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Der Dollar - "Amerikas unverschämtes Privileg"

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(c) Börsenbuchverlag
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Der US-Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen ist überzeugt: Der Dollar fällt nur dann, wenn es zu einem selbst verursachten Crash kommt.

Das neu erschienene Buch des renommierten US-Wirtschaftshistorikers Barry Eichengreen trägt einen irreführenden Titel: "Das Ende des Dollar-Privilegs. Aufstieg und Fall des Dollars und die Zukunft der Weltwirtschaft". Von einem Fall des Dollars kann nach der Lektüre des Buches allerdings keine Rede sein. Denn Eichengreens Kernbotschaft ist: Nur ein Crash - also die überstürzte Flucht aus der Währung - könne dazu führen, dass der Dollar den Status als internationale Währung verliert.

Verursacht werden könne so ein Crash nur durch wirtschaftliches und finanzielles Missmanagement seitens der USA. "Die gute Nachricht ist nach Lage der Dinge also, dass das Schicksal des Dollars in unseren Händen liegt, und nicht in den Händen der Chinesen", schreibt Eichengreen.

Dollar wird Rolle mit anderen Währungen teilen

Seine Argumentation ist schlüssig. Er räumt mit dem Trugschluss auf, es gebe einen tödlichen Wettlauf zwischen dem Dollar und seinen Konkurrenten Euro und Renminbi. Vielmehr gebe es Platz für mehrere internationale Währungen. Das sieht er auch historisch belegt. "Abgesehen von der sehr speziellen zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es immer mehr als eine internationale Währung gegeben", schreibt Eichengreen. "Es gibt keinen Grund, weshalb nicht in ein paar Jahren Länder an Chinas Grenzen für ihre internationalen Transaktionen den Renminbi verwenden sollten, während Länder in der Nachbarschaft Europas den Euro verwenden und Länder, die mit den Vereinigten Staaten Geschäfte machen, dafür den Dollar benutzen".

Warnungen, dass ein schwächerer Dollar es den USA erschweren könnte, international Einfluss auszuüben, hält er für eine Fehldiagnose des Problems. "Der Wandel einer Welt, in der der Dollar die vorherrschende internationale Währung war, zu einer Welt, in der er diese Rolle mit anderen teilen muss, wird sich in Wirklichkeit nur minimal auf die Fähigkeit der Vereinigten Staaten auswirken, ihre geopolitischen Ziele zu verfolgen", ist Eichengreen überzeugt.

China nicht an Dollar-Absturz interessiert

Auch China sei auf eine Welt mit mehreren internationalen Währungen aus. China habe kein Interesse daran, den Dollar zu "entthronen". Dazu habe das Land zu viel in den Greenback investiert. Immerhin ist China der größte Gläubiger der USA. Das Reich der Mitte hat bis zu 70 Prozent der Devisenreserven von umgerechnet 2400 Milliarden Euro in auf Dollar lautenden Vermögenswerten angelegt. Ein plötzlicher und massiver Verkauf von US-Staatsanleihen könnte zwar das US-Finanzsystem gefährden, würde aber auch das chinesische Wirtschaftswunder in ernste Gefahr bringen.

Ein abrupter Wandel zugunsten des chinesischen Renminbi sei zudem unrealistisch. Ausländer können die chinesische Währung nur benutzen, um China selbst Waren abzukaufen. China erlaubt die Verwendung des Renminbi für den grenzüberschreitenden Handel bislang nur bei unmittelbaren Nachbarn. Der Weg zu offeneren Finanzmärkten erfolgt nur langsam.

Renminbi-Aufstieg wird Zeit brauchen

Eichengreens Schluss: "Es ist auf absehbare Zukunft schwer vorstellbar, wie er (Anm., der Renminbi) an die Währung eines Landes herankommen soll, das eine größere Volkswirtschaft bleiben wird - der Vereinigten Staaten. Regionale Reservewährung? Ja. Ergänzende Reservewährung? Ja. Aber die vorherrschende Reservewährung? Das ist schwerer vorstellbar".

Diese Einschätzung teilt auch der deutsche Ökonom Wolfgang Filc von der deutschen Uni Trier. "Der Renminbi ist eine lokal geltende Währung, die allein von der Zentralbank Chinas in andere Währungen getauscht werden kann. Daneben ist das chinesische Bankensystem weit entfernt von einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit entsprechender Bankenaufsicht. Bis der Renminbi zu einer Leitwährung aufsteigen kann, wird es wohl noch viele Jahre brauchen", sagte er im "DiePresse.com"-Interview.

Euro: Währung ohne Staat

Eine Währung, die großes Potenzial hat und binnen zehn Jahren schnell zur Nummer zwei aufgestiegen ist, schwächelt: Der Euro. "Das grundsätzliche Problem ist, dass der Euro eine Währung ohne Staat ist. Er ist die erste bedeutende Währung, hinter der keine bedeutende Regierung steht", bringt es Eichengreen auf den Punkt. Dieses Fehlen sei der Hauptfaktor, der verhindert, dass die internationale Bedeutung des Euros an die des Dollars heranreicht. Europa werde sich zwar nach und nach auf eine tiefere Integration zubewegen. Da die institutionelle Reform aber langsam verlaufen werde, falle auch der Aufstieg des Euros zur internationalen Währung langsam aus.

Damit der Euro dem Dollar als globale Währung tatsächlich Konkurrenz machen könnte, müsste eines von zwei Dingen passieren:

  • Die Einstellungen der Euroländer zur Souveränität müssten sich ändern. Europa müsste sich in Richtung einer tieferen politischen Integration bewegen. Es müsste Anleihen der Eurozone ausgeben und einen Markt für Staatsanleihen schaffen, der so liquide ist wie der Markt für US-Schatzanleihen.
  • Oder die Vereinigten Staaten müssten ihre Wirtschaftspolitik so schlimm verpfuschen, dass sie damit Misstrauen gegenüber ihrer Währung säen.

Schlägt die Stunde von Rupie und Real?

Dollar, Euro und Renminbi werden nach Ansicht von Eichengreen zwar führende internationale Währungen bleiben, aber nicht unangefochten sein. "Das gleiche Argument, das darauf hindeutet, dass Platz für drei internationale Währungen ist, deutet darauf hin, dass auch Platz für mehr als drei ist", meint der Ökonom.

Diese Konkurrenten würden aber wohl nicht aus Ländern mit demografischen Problemen, wie Japan und Russland, kommen. Er betrachtet daher die Indische Rupie und den Brasilianischen Real als Anwärter. Allerdings eher langfristig: Denn auch diese beiden Länder hätten "chinesische" Probleme - vor allem im Bereich der wenig offenen Finanzmärkte - und würden zudem über kleinere Volkswirtschaften verfügen.

Lesen Sie hier das Eichengreen-Interview "Der Dollar ist der einzige sichere Hafen".

Barry Eichengreen

ist Professor für Wirtschafts- und Politikwissenschaft an der University of California in Berkeley. Unter anderem hat er folgende Bücher verfasst: "The European Economy Since 1945", "Global Imbalances and the Lessons of Bretton Woods", und "Financial Crises and What to Do About Them". Er hat viel beachtete Artikel für die Financial Times, das Wall Street Journal, Foreign Affairs und andere Veröffentlichungen geschrieben.