Einfluss auf Lawinenkommission? Liftbetreiber sind empört

Einfluss Lawinenkommission Liftbetreiber zeigen
Einfluss Lawinenkommission Liftbetreiber zeigen(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Liftbetreiber wehren sich gegen Vorwürfe des Leiters des Tiroler Lawinenwarndienstes, sie würden Druck auf die Lawinenkommissionen ausüben. Unterdessen ist die Lawinengefahr durch die warmen Temperaturen wieder angestiegen

Wien. Mit Fassungslosigkeit reagieren Skiliftbetreiber auf die Aussagen des Leiters des Tiroler Lawinenwarndienstes, Rudi Mair, wonach Lawinenkommissionen bei der Beurteilung der Lawinengefahr auch wirtschaftliche Interessen berücksichtigen müssten. Der Meteorologe hatte am Mittwoch in der ZiB2 von einem „Spannungsfeld“ gesprochen, in dem sich Mitglieder der Kommissionen befinden würden, weil sie oft bei Liftbetreibern oder bei der Gemeinde angestellt seien.

Es sei schwer, „völlig unabhängige“ Personen für diese Aufgabe zu finden, der auf sie lastende Druck sei „extrem“. Für eine weitere Stellungnahme war Mair seither nicht zu erreichen. „Meine Kollegen aus der Branche und ich sind nicht nur überrascht, sondern in höchstem Maß verärgert über Mairs Aussagen“, empört sich Hannes Parth, Vorstand der Silvretta Seilbahn AG in Ischgl. In seiner 30-jährigen Laufbahn bei den Bergbahnen habe er „nicht ein einziges Mal“ Druck auf Mitglieder der Lawinenkommission ausgeübt. Auch in anderen Regionen habe er nie von so einem Fall gehört.

Von einer „unglaublichen Entgleisung“ des Lawinenwarndienstleiters spricht auch Franz Hörl, Obmann des Fachverbandes der Seilbahnen. „Die Lawinenkommissionen haben absolute Autorität über ihre Beurteilungen“, versichert Hörl. Anschuldigungen dieser Art würden jeglicher Praxis in der Realität entbehren. Bei den Seilbahnen herrsche allgemeine Sprachlosigkeit über Mairs Aussagen.

„Ich kann diesen Vorwurf einfach nicht nachvollziehen“, so Parth. „Stellen Sie sich vor, Sie drängen die Kommission zur Freigabe einer gefährdeten Piste, und dann passiert dort ein Unglück. Das würde bei den anschließenden Ermittlungen mit Sicherheit auf einen zurückfallen.“ Mit Ermittlungen kennt sich Parth aus. Vor zwei Wochen ist auf einer von ihm betriebenen gesicherten Piste ein 51-jähriger Schwede von einer Lawine erfasst und getötet worden. Die Lawinenkommission hatte die Abfahrt zuvor als sicher beurteilt. „Wir würden heute genau gleich handeln“, sagt Parth. „Uns ist nach wie vor unerklärlich, wie sich das Schneebrett lösen konnte.“

Die Staatsanwaltschaft führt seither Ermittlungen gegen die Lawinenkommission durch. Es gebe aber noch keine neuen Erkenntnisse, man warte auf das Gutachten des Sachverständigen, wie Sprecher Hansjörg Mayr am Freitag mitteilte. Eine grobe Fahrlässigkeit – für eine gesetzliche Haftung Voraussetzung – ist laut Parth wohl nicht nachzuweisen. „Aber das wird nicht notwendig sein, wir werden der Familie von uns aus Unterstützung anbieten.“

Fünf Wanderer verschüttet

Unterdessen ist die Lawinengefahr in weiten Teilen Österreichs durch die warmen Temperaturen wieder angestiegen. Vielerorts wurde die Stufe „3“ der fünfteiligen Skala erreicht. Bei einem Lawinenabgang am Freitag in Neukirchen im Salzburger Pinzgau sind fünf Schneeschuhwanderer verschüttet worden. Vier davon wurden nach kurzer Zeit geborgen und in naheliegende Krankenhäuser gebracht. Die fünfte Person musste reanimiert werden und wurde in eine Salzburger Klinik geflogen. Wie sich das Schneebrett gelöst hat, ist unklar.

Auf einen Blick

Zwist. Nach den Aussagen des Tiroler Lawinenwarndienstleiters, Rudi Mair, Mitglieder von Lawinenkommissionen müssten bei ihrer Beurteilung der Lawinengefahr oft auch wirtschaftliche Interessen der Seilbahnbetriebe berücksichtigen, gehen Liftbetreiber auf die Barrikaden. Der Obmann des Fachverbandes der Seilbahnen, Franz Hörl, spricht von einer „unglaublichen Entgleisung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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