Aus dem Mädchen Kohls ist die mächtigste Frau der Welt geworden: Verdankt Angela Merkel ihren Aufstieg einem weiblichen Führungsstil? Oder ist sie ein Machiavelli im Hosenanzug? Wohl beides.
Derber hätte es Berlusconi nicht sagen können. In einem abgehörten Telefonat beschwerte sich Italiens Premier im September über Angela Merkel, die ihm zur Rettung des Euro einen Sparkurs aufzwingen wollte. Seine vulgären Worte liefen darauf hinaus, dass ihr üppig gerundetes Gesäß sie nicht zum Objekt sexueller Begierde prädestiniere. Es war die plumpe Attitüde eines Machos, dem eine mächtige Frau nicht ins Weltbild passt. Das unsägliche Diktum drang an die Öffentlichkeit, auch an die deutsche. In früheren Epochen hätte es nach einem solchen Eklat wohl Krieg gegeben. Nun aber: dezentes Ignorieren, weder Ressentiment noch Rache.
Einige Wochen später aber, nach einem der unzähligen EU-Krisengipfel, kam der Gegenschlag – in Form eines Lächelns. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Frankreichs Präsidenten Sarkozy wurde die Frage gestellt: „Waren Berlusconis Ausführungen, wie er sparen will, für Sie überzeugend?“ Die Befragten sahen sich an und zogen im Duett ihre Mundwinkel auseinander. Erst lächelte Merkel verlegen, dann grinste sie unverhohlen – und legte dazu einen durchaus grazilen Hüftschwung hin. Heute ist Berlusconi Geschichte, und seine Kontrahentin gibt in Europa mit ihrem „Fiskalpakt“ den Takt vor.
Die feine Klinge der Kanzlerin. Ähnlich lief es, in nationalen Dimensionen, schon 2005. Am Wahlabend verteidigte Alphamännchen Schröder polternd und großmäulig sein gefährdetes Revier als Rudelführer. Merkel war völlig erstarrt. Wehrlos blickte sie in die Abgründe politischen Herrenmenschentums.
Wenig später aber war sie selbst deutsche Kanzlerin, als erste Frau. Und sie zahlte es ihrem Widersacher heim, mit feinerer Klinge. Bei der Enthüllung seines Porträts im Kanzleramt lobte die neue Hausherrin die Anbringung des Bildes: Von nun an bleibe ihr die Frage vieler Besucher erspart, „wann der Schröder endlich aufgehängt wird“.
Merkel schlägt einen sanften Ton an, kann zuhören, setzt auf Sachlichkeit statt Imponiergehabe, lässt sich von Vertrauten in der „Morgenrunde“ einiges sagen. „Mein Prinzip ist nicht ,Basta‘, sondern Nachdenken, Beraten und dann Entscheiden“, sagt die frühere Physikerin selbst. Dieser angeblich so „weibliche“ Stil wurde ihr am Anfang ihrer Politkarriere, als Kanzler Kohls gegängelte Ziehtochter, als Schwäche ausgelegt. Zu unerfahren sei die junge Frauen- und Jugendministerin aus dem Osten, zu unbestimmt in der Linie, zu entscheidungsschwach.
Ungesagt schwang da meist mit: eine Frau eben. So ging es, mit Zwischenhochs, noch lange weiter. Erst jetzt, als zähneknirschend respektierte Führungsfigur der Eurozone mit bequemen Beliebtheitswerten zu Hause, scheint sie an der Spitze angekommen zu sein, ohne nach Luft schnappen zu müssen.
Entsorgung der Stolpersteine. Dabei übersahen viele lange, mit welch eiserner Konsequenz Merkel männliche Stolpersteine aus dem Weg räumte. Ohne mit der Wimper zu zucken, betrieb sie im Zuge der Spendenaffäre die Entmachtung ihres Mentors Kohl als CDU-Ehrenvorsitzender. Im Laufe der Jahre wurde sie alle Kollegen los, die sie beerben konnten. Zuletzt lobte sie den umtriebigen Christian Wulff aus Niedersachsen ins Präsidentenamt weg – und ließ ihn dann ungerührt fallen, als er sich als nicht mehr tragbar erwies.
Auch das könnte man als typisch weiblich interpretieren: Wer als Frau Karriere machen will, muss noch härter agieren als jeder Mann. Merkel selbst will das gar nicht reflektieren. Dass sie eine Frau ist, sei unwichtig. Handtaschen und Hüte verweigert sie. Gleichstellung hat sie zwar stets als Anliegen bezeichnet, aber leidenschaftlich hat sie Frauenpolitik nie betrieben. Auch beim Netzwerk, das sie um sich schart, sind ihr Loyalität und Unterordnung wichtiger als das Geschlecht. Immerhin: Der ehrgeizigen Ursula von der Leyen verhalf sie schon in ihr erstes Kabinett, der jungen Kristina Schröder in ihr zweites.
Freilich: Die Erfahrung, dass eine so mächtige Frau in der Politik noch immer nicht selbstverständlich ist, holt Merkel immer wieder ein. Auch wenn meist sie es ist, die zuletzt über die Männer lächelt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2012)