Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Syrien: Die Ein-Mann-Show des Widerstands

(c) Reuters (STAFF)
  • Drucken

Die „Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, die Journalisten mit News aus Syrien versorgt, besteht aus einer Person. Besuch bei Rami Abdulrahman in Coventry.

London. Ein schmales Reihenhäuschen an einer Hauptstraße in Coventry, 140 Kilometer nördlich von London: Das ist die Zentrale des „Syrian Observatory for Human Rights“ (Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte). Ein bescheidenes Domizil, gemessen an der Bedeutung der Organisation: Seit Beginn der Unruhen in Syrien ist sie für die Weltmedien eine der meistgenutzten Quellen über die Revolution und ihre Opfer. TV-Sender, Nachrichtenagenturen, Zeitungen – alle zitieren die Syrische Beobachtungsstelle.

Gründer, Direktor und – bis auf eine ehrenamtliche Helferin – auch einziger Mitarbeiter des Observatory, Rami Abdulrahman, sitzt mit dem Laptop auf dem Schoss in seinem kleinen Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Teppich mit einer Sure aus dem Koran, im Fernsehen läuft der syrische systemnahe Satellitenkanal AbboudiaTV. Abdulrahman schiebt die Brille hoch und reibt sich die Augen: „Habe nur zwei Stunden geschlafen“, sagt er in gebrochenem Englisch. „Um drei Uhr früh hat es schon wieder geklingelt.“ Prompt bimmelt mit orientalischem Klingelton eines seiner drei Handys. „Arabischer Service der BBC“, sagt er entschuldigend.

Seine Informationen, erklärt der 41-Jährige, bekommt er von 200 Informanten in ganz Syrien: „Sie kennen sich gegenseitig nicht. Damit keiner die anderen verraten kann, wenn er festgenommen wird.“ Sechs seiner Mitarbeiter seien seit Beginn der Revolution schon ums Leben gekommen. „Vier von ihnen wurden erschossen – ich glaube, ganz gezielt“, sagt er. Dann klingelt wieder sein Handy.

 

Aus der Heimat geflüchtet

Rami Abdulrahman heißt eigentlich Ossama Ali Suleiman und betreibt mit seiner Frau ein kleines Bekleidungsgeschäft. „Den Namen habe ich mir zum Schutz zugelegt“, sagt er und lacht bitter. „Inzwischen weiß sowieso jeder, wie ich heiße.“ 2000 flüchtete der Syrer aus seiner Heimatstadt Baniyas nach Großbritannien: „Ich war in der Opposition aktiv. Es wurde zu gefährlich.“ 2006, nach der Verhaftung eines guten Freundes, gründete er dann das Observatory: „Sie haben ihn einfach weggesperrt. Ich wollte, dass es bekannt wird. Ich will Demokratie. Und zur Demokratie gehört die Wahrheit.“

Doch Kritiker werfen ihm vor, es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen. Im August 2011 etwa erklärte das Observatory, in einem Krankenhaus in Hama seien acht Frühchen im Brutkasten gestorben – weil das Regime die Stromversorgung unterbrochen habe. Mehrere Medien griffen die Geschichte auf, begleitet von einem Foto von Babys in einem Brutkasten. Doch nach Recherchen des US-Bloggers Ali Abunimah zeigte das Foto höchst lebendige Kinder aus Ägypten. Die ganze Geschichte, so der Onlinejournalist, sei nicht verifizierbar. Doch Abdulrahman bleibt dabei: Ein Arzt aus dem betroffenen Krankenhaus habe ihm von den toten Frühchen erzählt, und für das Foto könne er nichts.

Problematischer für den Menschenrechtler: Er ist nicht der Einzige, der behauptet, für die Syrische Beobachtungsstelle zu sprechen. Im Internet hat sie gleich zwei Adressen – „syriah.com“ und „syriah.org“. Laut Abdulrahman wurde die „.org“-Adresse von einem seiner ehemaligen Helfer Ende des Jahres gekapert – Musab Azzawi, ein in London lebender Pathologe, habe sich zuvor in Interviews als Abdulrahman ausgegeben und nicht abgesprochene politische Forderungen gestellt. „Deshalb wollte ich nichts mehr mit ihm zu tun haben“, sagt Abdulrahman.

 

„Ungebildeter Installateur“

Auf der „.org“-Seite wird dagegen behauptet, „Rami Abdulrahman“ sei das Alias gewesen, das alle Mitarbeiter der Organisation benutzt hätten. Der Mann aus Coventry sei nur ein „ungebildeter Satellitenschüssel-Installateur“ mit zweifelhaften politischen Allianzen. In einem „Statement“, das angeblich von mehreren Dutzend syrischen Oppositionellen unterzeichnet wurde, werden die Leser aufgefordert, jegliche Zusammenarbeit mit Abdulrahman einzustellen. Doch zumindest einer der Unterzeichner, Ghassan Ibrahim von der Londoner Online-Informationsplattform „Global Arab Network“, bestreitet gegenüber der „Presse“, den Text je gesehen, geschweige denn unterzeichnet zu haben.

Musab Azzawi, der nach eigenen Angaben nicht mehr für die Syrische Beobachtungsstelle, sondern jetzt für eine Organisation namens „Syrian Network for Human Rights“ spricht, erklärt am Telefon: „Wir wollten uns nur von ihm distanzieren und die Verantwortung ablehnen für das, was er tut.“ Abdulrahmans Arbeit sei nicht akzeptabel, weil er beispielsweise seine Opferliste nicht allgemein zugänglich mache. Er sei „nur ein einfacher Mann, der glaubt, durch seine Auftritte größer zu werden“.

Der Kleinkrieg mit Azzawi, sagt Abdulrahman in seinem Wohnzimmer, lenke ihn nur von seiner Arbeit ab und spiele in die Hände des Regimes. Dann zeigt er aufgeregt auf den Fernseher. „Da, sie reden über mich. Sie sagen, ich hätte ein großes Restaurant und Büro in London, ich sei ein Spion für den Westen. Ein Lügner.“ Dann klingelt wieder sein Handy.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2012)