Dürfen Politikjournalisten politisch tätige Sportler um Autogramme bitten? Ein Selbstversuch.
Gestern Nachmittag, um 13.28Uhr, hatten der spanische Fußballer Raúl und ich eine flüchtige Begegnung in der Europäischen Kommission in Brüssel, die sich vermutlich nur einem von uns beiden dauerhaft ins Gedächtnis geprägt hat. Doch auch wenn Herr González Blanco, seines Zeichens einer der besten Stürmer aller Zeiten, der neulich sein 400. Pflichtspieltor geschossen hat, sich dessen nicht bewusst gewesen sein wird: Er und ich, wir waren da in dieser Brüsseler Minute beide im falschen Film. Raúl kam nämlich gerade von einer Pressekonferenz, die er in der Kommission zum Thema „Europäischer Profifußball gegen Hunger“ gegeben hatte. Das ist eine jener Veranstaltungen, mit denen öffentliches Interesse für die schlimme Hungersnot in der Sahelzone geweckt werden soll. Raúl, der in seiner langen Karriere keine einzige rote Karte erhalten hatte und auch ansonst ein anständiger Mensch zu sein scheint, unterstützt als „Botschafter des guten Willens“ die Ernährungs- und Agrarorganisation FAO.
Und damit wären wir bei unser beider Problem: Als politischer Korrespondent interessieren mich PR-Aktionen der EU-Institutionen kein bisschen – außer ihre Kosten. Der „Goodwill Ambassador“ Raúl interessierte mich ebenfalls kein bisschen – der Kicker Raúl aber schon. Darf ich ihn also um ein Autogramm fragen, wenn er nicht als Sportler auftritt, sondern im Dienste eines politischen Anliegens? Bin ich damit dann nicht befangen? Dieses ethische Dilemma ließ mich seit Ankündigung des Raúl-Termins nicht ruhen. Die Schöne, wie so oft der Pragmatismus in Person, löste es. Sie hielt Raúl nach der Pressekonferenz einfach einen Zettel unter die Nase. Er unterschrieb. Manche Dinge kann man auch zu Tode diskutieren.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.02.2012)