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Türkei: Attentat setzt Erdoğan unter Zugzwang

(c) REUTERS (UMIT BEKTAS)
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Eine Bombe im Zentrum von Istanbul galt Polizisten – und indirekt auch der Regierungspartei AKP. Von einer friedlichen Lösung der Kurdenfrage scheint die Türkei derzeit wieder weit entfernt zu sein.

Istanbul/Keet. Von einem „Feuerball“ sprachen jene Augenzeugen, die die Explosion hautnah miterlebt hatten: Am Donnerstagmorgen zündeten Unbekannte im Istanbuler Stadtteil Sütlüce einen Plastiksprengsatz. Ziel der Bombe war ein Polizeibus, 16 Personen wurden verletzt – keine von ihnen schwer. In dem Bus saßen 21 Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei. Ob sich unter den Verletzten auch Passanten befinden, war zunächst unklar.

Wer immer diesen Anschlag durchgeführt hat, hat eine symbolträchtige Nachbarschaft gewählt. Die Bombe explodierte in unmittelbarer Nähe des Hauptgebäudes der Regierungspartei AKP in Istanbul. Unweit befindet sich auch der Sitz des Unternehmerverbandes Müsiad, der der gemäßigt islamischen AKP nahesteht.

 

PKK unter Verdacht

Die Durchführung an einem Ort, an dem mit verstärkter Überwachung zu rechnen ist, der Plastiksprengstoff und die Fernzündung sprechen für eine Professionalität der Attentäter. Anschläge auf die Polizei in Istanbul hat in den letzten Jahren nur die kurdische Untergrundorganisation PKK durchgeführt. Auch dass die Bombe in der Nähe der Gebäude von AKP und Müsiad explodiert ist, ist sicher kein Zufall.

Die PKK macht die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan für das Scheitern von Geheimverhandlungen in Oslo verantwortlich, die die Regierung bis kurz nach den Parlamentswahlen am 12. Juni 2011 geführt hat. Seither setzen beide Seiten auf Konfrontation.

Zudem wurden in den letzten zwei Jahren nach kurdischen Angaben über 6300 Politiker und Aktivisten der Partei für Frieden und Demokratie (BDP) inhaftiert. Ihnen wird vorgeworfen, einer Nebenorganisation der PKK anzugehören. Gegen Abgeordnete der BDP werden in wenigen Monaten Strafverfahren eröffnet, in denen nach Angaben der Partei Haftstrafen von zusammen über 3000 Jahren gefordert werden. Von einer friedlichen Lösung der Kurdenfrage scheint die Türkei derzeit wieder weit entfernt zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2012)