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Vor dem Anpfiff: Zwei ungleiche Gastgeber

(c) AP (EFREM LUKATSKY)
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Polen erzielt ein wirtschaftliches „Tor“ nach dem anderen – im Gegensatz zur Ukraine.

Polen und die Ukraine werden im Juni bei der Fußball-Europameisterschaft im Mittelpunkt der internationalen Aufmerksamkeit stehen. Bezüglich ihrer Immobilienmärkte haben die beiden Länder allerdings kaum etwas gemeinsam. Und das liegt nicht nur an der Größe (die Ukraine ist fast doppelt so groß wie Polen). Letzteres gilt als das Vorzeigeland in der EU und hat sich gut entwickelt, „wirtschaftlich, rechtlich und politisch“, so Christian Wagner, Geschäftsführer des Projektentwicklers und -managers Wagner & Partner: „Das hat es in der Ukraine in dem Ausmaß nicht gegeben und gibt es bis heute nicht.“

Polen hat die für eine wirtschaftliche Entwicklung wichtige Infrastruktur aufgebaut und seine Lage in Europa hervorragend genutzt. Nicht nur Warschau mit 1,7 Millionen Einwohnern gilt als interessanter Standort, sondern auch zahlreiche große Zweit- und Drittstädte. Polen hat sich mittlerweile zum viertgrößten Investmentmarkt in Europa entwickelt. Internationale Investoren – auch aus den USA – suchen derzeit für enorme Summen Immobilienprojekte, und neben Deutschland, Großbritannien und Frankreich zieht es sie nach Polen.

Und nicht in die Ukraine. Hin und her gerissen zwischen dem pro Europa dominierten Westen und dem russisch dominierten östlichen Teil lässt sich hier bei entsprechenden Regierungswechseln keine klare Linie festmachen. Auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen vertraut man wenig, oder wie es Alfons Metzger, Geschäftsführer der Metzger Realitäten Gruppe, ausdrückt: „Es regiert das Recht des Stärkeren, und die Politik kommt im Westen gar nicht gut an.“

 

Anschluss verpasst?

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum das flächenmäßig zweitgrößte Staatsgebiet in Europa im Gegensatz zu Polen den wirtschaftlichen Anschluss verpasst hat, erklärt Rechtsanwalt Timur Bondaryev, Partner bei der Anwaltskanzlei Arzinger in Kiew: „Die Unterschiede zwischen Polen und der Ukraine können in kurzen Worten erklärt werden: In Polen gibt es eine stabilere politische Situation, klare Gesetzgebung, einfachere Kapitalbeschaffung nach dem EU-Beitritt und weniger Spekulation am Immobilienmarkt.“

In der Ukraine sind Finanzierungen derzeit sehr schwierig zu bekommen – und wenn, dann nur in Landeswährung. Metzger: „Das Vertrauen der Banken und der Investoren ist in der Ukraine nämlich nicht gegeben.“ Dennoch ist Bewegung im Land. Man müsse unterscheiden, meint Wagner: „Aus westlicher Sicht ist wenig los, weil die Ukraine aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht im Fokus steht. Aber es gibt die lokalen ukrainischen und russischen Developer.“ Teilweise werden die in der Krise stillgelegten Projekte weitergeführt, teilweise werden neue begonnen. Die attraktivsten Städte für Immobilieninvestitionen sind „unter anderem Kiew, Dnjepropetrowsk, Lviv und Odessa als die populärsten, sich am schnellsten entwickelnden und meistbesuchten Städte“, so Bondaryev. Gemäß der offiziellen Angaben ist der Preis für kommerzielle Immobilien, vor allem für Handelsimmobilien sowie Geschäftszentren und auch Luxusobjekte, stabiler im Vergleich zu anderen Immobilienarten wie Wohnobjekten mit niedrigerem Standard. Nicht alle Developer und Investoren haben sich in sichere Gefilde zurückgezogen, und so sind Österreicher weiterhin auf dem Markt vertreten: Die CA Immo prüft in Kiew Investitionsprojekte in allen relevanten Nutzungssegmenten, Wagner & Partner ist verantwortlich für die Projektleitung der Kiew Airport City, die in mehrheitlichem Besitz einer österreichischen Investorengruppe ist. Die Uniqa Real Estate hat nicht nur in Kiew ein Bürohaus, sondern auch in Odessa ein Büro und Geschäftsgebäude, sowie das City Center in Nikolaev und ein Büro- und Einkaufscenter in Kharkow.

Was im Sommer für die Fußballfans eine Herausforderung sein wird, ist die fehlende Infrastruktur. Während in Polen Verkehrsinfrastruktur, Stadien und Nächtigungsmöglichkeiten vorhanden sind, gibt es in der Ukraine nur die Stadien und Flughäfen. Womit es Probleme geben dürfte, sind Unterkünfte und Verkehrsverbindungen. „Die Fans werden viel aushalten müssen“, so Wagner.

Auf einen Blick

Fußballfans blicken heuer nach Polen und in die Ukraine, Immobilieninvestoren lieber nach Polen. Gründe dafür sind eine stabilere wirtschaftliche Entwicklung, die Mitgliedschaft in der EU, sichere politische Rahmenbedingungen und einfachere Kapitalbeschaffungsowie weniger Spekulationen am Immobiliensektor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2012)