Richard Wagners Frühwerk für Kinder, inszeniert von Waut Koeken, strengt die Sänger ordentlich an. Daniela Fally gefällt als Fee.
Ein bisschen „Freischütz“, ein bisschen „Zauberflöte“ – der junge ehrgeizige Richard Wagner bediente sich nicht nur in der Musik bei großen Vorbildern, auch theatralisch: „Die Feen“ (1834) schrieb er nach Carlo Gozzis „La donna serpente“, einer Mischung aus Commedia dell'Arte und orientalischem Märchen. Das Ergebnis hat aber auch viel vom romantischen Schauerdrama, das damals auf Bühnen sehr in Mode war. Das Beste an der Aufführung für Kinder, die seit Samstagvormittag im Zelt auf dem Dach der Wiener Staatsoper zu sehen ist: Die Geschichte wirkt entflochten und stringent. (Textfassung: Daniela Baumann).
Liebe auf den ersten Blick. Der Jäger Arindal will ein weißes Reh schießen, doch vor seinen Augen verwandelt sich das Tier in die schöne Fee Ada. Die beiden verlieben sich sogleich, Arindal wird im Feenreich aufgenommen. Aber er darf seine Frau nicht mehr als ein Jahr lang verlassen. Als Arindals Vater stirbt, muss Schwester Lora das Reich im Krieg verteidigen. Sie fordert Arindals Rückkehr. Dieser verlässt seine Feenfrau. Wird er rechtzeitig heimkommen? Wenn nicht, droht Ada die Versteinerung für 100 Jahre...
Dies rührende Märchen hat auch eine witzige, realistische und zeitlose Dimension: Der Mann kann sich nur auf Zeit der Liebe widmen, dann muss er wieder hinaus ins feindliche Leben, ob er will oder nicht. Die Frau bleibt zurück – bei Wagner mit Kindern, die hier nicht zu sehen sind. Weil der Geliebte sich nicht um sie kümmert, erstarrt sie zu Stein.
Daniela Fally gefällt als Fee. Die Musik ist schon ein echter Wagner, sie tönt betörend romantisch, aber auch schon ein bisschen modern. Der Melodienreichtum überwältigt. Allerdings ist das Ganze für eine Kinderoper einigermaßen kompliziert. Kathleen Kelly dirigiert das kleine Orchester, in dem eine Harfe den nötigen feenhaften Ton angibt. Die Kommunikation zwischen den Musikern und den Sängern klappt nicht immer reibungslos. Letztere klingen teilweise ziemlich angestrengt, bis auf Daniela Fally als Ada. Gergely Németi ist ein stattlicher Arindal, jung und fesch, seine hohen Töne sind nicht immer sicher.
Immerhin, die Einstudierung wirkt präzis, was speziell in den chorischen Passagen zu hören ist. Jäger und Fee sind Archetypen, „ein bisschen stechend ist der Blick, verheißend ein süßes, doch tödliches Glück“, wusste schon Wandersmann Heinrich Heine. Der Wald ist ein mit Symbolen beladener Ort, der u. a. für Rückzug und Abwendung von der Welt steht. Agnes Hasun baute als Bühnenbild einen Müllplatz, der auf den ersten Blick attraktiv, auf den zweiten aber sonderbar wirkt. Was soll damit gesagt werden? Dass die Natur gefährdet ist? Waldsterben und so? Letztlich hat ein Müllplatz mit Wagners „Feen“ gar nichts zu tun – außerdem wird dergleichen Dekor im Regietheater oft verwendet.
Es stört nicht allzu sehr, denn die Inszenierung des Belgiers Waut Koeken und die Kostüme (Carmen van Nyvelseel) sind ganz und gar romantisch: vom Feenkönig mit Blumenhut bis zu Ada selbst, mit feuerrotem Haar und Krönchen. Die Krieger, die Arindal aus dem Feenreich zurückholen, betrügen den Widerstrebenden, in dem sie die Rüstung seines Vaters als Geist auftreten lassen. Vor der Vorstellung wird gefragt, wer an Feen glaubt. Diese pseudo-„aufklärerischen“ Impulse werden allerdings kaum weiter verfolgt. Sie passen auch nicht zum Original.
Kurzweilig und bunt. Was Koeken mit seiner Inszenierung, die zu sehr im Regietheater-Mainstream steckt, wollte, bleibt unklar. Trotzdem erfüllt die Aufführung wohl die Erwartungen: Sie ist bunt, charmant. Sie zeigt Kindern mit gutem Gehör, das macht sich ja oft schon früh bemerkbar, in einer kurzweiligen Stunde einen vielschichtigen musikalischen Kosmos. Wagner scheint hier allerhand ausprobiert zu haben. Die Kinder können aber auch spüren, wie schwierig es ist, diesen Mount Everest nicht nur zu erklimmen, sondern dabei auch noch elegant auszusehen, musikalisch nicht zu patzen.
Erwachsene dürften nach dieser Aufführung Untiefen, Geheimnis vermissen. Diese allzu hübsch zurechtgeschnittenen und modisch-ästhetisch getrimmten „Feen“, besetzt mit guten, aber keineswegs überragenden Sängern, wecken den Wunsch, das vergessene Werk näher kennenzulernen, perfekt dargeboten zu erleben. Das ist bei Raritäten, die oft zu Recht unbeachtet sind, eher selten. Im Original dauern die „Feen“ übrigens fast drei Stunden. Nicht dass man das Kindern zumuten kann, aber Wagner benützte hier offenbar bereits ein wichtiges Element seiner Kunst: Das Episch-Opulente, das den Hörer und Seher in einer anderen Welt versinken lässt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)