Rendezvous mit dem Jetset an der Côte d'Azur

Rendezvous Jetset dAzur
Rendezvous Jetset dAzur(c) AP
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Französische Küste. Zwischen Cassis und Menton treffen sich die einen nur zu Festivals, die anderen das ganze Jahr über.

Wenn Mitte Mai das Who's who der Branche bei den Filmfestspielen in Cannes eintrifft, ist das auch ein Fest für die Makler der Region (und nicht nur die Immobilienmesse Mipim Anfang März). Denn dort, wo früher Brigitte Bardot und Gunther Sachs Partys gefeiert haben, Zinedine Zidane Fußball gespielt und Henri Matisse gewohnt hat, liegt immer noch der Duft von Prominenz in den Gassen. Sehen und gesehen werden – von dieser Freizeitbeschäftigung profitiert die Côte d'Azur seit vielen Jahrzehnten.

Kein Preiseinbruch

Und trotzdem: Die Wirtschaftskrise hat sich auch auf den Immobilienmarkt zwischen Cassis im Westen und Menton im Osten ausgewirkt. Da war von sinkenden Preisen zu lesen, und jeder, der sich immer schon ein kleines französisches Landhaus über den Dächern von Nizza gewünscht hatte, sah seine (Schnäppchen-)Stunde gekommen. Und musste dann doch feststellen, „dass es bei den wirklich hochwertigen Immobilien keinen Einbruch gegeben hat, obwohl der Markt nach wie vor sehr volatil ist“, sagt Peter Marschall, Geschäftsführer des gleichnamigen Immobilienbüros. Gelitten hätten allerdings die Objekte im mittleren Preissegment, das in dieser Region zwischen 500.000 und 700.000 Euro angesiedelt ist.

Dass die Nachfrage bei „günstigeren“ Anwesen zurückhaltender geworden ist, bestätigt Jörg Buchen, Leiter des Engel&Völkers-Büros in Cannes. Das hängt vor allem mit einer neuen Steuer zusammen, die viele Käufer verunsichert: „Sie soll den Verkauf von Zweitwohnsitzen besteuern, und zwar dann, wenn man eine Immobilie innerhalb eines Zeitraums von 30 Jahren veräußern will.“ Die Frage, ob man über drei Jahrzehnte in einem Haus bleiben möchte, ist deshalb derzeit gründlicher als früher zu überdenken. Für Buchen ebenfalls schwierig ist es, neue Besitzer für Häuser im Hinterland zu finden, die zwischen einer und zwei Millionen Euro kosten. Früher interessierten sich vor allem Briten, Franzosen und Italiener für Objekte, doch die schwache Konjunktur in den jeweiligen Ländern hält das Geld tiefer in der Tasche.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Ungeachtet dieser finanziellen Unwägbarkeiten zieht es zwei verschiedene Käuferschichten an die Côte d'Azur: „Die erste Gruppe, sehr diskret, meist aus der Industrie, dem diplomatischen oder auch dem künstlerischen Bereich, bevorzugt oft Lagen in der hinteren Provence, jedoch nicht weiter als eine Stunde vom Meer und einem internationalen Flughafen entfernt. Die zweite Gruppe, Jetsetter und Kunden, die einen intensiveren Lebensstil – bei Tag und Nacht – pflegen, zieht Toplagen so nah wie möglich an der Küste vor“, erläutert Eggert Koch, Geschäftsführer von Dr. Koch Traumrealitäten. Sein Unternehmen arbeitet mit Maklern vor Ort zusammen und er weiß, welche Art von Luxusimmobilien gesucht werden – vor allem Häuser und nicht Wohnungen: „Es gibt nur sehr wenige Gegenden mit luxuriösen Apartmentkomplexen. Diese beschränken sich ausschließlich auf Cannes und Monaco.“

Luxus von gestern und heute

Häuser mit provençalischem Touch werden nach wie vor händeringend und sehnsuchtsvoll gesucht. Aber ein Elf-Millionen-Euro-Anwesen in moderner Architektur kann auch sehr attraktiv sein – etwa in La Californie, einer besonders exklusiven Gegend im Norden von Cannes: knapp 500 Quadratmeter Wohnfläche, Parkplatz für acht (!) Autos, fünf Schlaf- und Badezimmer und ein Grundstück mit 1700 Quadratmetern inklusive Pool und Palmen (siehe Bild links). Laut Buchen sind auch die architektonisch Interessierten „in zwei Gruppen geteilt. Die eine Hälfte sucht nach modernen Häusern, die andere tendiert zum klassischen, regionalen Stil. Belle-Époque-Anwesen sind gefragt.“

Mag man es ein wenig intimer, sind auch die finanziellen Aufwendungen nicht so hoch. Beispiel dafür ist eine Villa in Grimaud. Von dort blickt man auf die Bucht von Saint-Tropez, verfügt immerhin über vier Schlaf- und Badezimmer und einen Garten von 1500 Quadratmetern. Und obwohl auch hier Pool und Palmen zum Standardrepertoire gehören, kostet dieses Anwesen vergleichsweise günstige 2,3 Millionen Euro. Die Villa liegt 800 Meter vom Meer entfernt, und auch die Flughäfen in Nizza und Toulon sind innerhalb von anderthalb Autostunden zu erreichen.

Hang zum Understatement

In diese Region, also das Hinterland, zieht es eine bestimmte Menschengruppe: „Die ,Bergmenschen‘ sind eher Leute mit Hang zum Understatement und nicht so partyaffin. Eine sehr gefragte Ecke ist Lorgues. Da gibt es noch Provence pur und dennoch genug Infrastruktur“, bemerkt auch Günter Kröhl, Gesellschafter bei Immo Europe.

Die Celebrity-Welt hingegen wirkt sehr wohl noch als Magnet, vor allem für viele junge Menschen, erklärt Marschall. Auch wenn die Stars das oft gar nicht wollen und ihre Privatsphäre zu wahren versuchen. „Prominente sitzen überall an der französischen Mittelmeerküste, aber viele machen darum nicht so viel Aufhebens. Der frühere Charme des einstigen Fischerdörfchens Saint-Tropez hat durch den langjährigen Hype schon einiges eingebüßt. Cannes ist sehr gefragt und auch das dortige Hinterland. Mougins etwa gehört zu den heimlichen Perlen; da sitzen Emire und Scheichs auf großen Grundstücken, etwas weg vom Rummel“, erzählt Kröhl.

Und auch Russen zieht es in die Region, allerdings oft mit dem Wunsch, ruhig leben zu können. Der Oligarch Roman Abramowitsch etwa hat sich dort angesiedelt. Genauso wie Paul Allen, der gemeinsam mit Bill Gates Microsoft gegründet hat, und jetzt – wohntechnisch – auf Aufmerksamkeit verzichtet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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