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Der lange Schatten der Siechen

Ein Spital in Pakistan. Eine junge Christin als Hilfskrankenschwes-ter. Ein Kleinganove und ein Bodybuilder. Für Mohammed Hanif der Stoff für einen veritab- len Thriller mit verstörend bruta- len Szenen: brisant, witzig, derb.

Vor drei Jahren ging ein Roman aus Pakistan durch die erstaunte Welt. Verfasst hatte ihn ein einstiger Pilot der pakistanischen Luftwaffe, der in seinem Erstling von einem Flugzeugabsturz erzählte. Der 1965 geborene Mohammed Hanif spielte in seiner pechschwarzen Satire „Eine Kiste explodierender Mangos“ Dutzende Theorien durch, warum im August 1988 eine Regierungsmaschine, in der der Staatspräsident Zia ul-Haq mit seiner halben Mannschaft korrupter Minister saß, kurz nach dem Start explodierte.

Wer erinnert sich noch an Zia ul-Haq, der eine Zeitlang der Lieblingsdespot des Westens war, ein Mann mit messerscharf gezogenem Mittelscheitel, einem kühn gezwirbelten Bart und einem wie in das Gesicht eingewachsenen Grinsen, mit dem er die Welt von der Hinrichtung seines Vorgängers und der methodischen Zerstörung demokratischer Institutionen unterrichtete? Die CIA hatte ihn, den General, der sich an die Macht geputscht hatte, zum Paten jener afghanischen Dschihadisten gemacht, die die Welt seither nicht mehr losgeworden ist. Was immer wir an schlechten Nachrichten aus Afghanistan oder Pakistan zu hören bekommen, es hat auch mit diesem grobschlächtigen General zu tun, der von den USA bei der Islamisierung der pakistanischen Gesellschaft und der Aufrüstung islamistischer Gruppen in Afghanistan kräftig unterstützt wurde, weil deren Terror damals noch als heiliger Krieg gegen den Kommunismus galt.

Mohammed Hanif hatte mit seinem ersten Roman eine auflachend komische, in ihrer diagnostischen Schärfe geradezu vernichtende Kritik an seiner Heimat geübt. Die herrschenden muslimischen Eliten geißelte er als Frömmler, die in Wahrheit so fromm gar nicht sind und beim Beten ihre eigenen Geschäfte nicht aus den Augen verlieren. Die gewaltige Armee, die sich dieser Staat mit bitterarmer Bevölkerung leistet, schildert er als Prügelschule der Nation, in der die Soldaten das Kuschen und das Erschießen von Demonstranten und jener, die es womöglich werden könnten, erlernen. Das Buch wurde ein internationaler Bestseller, doch das Erstaunlichste daran war, dass es auch in Pakistan erscheinen konnte und dort keineswegs totgeschwiegen, sondern in vielen Zeitungen gerühmt, von Abertausenden gelesen wurde.

Eine merkwürdig verquälte Kritik an Hanifs radikaler Kritik wurde nicht in Pakistan, sondern da und dort im Westen und leider auch in Österreich geübt. Eine hiesige Rezension verstieg sich zur Warnung, der Autor schildere Pakistan in so düsteren Farben, dass die Lektüre seines Romans dazu angetan sei, in den österreichischen Lesern Ressentiments gegen den Islam zu stärken. Ein solch krauser Gedanke ist für westliche Intellektuelle, denen zu Recht vor europäischem Hochmut graut, gar nicht so untypisch, wie man glauben möchte. Um die Vorurteile des eigenen Volkes, nicht um die Lebensverhältnisse anderer Völker besorgt, möchten sie oppositionellen Schriftstellern in Pakistan (oder anderswo) am liebsten ein bisschen Mäßigung verordnen, damit sich die Spießer hierzulande nicht womöglich ermächtigt fühlen, in den geschilderten Dunkelmännern den türkischen Gemüsehändler von nebenan auszumachen.

Geht es um jene Länder, die man einst zur Dritten Welt zusammengefasst hat, dann waren es schon immer wohlwollender Paternalismus oder schlicht egoistische Interessen, die unser Urteil bestimmten. Wurden früher die Lateinamerikaner dafür gepriesen, dass sie heroisch und sinnenfroh für eine soziale Gesellschaft kämpften, an der uns selbst so viel gar nicht lag, sollen es heute umgekehrt die unter der Kuratel der Frömmler stehenden Nationen gefälligst nicht übertreiben: Das zu verlangen, was wir für uns wie selbstverständlich beanspruchen – und sei es, dass ein Schriftsteller seine Regierung, sein Land kritisieren kann, so ausgewogen oder verstiegen, wie es ihm passt –, billigen wir ihnen nicht zu. Und erst recht dieser unbotmäßige Mohammed Hanif sollte sich in seiner Kritik am eigenen Staat, an dessen nationalen und religiösen Traditionen besser so mäßigen, dass seine Bücher auch für das interkulturelle Wochenend-Seminar taugen.

Jetzt hat Hanif wieder einen Roman geschrieben, der Staat wie Gesellschaft Pakistans heftig attackiert und satirisch auf einen Misstand zielt, von dem man im Westen lieber nicht zu viel wissen möchte. Denn der muslimische Autor erzählt, neuerlich bissig und präzise zugleich, von der Benachteiligung, ja der Verfolgung, der die Christen Pakistans in ihrem Land ausgesetzt sind. Das könnte österreichische Freigeister natürlich wieder das Fürchten lehren, der pakistanische Autor würde damit das Vorurteil bestätigen, beim Islam handle es sich um eine Religion der kämpferischen Intoleranz. Gottseidank schreibt dieser mutige Autor aber wider die unaufgeklärten Autoritäten Pakistans an und nicht für aufgeklärte Europäer, denen die Kritik am Islam, auch wenn sie von einem Muslim kommt, bald mal als übertrieben und gefährlich erscheint.

Im Zentrum von „Alice Bhattis Himmelfahrt“ steht die zauberhafte, ziemlich abgebrühte und lebensschlaue Alice, eine junge Christin, die nicht ganz unschuldig ein paar Monate in einer „Besserungsanstalt“ verbrachte und nun im „Herz-Jesu-Krankenhaus“ ihren Job als Hilfskrankenschwester antritt. Wie Hanif dieses Krankenhaus schildert, das zweifellos zu den besseren von Karatschi gehört, das lässt einen den Atem stocken. Die langen Schlangen der Kranken, die oft wochenlang warten müssen, bis sie überhaupt im Spital aufgenommen werden, stauen sich über den Hof zurück bis zu einem uralten Pipal-Baum, in dessen Schatten die Siechen lagern. Die Hierarchie des Krankenhauses wird dadurch bestimmt, dass der käufliche und unfähige Arzt unweigerlich der Vorgesetzte des unbestechlichen und kompetenten ist. Teile des Gebäudes verfallen, in der Abteilung für Psychiatrie sind die Patienten überhaupt ihrem eigenen Regiment überlassen, in anderen Stationen wiederum gibt es gesonderte Trakte, in denen reiche Patienten mit ihrer umfänglichen Entourage logieren und von allerbesten Spezialisten behandelt werden.

Aufgrund der zahllosen Gewalttaten in der Stadt hätte der Gerichtsmediziner des Spitals eigentlich genügend zu tun, aber weilviele Muslime es als Schändung empfinden, wenn ihre toten Verwandten obduziert werden, lässt er sich bestechen, die amtliche Obduktion nicht vorzunehmen: „Die behandschuhten Hände des Rechtsmediziners Dr. Malick troffen vor Blut, während aus den Taschen seines weißen Kittels die Fünfhundert-Rupien-Scheine quollen.“

Alice ist nicht nur Christin, sondern gehört zudem der niederen Kaste der Chura an, die beruflich seit Jahrhunderten darauf verwiesen ist, Müll zu beseitigen, Kanäle zu räumen oder, in den Krankenhäusern, Blut und Kot wegzuwischen. Zierlich, zerbrechlich, aber stolz und von unzerstörbarem Lebensmut, stammt „diese junge Frau aus einem Haushalt, wo Hungern als Fasten ausgegeben wird“.

Als Krankenschwester gerät Alice zwischen zwei Männer: den 17-jährigen Noor, einen schlauen Kleinganoven mit großem Herzen, und Teddy Butt, einen intellektuell limitierten Bodybuilder, der einmal „Mister Faisalabad“ war und sich jetzt als Schläger im „Gentlemen-Korps“ verdingt, einer offiziell gar nicht existierenden, im Dienste der Polizei agierenden Todes-Schwadron. Aus dieser Konstellation ergibt sich ein veritabler Thriller mit verstörend brutalen Szenen, in denen der zu Alice so sanftmütige Teddy sich als routinierter Knochenbrecher erweist.

In Pakistan lebt rund eine Million Christen. Der bekannteste von ihnen war wohl jener Gouverneur Salman Taseer, der das pakistanische „Gesetz gegen Blasphemie“ anprangerte und vor einem Jahr von seinem Leibwächter erschossen wurde. Hanif zeigt in vielen Episoden, dass sich die strukturelle Benachteiligung der Christen im islamischen Staat auch für viele andere Minderheiten verheerend auswirkt. Aber er veredelt die Christen weder zu den besseren Menschen, noch härtet er die religiösen Differenzen zum ausweglosen Konflikt. Es geht um die Macht von Traditionen, die das Leben aller beeinträchtigen, um soziale Gegensätze und die unerträgliche Korruption, die die Gesellschaft von ganz oben bis fast ganz nach unten erfasst hat.

Und Hanif verstößt wie schon in seinem Erstling auch in „Alice Bhattis Himmelfahrt“ gegen mancherlei Schweigegebot, etwa gegen das Tabu der Homosexualität und des sexuellen Missbrauchs. Über das Jugendgefängnis, in dem der findige Noor einsaß, heißt es, dass die Knaben dort lernten, „einige leichte Passagen aus dem Koran zu lesen“ und sich „bei jeder nur möglichen Gelegenheit vögeln zu lassen“. Dass sexueller Missbrauch in geschlossenen Institutionen, konfessioneller oder kommunaler Art, häufiger geübt wird als in vergleichsweise offenen gesellschaftlichen Bereichen, wissen wir bei uns spätestens seit den letzten Jahren; dass in islamischen Ländern das gerade Gegenteil der Fall sein sollte, wäre verwunderlich.

Mohammed Hanif hat einen brisanten, spannenden und witzigen Roman geschrieben. Sein Talent, grobe Dinge grob auszudrücken und der schändlichen Ungerechtigkeit mit derbem Witz zu kontern, ist höher ausgebildet als die Begabung, Charaktere fein psychologisch zu erfassen. Er spielt mit Trash und comicartigen Szenen, um eine Gesellschaft zu zeigen, in der es Talibans und Hightech-Millionäre, Seuchen und Spitzenchirurgie – und einen sehr irdischen Engel namens Alice gibt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)