Sigmund Salomo Freud und die Widmung seines Vaters

Geistvolle Einsichten verweisen auf ihre geheimnisvollen Ursprünge. Wer ist für mich eine Quelle der Inspiration?

Als Sigmund Freud 1938 Wien verlassen musste, konnte auch seine Bibliothek gerettet werden, sodass sein Arbeitszimmer bis heute in 20 Maresfield Gardens in Nordlondon zu besichtigen ist. Dort findet sich auch jene Familienbibel, die Jakob Freud seinem Sohn Sigmund zu dessen 35. Geburtstag mit einer persönlichen Widmung weitergab. Sie ist in hebräischer Schrift verfasst und lautet wörtlich übersetzt:

„Mein teurer Sohn Salomo! Im siebten der Tage der Jahre deines Lebens begann der Geist des Herrn, dich zu treiben, und sprach in dir: ,Geh, lies im Buch, das ich geschrieben habe, und öffnen werden sich dir die Quellen von Einsicht, Wissen und Verstand! Das Buch der Bücher ist es, aus ihm schürften die Weisen, und Gesetzgeber lernten Wissen und Urteil.‘ Eine Vision des Höchsten schautest du, du hörtest und suchtest danach zu handeln, und du schwebtest auf den Flügeln des Windes. Seither war das Buch verborgen wie die Bruchstücke der Tafeln, in einer Lade bei mir, für den Tag, da sich deine Jahre zu fünfunddreißig erfüllten... Und ich habe sie dir gebracht als Andenken und Erinnerung der Liebe deines Vaters, der dich mit ewiger Liebe liebt. Jakob, Sohn des Salomo Freud. In der Hauptstadt Wien, 29. Nisan 5651, 6. Mai 1891.“

Die Widmung deutet Freuds bahnbrechende Entwicklung der Psychoanalyse als Ausfluss göttlicher Inspiration, indem sie Motive der alttestamentlichen Prophetie und Weisheitstradition bündelt. Freud ist mit seinem zweiten Vornamen Salomo angesprochen, der ihn mit der legendären Weisheit des Königs verbindet. „Mein teurer Sohn“ und „mit ewiger Liebe“ spielen auf Gottes Liebeserklärung an Israel im Jeremiabuch an (Kapitel 31).

Der göttliche Geist beginnt, Sigmund als Kind zu beunruhigen wie Simson im Buch der Richter. Eine „Vision des Höchsten“ erhält Sigmund wie der Prophet Bileam im Buch Numeri. Und in den zerbrochenen Tafeln, die nach jüdischen Traditionen des Talmuds in der Bundeslade aufbewahrt wurden, klingt Mose als Offenbarungsträger par excellence an.

Die Widmung ist zum einen ein väterlicher Liebesbeweis, zum anderen animiert sie Sigmund, erneut die Bibel zu studieren.

Die biblischen Propheten erlebten sich als inspiriert und von Gott gesandt, auch Jesus verstand sich als Gesandter Gottes. Auch wenn Freud wohl nie von sich behauptet hätte, eine prophetische Berufung im religiösen Sinn zu haben, stellte er doch sein Leben in den Dienst einer Erkenntnis, die über ihn selbst hinausweist, die unser aller Verständnis des Menschen vertieft hat.

Vielleicht tragen Menschen eine göttliche Botschaft, von denen ich es nicht erwartet hätte. Wer ist für mich eine Quelle der Inspiration?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)