Frühling, urban: Wie der März die Stadt belebt

(c) Pfarrhofer
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Streifzüge in lauer Luft sind, was den Frühling ausmacht. "Die Presse" hat erfragt, was Wien in diesem März bietet. Mehr Schanigärten, Leder im Café und allerlei Pop: in Popcorn und Pop-up-Stores.

Wien. Die von den Stadtgärtnerinnen gesetzte eine Million Tulpen ist nicht genug: Während im März besonders viele Schanigärten öffnen, verzeichnen die Bezirke Wien I und VIII zwei Neuzugänge im süßen Geschäftsbereich, Stichwort Cupcakes. Kuchen gibt es auch im alten neuen Café Hummel, das seine Falten nicht mehr vor der Frühlingssonne verstecken muss – durch die Renovierung wurden sie geglättet. Was der März noch bringt: Ein frühlingshafter Streifzug durch Gastronomie, Design und Gärten.

Süßes. Sympathische Frauen, heimeliges Ambiente und süße Produkte. Auch im März widmen sich zwei Neueröffnungen den süßen Seiten des Lebens: Renate Gruber, die mit ihrem „Cup Cakes“ in der Josefstädter Straße den Hype rund um die kleinen Törtchen ausgerufen hat, expandiert und eröffnet am 9.März in der Albertgasse einen größeren Shop mit kleinem Café. Die Backstube hat sie schon seit ein paar Wochen in die neue Filiale verlegt. Derzeit wird im Nebenraum, in dem die Törtchen verkauft werden und zwölf Sitzplätze zum Verweilen einladen sollen, noch gearbeitet. „Ich habe zu 85Prozent eine weibliche Klientel. Die Männer fragen oft nach etwas Salzigem, also möchte ich das nun auch anbieten“, sagt die einstige Grafikerin. Neben Heidelbeer- oder Schoko-Orange-Cupcakes gibt es ab kommendem Freitag also auch pikante Törtchen mit Couscous und Minze, Kren und Kräutern oder Gemüse. Im Frühling kommt ein Schanigarten dazu.

Auf ein kleineres Produkt haben sich Sanela und Emina Mandzuka spezialisiert. Am 13.März eröffnen die Schwestern in der Naglergasse ihren Shop „Popcorner“. Seit Dezember verkaufen sie süßes Popcorn – etwa Erdbeer-Kokos, Apfelstrudel oder Karamell-Haselnuss – über ihren Onlineshop. Jetzt gibt es die rund 30 verschiedenen Sorten auch in einem winzigen Shop in der Innenstadt. „Ab Juli starten wir eine zuckerfreie Linie, im Sommer soll es auch salzige Sorten geben“, sagt Sanela Mandzuka. Die Manufaktur befindet sich im Prater, die Zutaten der Produkte sind – natürlich – biologisch.


Design. Pop-up-Stores sind nicht mehr, was sie einmal waren. Die Betreiber der temporären Shops dehnen die zeitliche Beschränkung aus und öffnen sogar dauerhaft. Die Wiener Modemacherin Sophie Pollak etwa hat schon öfter mit richtigen Pop-up-Stores auf sich aufmerksam gemacht. Heute eröffnet sie mit „We Bandits“ in der Theobaldgasse unweit der Mariahilfer Straße ein richtiges Geschäft – oder, wie sie es nennt, den ersten „regulären Pop-up-Store“. Auch die Betreiber der Vintagerie, die sich auf Retromöbel spezialisiert haben, wollen ihren einstigen Pop-up-Store in der Nelkengasse nun zu einem dauerhaften Shop machen. Derzeit wird noch umgebaut. Am 31.März gibt es eine große Vintagerie-Reopening-Party mit DJ Functionist und der Band „Tanz Baby!“. Anfang April öffnet der Shop wieder, und zwar „so lange, bis wir tot sind oder so“, sagt Betreiber Alexander Bechstein. Kurzfristiger ist da das Fox House in der Westbahnstraße angesetzt, in dem bis Ende 2012 Galerien, Shops und Ateliers der Kreativbranche zur Verfügung stehen (siehe Artikel unten).


Kaffeehaus. Wenn der Monat März seine erste Woche beendet, startet eine Josefstädter Institution in ihren zweiten Frühling: Am 9.März eröffnet das Café Hummel nach seiner Renovierung. Freunde des klassischen Kaffeehauses müssen dabei nicht, so wie bei anderen Häusern, Szenarien ähnlich einer misslungenen Schönheitsoperation fürchten: Hummel bleibt Hummel, meint Christine Hummel, die das Café in dritter Generation führt, und drückt es so aus: „Die Farbgestaltung bleibt gleich, auch die Luster und die Tischordnung – ein paar Stammgäste haben schon vorbeigeschaut und waren erleichtert.“ Neu sind die Sitzbezüge (echtes statt künstliches Leder), eine verlängerte Bar mit neuer Tortenvitrine und gekühlten Weinregalen sowie der Boden, Stichwort „Recycling“: „Wir haben drei Schichten Boden abgetragen und darunter den Fischgrätparkettboden entdeckt, den es zu Zeiten meines Großvaters gab“, so Christine Hummel, die mit der neuen Bar die spezielle Hummel'sche Mischung aus Wirts- und Kaffeehaus betonen will. Esser erwartet die Rückkehr einiger fettiger Klassiker: Butterbrot mit Sardellen und Backhendel. Rund 500.000Euro hat die Renovierung gekostet, ein Fest zur Eröffnung soll es erst im April geben – „im März will ich meine Ober nicht überfordern“, so Hummel.

Schanigärten. Dass Wien heuer rund hundert Schanigärten mehr als 2011 haben wird (also insgesamt rund 2500 Gast- und Schanigärten), hat mehrere Gründe: Gastronomen, die Rauchern Platz bieten wollen – und solche, die eine Evaluierung des Lärms umgehen: Denn wer erst im Frühling 2013 erstmals um eine Genehmigung für Sitzplätze im Freien ansucht, muss den Lärm seines Lokals in Relation zum Lärmpegel des Umfelds beurteilen lassen – Schanigärten in ruhigen Wohnvierteln sind gefährdet. Und: Künftig werden Schanigärten desto mehr kosten, je zentraler sie gelegen sind. Verhandlungen dazu laufen noch.

Blumen. „Wir sind heuer kitschiger und altmodischer als im Vorjahr.“ Mit Sätzen wie diesem bewirbt nur ein Vertreter des Stadtgartenamts sein Farbkonzept – schließlich stehen sprießende Blumen und frische Farben den Beeten ohnehin so gut, dass Sprecher Joachim Chen Begriffe wie „Kitsch“ bemühen kann. Oder er lässt die Namen der Tulpen klingen: „Triumph Purple Flag“ und „Angelique“ heißen die Blumen, die in Wiens Gärten heuer den Farben Violett und Rosarot die Hauptrollen zuweisen – im Vorjahr dominierte Marineblau. Zu Gesicht bekommen wird Wien die pflanzliche Frühjahrskollektion erst Ende März, wenn die ersten von einer Million Tulpen ihre Knospen öffnen. Früher sind Pflanzen dran, die den Frühling schon im Namen tragen – Frühlingsblüher, also 300.000 Primeln oder Violen, die nach ihrer Reifung in Glashäusern während der kommenden 14 Tage ausgepflanzt werden. Doch nicht nur Neues kommt, auch Altes weicht – Reisig, zum Schutz gegen Kälte ausgelegt, wird entfernt, bevor die Blumengärten Hirschstetten Ende März zum Narzissenfest laden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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