn dir a neie kaffst.“
Es ist nicht so, dass Tierpräparatoren besonders gerne mit toten Tieren hantieren oder sich selbst nie grausen bei dem, was sie machen. Und deswegen lehnen es viele ab, Haustiere zu bearbeiten. Schwarz nicht, weil „wenn's manche Leit unbedingt wollen, dann mach i's halt“. Aber hin und wieder geht ihm sein Job schon nahe: „Einmal hab ich eine Gruppe von Schimpansen g'habt“, berichtet er. „Da fangt schon das Gruseln an.“
Das haben an diesem Wochenende einige Besucher, die sich im riesigen Messezentrum in Salzburg in die Bereiche G und H der Halle 10 verlaufen. Hier findet, als eine Nebenveranstaltung der völlig überlaufenen Jagd- und Fischereimesse, die „Weltmeisterschaft der Tierpräparatoren“ statt. Mehr als 400 tote Tiere sind ausgestellt: von der Maus über die Gämse bis zum Bären. Da sieht man einen Luchs, der gerade ein Reh reißt, einen Falken, der mit ausgefahrenen Krallen hinter einer Ente herfliegt, ein Gamskitz, das sich das Fell leckt, zwei spielende Füchse. „Waa“, sagt eine ältere Dame zu ihrem grün gekleideten Begleiter, „gemma wieder, des is nix für mi.“
„Ausstopfen“ gibt es nicht. Eigentlich ist das hier Kunst, erklärt Larry Blomquist, Herausgeber von „Breakthrough“, dem US-Magazin für den „Serious Wildlife Artist“, wie es im Untertitel heißt. Die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift gibt unter anderem Tipps, wie man einen Fuchs richtig präpariert, eine Schlange häutet oder auch ein künstliches Blatt herstellt.
Der US-Amerikaner organisiert die Weltmeisterschaft seit 17 Jahren, um „diesen wunderbaren Beruf“ zu promoten. 130 Teilnehmer aus 22 Ländern sind heuer mit ihren Meisterstücken nach Salzburg gereist, einer sogar aus Japan. Mit der Veranstaltung will man auch ein wenig mehr Verständnis wecken. „Die Menschen wissen nicht sehr viel darüber, was ein Präparator macht.“
Das beginnt beim Ausstopfen. „Sagen S' das nicht“, mahnt Hans Niedermair. Der 57-jährige Salzburger ist mehr oder weniger der Hermann Maier der Tierpräparatoren: Zum zweiten Mal hat er einen Weltmeistertitel errungen, heuer mit einer Gämse in der Kategorie „große Säugetiere“.
Ausgestopft hat man früher, vor 50, 60 Jahren. Da hat man beispielsweise einen Hirsch ausgenommen, ihn dann mit Heu und Stroh, teilweise auch mit alten Hemden, vollgestopft, wieder zugenäht und ausgestellt.
Heute hat man vorgefertigte Plastikmodelle: Ein Reh, das liegt, ein Reh, das steht, ein Reh, das geht. Vom einst lebenden Tier bleibt nur die Haut, die gegerbt und dann über das Modell gezogen wird. Die Zunge, die Augen – alles künstlich. An einem der Tische bietet ein Deutscher hunderte verschiedene Glasaugen an: große, kleine, dunkle, helle, für Hirsche, Rehe, Falken. Damit das Auge glänzt, das Geheimnis sei verraten, muss man eine feine Lackschicht auf das Glas geben. „Sonst wirkt's tot“, sagt Schwarz.
Niedermair fängt nicht viel mit Plastik an. Er ist qualitätsbesessen und fertigt bei manchen Modellen aus dem toten Tier eine Polyesterform an, gießt sie dann mit Schaum aus und arbeitet so weiter. Oder das Skelett wird zusammengesetzt und mit Kunststoff ein Körperaufbau gemacht. Die Gämse entstand aus einer eigenen Polyesterform, sie hat sogar einen Gehörgang (man sieht ihn, wenn man mit der Taschenlampe hineinleuchtet) und eine durchscheinende Nasenscheidewand.
So ein Präparat ist nicht wirklich zu bezahlen. Eine gewöhnliche Gämse gibt es für 1500 bis 2000 Euro, ein ganzer Hirsch kostet ab 3500 Euro (Haupt mit Brustansatz für die Wand: ab 900 Euro), und wer den Platz hat, kann sich auch einen Elefanten ins Haus stellen (ab 27.000 Euro).
Ein aussterbender Beruf. Niedermair präpariert seit 30 Jahren Tiere. Vornehmlich für die Jagd. Früher war es noch ein breiteres Geschäft: „Da haben Menschen Präparate als Souvenir gekauft.“ Das Eichkätzchen beispielsweise, das bei vielen Großeltern in der Bauernstube auf einem Ast an der Wand saß. Heute ist das Eichkätzchen geschützt, „so etwas mach ich nicht“. Es würde aber auch niemand mehr kaufen. Die Zeiten ändern sich.
Auch für den Beruf des Tierpräparators. Vor einigen Jahren war es noch ein geschützter Beruf mit Ausbildung und Lehre. 100 gelernte Präparatoren gibt es in Österreich. Jetzt ist es ein freier Beruf, jeder kann ihn ausüben. Nicht so gut wie Niedermair, aber dem Laien fällt das kaum auf. Wie das Präparat von dem Falken, der die Ente jagt. Das sieht spektakulär aus, ist anatomisch aber „eine Katastrophe“.
Sagt Robert Stein, der mit einem Kea die Weltmeisterschaft und den Titel „Best of Show“ gewonnen hat. Der 31-jährige Deutsche präpariert Tiere für das Naturkundemuseum in Berlin. „Früher sollten Präparate spektakulär sein, heute wollen wir den Menschen einen möglichst realistischen Eindruck der Natur vermitteln.“ Kein Falke würde so jagen, mit ausgebreiteten Flügeln und mit einer solchen Körperhaltung. „Ins Museum“, sagt Stein, „würde so etwas sicher nicht kommen.“
Apropos: Einst gab es in den Museen auch präparierte Menschen. Im Naturgeschichtemuseum im spanischen Banyoles stand noch bis 1997 „El Negro“, ein Buschmann aus Afrika. Im 18. Jahrhundert hätten die Franzosen Menschen ausgestopft, berichtet Larry Blomquist. „Aber sie haben es nicht sehr gut gemacht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)