Nicht alle „Zivilisationen“ sind gleich viel wert, sagt der französische Innenminister. Über das Zivilisieren, einst und heute.
Die Griechen ärgern sich über die Arroganz der Deutschen, liest man. Zum Beispiel, wenn ein deutscher Politiker erklärt, bei den Kreditverhandlungen in Griechenland würden Zustände herrschen, „die nicht einem zivilisierten Land entsprechen“.
Die Bemerkung könnte als wohlkalkulierte Gemeinheit aufgefasst werden. Immerhin hatten die Germanen noch keine Ahnung von Büchern, als die alten Griechen schon philosophierten, unsterbliche Literatur schrieben und herrliche Tempel bauten. Auch wenn der Eurozentrismus aus der Mode gekommen ist, preisen Reiseführer Griechenland immer noch als „Wiege der Zivilisation“ an.
Viel tiefer noch in die historischen Nesseln hat sich kürzlich der französische Innenminister Claude Guéant gesetzt. „Anders als das, was die relativistische Ideologie der Linken verkündet, sind für uns nicht alle Zivilisationen gleichwertig“, sagte der Parteigenosse von Nicolas Sarkozy vor jungen Funktionären. Die Aufregung war groß. Sie war es nicht zuletzt deswegen, weil der Minister von „civilisation“ sprach.
Dieses Wort hat in Frankreich eine besondere Geschichte. Abgeleitet von den römischen Bürgern, den „cives“, machte die „civilisation“ im 18. und 19. Jahrhundert groß Karriere als Gegensatz zur „Barbarei“, als Prozess hin zu einer immer „zivilisierteren“, d.h. gesitteteren, hoch entwickelteren, besseren Welt. Die ganze französische Kolonialgeschichte inklusive Sklaverei fand unter diesem Motto statt. Insofern steckt die Botschaft des Ministers schon im Wort allein. Wer in Frankreich „civilisation“ sagte, hat bereits beschlossen, dass eine überlegen sein muss – nämlich die eigene.
Die Engländer übernahmen bald das Wort und verwendeten es ähnlich. Als Samuel Huntington in den 1990er-Jahren den „clash of civilizations“ heraufbeschwor, musste er auch mitbedenken, wie das Wort in den Ohren jener klang, deren Vorfahren einst gewaltsam „zivilisiert“ wurden. „Zivilisation, Zivilisation, Stolz der Europäer ... Bei deinem Anblick fließen die Tränen, schreit der Schmerz“, heißt es beim indischen Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore Anfang des 20. Jahrhunderts.
Im Deutschen lautet das Kampfwort statt „Zivilisation“ „Kultur“. Das „Zivilisierte“ hatte sogar immer wieder einen schlechten Beigeschmack, als naturferne oberflächliche Tünche. Immanuel Kant fand bei seinen Zeitgenossen zu viel „Zivilisiertheit“, zu wenig „Kultur“, Thomas Mann verwünschte den (typisch französischen) „Zivilisationsliteraten“.
Heute freilich denken die meisten jüngeren Deutschen und Österreicher beim Wort „Zivilisation“ wohl als Erstes an ein Computerspiel. In „Civilization“ kann man historische Zivilisationen aufbauen und weiterentwickeln, mit allem, was dazu gehört, Politik, Wirtschaft, Forschung et cetera. Gerühmt wird an dem Strategiespiel unter anderem die historische Korrektheit und Sensibilität bei der Darstellung der einzelnen Zivilisationen, etwa der islamischen. In den neueren Spielen wird Zusammenarbeit belohnt. Krieg gibt es zwar nach wie vor – aber nur noch, wenn es unbedingt sein muss.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2012)