Der Wiener Anthropologe Horst Seidler - als Mumien-Experte weltberühmt.
Ötzi, der Eismann, war in meinem Le ben, im wissenschaftlichen, aber auch im privaten und sozialen, die zweite große Weichenstellung", erinnert sich Horst Seidler, langjähriger Chef der Anthropologie der Uni Wien, an den Fund aus dem Jahr 1991: "Dadurch hat sich die Arbeit unseres Instituts international profilieren können, dadurch haben sich Türen geöffnet." Und Ötzi war in noch einer Hinsicht ein Glücksfall, er kam zur rechten Zeit.
Wäre er 50 Jahre früher aus dem Eis aufgetaucht, hätte man ihn wohl nach allen Regeln der Rassenkunde vermessen und ihn vielleicht im "Rassensaal" des Naturhistorischen Museums ausgestellt. Dass es den nicht mehr gibt und dass das Institut seine Geschichte aufgearbeitet hat, gehört mit zu Seidlers Verdiensten; diese dankt er seinem großen Lehrer Andreas Rett. Der war ein deutscher Kinderarzt, der in Innsbruck studiert hatte - in der braunen Zeit - und sich später, in Wien, als erster Arzt der Probleme verhaltensgestörter Kindern annahm.
Rett gründete 1963 die erste geschützte Werkstätte, er gründete die Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel, er publizierte 1971 das Standardwerk "Das hirngeschädigte Kind". Mitautor: Der junge Human-Genetiker Seidler, er arbeitete bei Rett an der Klinik mit Kindern, nicht als Wissenschaftler in seinem Fach. "Habe ich acht Jahre meines Lebens der Forschung entzogen? Nein", die acht Jahre waren prägend, sie machten die Forschung erst möglich, jene in der Anthropologie. Denn Rett und Seidler arbeiteten sich noch in ein ganz neues Fachgebiet ein, sie wurden autodidaktische Historiker und gingen der Geschichte des Instituts für Anthropologie nach: "Ich bin auf fürchterliche Sachen gestoßen, das Institut hat Rassengutachten erstellt und so weiter", erinnert sich Seidler: "Da habe ich mich dazu entschlossen, das Wort ,Anthropologie' erst wieder in den Mund zu nehmen, wenn die Geschichte des Instituts aufgearbeitet ist."
Das tat er gemeinsam mit Rett (in zwei Publikationen: "Anthropologie und Nationalsozialismus"), dann konnte er das Wort wieder verwenden, er tut es bis heute, andere haben ihre Wissenschaft verschämt umbenannt: in Humanbiologie. Seidler blieb bei Anthropologie. Chef in Wien wurde er 1981, dann konnte das Institut an den internationalen Stand herangeführt werden. Fehlte nur eines: "Wir haben keine schlechte Arbeit gemacht, aber wir hatten nichts Sensationelles und deshalb auch keinen guten Zugang zur internationalen Community." Beides brachte der zweite Weichensteller: "Als ich 1993 in Wissenschaftsjournal Nature über Ötzi publizieren konnte, wurde ich als ,Mumien-Experte' bekannt und erhielt Einladungen." Die erste schlug fehl (es ging um eine berühmte Mumie in Peru, die "Eisprinzessin"). Seidler musste wieder etwas lernen: die Härte, mit der der Konkurrenzkampf um knappe Funde unter Anthropologen geführt wird. Aber dann kam wieder Peru, Mumien im Amazonas-Regenwald - Chachapoya-Inka oder auch "Wolkenmenschen", einige waren diesen Sommer im Technischen Museum zu Gast und wurden vor den Augen der Besucher analysiert -, Mumien in der südlichen Wüste; und: Mumien von Skythen in Sibirien.
An ihnen allen wandte Seidler an, was er an Ötzi gelernt hatte, neue Methoden, vor allem eine, die sich bald als Wiener Spezialität erweisen sollte: das Vermessen von Schädeln mit Röntgenverfahren und mathematischen Methoden, am Ende hat man den virtuellen Schädel plastisch auf der CD.
"Auf diesem Gebiet, dem der biomathematischen Bearbeitung dreidimensionaler Daten, ist Wien heute das Zentrum. Wir haben die Verfahren sofort auf die Hominiden-Evolution angewandt." Nun ging es weiter zurück in die Geschichte, 200.000 Jahre alte Schädel, bald noch ältere, der Weg führte nach Ost- und Südafrika, wo viele die Wiege der Menschheit vermuten. Und Seidler lernte wieder etwas: graben.
Das kann er immer noch, aber: "Ich bin immer mehr zum Wissenschafts-Organisator geworden, der für die Zukunft des Instituts und meiner großartigen jungen Mitarbeiter zu sorgen hat. Dass ich weniger zum Forschen komme, tut weh." Wieder tröstet Ötzi. Als der 1998 von Innsbruck zurück in seine Heimat kam, in ein eigens errichtetes Museum in Bozen, wurde Seidler zum Präsidenten der wissenschaftlichen Eismann-Kommission ernannt. Er ist es noch heute "und sehr froh, dass auf diesem Weg die Verbindung noch aufrecht ist".