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„Tag der Abrechnung wird kommen“

(c) REUTERS (ZOHRA BENSEMRA)
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Die Opposition berichtet von Exekutionen und Festnahmen nach der Eroberung von Homs durch Assads Armee. Briten-Premier David Cameron will Syriens Staatschef zur Verantwortung ziehen.

Brüssel/Genf/Reuters/Sei . Der spanische Journalist Javier Espinosa der Zeitung „El Mundo“ ist aus Beirut ins CNN-Studio zugeschaltet und muss am Beginn des Studiogesprächs gleich seinen von der syrischen Nachrichtenagentur Sana gemeldeten Tod dementieren: „Wenn das, was in Baba Amro passiert, nicht so tragisch wäre, wäre es ein netter Witz.“ Der Spanier, der wochenlang aus Homs berichtet hatte, hat sich offenbar seinen Humor bewahrt. „Wenn sie mir meine Leiche übergeben, hoffe ich, dass sie mir auch meinen Computer und ein paar tausend Dollar zurückgeben“, witzelte der Journalist auf dem Internet-Kurznachrichtendienst Twitter.

Am Donnerstag hatte er noch in einer kurzen Twitter-Meldung berichtet: „Tausende Zivilisten sitzen in Baba Amro in der Falle, die syrische Armee setzt zur Offensive an, wir erleben eine epische Schlacht.“

Espinosa ist aus dem Viertel Baba Amro in Homs (800.000 Einwohner) geflohen, die syrische Armee hat das Viertel am Donnerstag unter ihre Kontrolle gebracht. Zwei französische Journalisten, denen die Flucht aus Homs ebenfalls gelungen war, wurden Freitag von Beirut nach Paris geflogen. Ein weiterer französischer Fotograf, der am 22. Februar bei einem Raketenangriff auf ein provisorisches Medienzentrum in Homs gemeinsam mit der US-Journalistin Marie Colvin umgekommen ist, soll einem Video zufolge am 27. Februar in Homs begraben worden sein.

 

Häuser in Brand gesteckt?

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes und der syrische Rote Halbmond haben einen Konvoi mit Hilfslieferungen in das Stadtviertel Baba Amro, in dem vor den Kämpfen rund 100.000 Menschen gelebt haben, entsandt.

Am Donnerstag hatte der UN-Sicherheitsrat „ungehinderten Zutritt“ für die Hilfskräfte verlangt. Es war das erste Mal seit sieben Monaten, dass alle 15 UN-Sicherheitsratsmitglieder zu einer gemeinsamen Syrien-Position zusammengefunden haben. Russlands Präsident Vladimir Putin meinte in der Londoner „Times“: „Wir müssen sicherstellen, dass sie aufhören, sich gegenseitig umzubringen.“

Vertreter der Opposition berichten, in Homs käme es zu Hausdurchsuchungen und Erschießungen. In weiteren – nicht verifizierbaren – Meldungen ist davon die Rede, dass systematisch Häuser in Brand gesteckt worden seien. „Wir sind alarmiert von Berichten, die uns jetzt aus Baba Amro nach der Einnahme durch Regierungstruppen erreichen“, sagte ein UN-Sprecher. „Es ist unbedingt notwendig, dass es keine widerrechtlichen Vergeltungsmaßnahmen gibt, keine Massenhinrichtungen, keine Folter, keine willkürlichen Festnahmen. Und die Rechte derer, die verhaftet wurden, müssen geachtet werden.“

Die europäischen Staats- und Regierungschefs haben beim EU-Gipfel in Brüssel erklärt, das Regime von Syriens Präsident Bashar al-Assad für Gräuel gegen die eigene Bevölkerung zur Verantwortung zu ziehen. „Wir müssen anfangen, Beweise zu sammeln, damit es eines Tages – gleichgültig, wie lange es dauert – einen Tag der Abrechnung mit diesem grausamen Regime geben kann“, sagte Cameron am Rande des EU-Gipfeltreffens in Brüssel.

 

Kämpfe nun in Hama?

Nun ist damit zu rechnen, dass die Kämpfe an anderen Orten wieder aufflammen. Die syrische Armee „ist nicht stark genug, um im ganzen Land zu kämpfen, aber sie ist stark genug, um Zivilisten und leicht bewaffnete Deserteure niederzuringen“, sagt Akil Hashem, ein pensionierter General der syrischen Armee, der sich dem Widerstand gegen das Regime von Bashar al-Assad angeschlossen hat, in der „New York Times“. „Sie haben nicht genug Truppen, um mit allen Aufständen fertig zu werden, also wenden sie sich einem Unruheherd nach dem anderen zu.“

Die 500.000-Einwohnerstadt Hama – eine weitere Hochburg der Anti-Assad-Allianz – könnte als nächstes im Fadenkreuz des syrischen Regimes landen, die syrische Armee könnte auch den Druck auf die an der türkischen Grenze gelegenen Provinz Idlib erhöhen, wo viele Städte und Dörfer sich von der Regierung in Damaskus losgesagt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)