US-Ölindustrie: Wenn Gewinne peinlich sind

Misskredit. Wegen Rekordgewinnen und Gagen von 144.000 Dollar pro Tag gerät die Ölindustrie unter Druck.

Washington. Man muss es herunter brechen, um es transparenter zu machen: Nimmt man einen durchschnittlichen Arbeitstag von acht Stunden, dann verdiente Lee Raymond pro Minute etwa 301 Dollar (oder 241,19 Euro); pro Stunde gerundete 18.072 Dollar und somit pro Tag 144.573 Dollar. Macht alles zusammen für seine zwölf Jahre bei Exxon Mobil 686 Mill. Dollar. Genug, um beruhigt den Ruhestand genießen zu können, in dem Raymond seit vergangenem Dezember ist.

Für die Gage hat der 68-Jährige aber auch einiges geboten. Raymond hat Exxon als Geschäftsführer zu Höhenflügen geführt, hat den Wert der Firma auf 375 Mrd. Dollar vervierfacht und die texanische Ölgesellschaft zur größten der Welt gemacht, die mehr Erdöl fördert als der Staat Kuwait. Außerdem hat er den Aktionären ein schönes Abschiedsgeschenk hinterlassen: Im Jahr 2005 machte Exxon Mobil einen Gewinn von 36 Mrd. Dollar.

Das war dann doch zu viel. Selbst in dem Land, das den Kapitalismus erfunden hat. Denn der Ölpreis klettert beständig nach oben und erreichte diese Woche mit mehr als 70 Dollar pro Barrel eine neue Rekordmarke - wenn man die Inflationsrate nicht berücksichtigt.

Der Benzinpreis in den USA steht - just als die "New York Times" mit dem Bericht über das Einkommen Raymonds erschien - vor der magischen Drei-Dollar-Marke (pro Gallone). Schlechter hätte das Timing für die Ölindustrie nicht sein können. "Einige Leute fragen sich, ob sich die Ölindustrie an der Situation nicht ordentlich bereichert", meint der Wirtschaftsprofessor Mel Fugate. Das scheinen sich auch einflussreiche Leute zu fragen. Denn einer, dem die Rekordgewinne und -gehälter sauer aufstoßen, ist Senator Charles Schumer. Er fordert nun eine Untersuchung, ob die Ölgesellschaften bewusst die Produktion gering halten, um die Benzinpreise hoch halten zu können.

"Sie produzieren mit einer Kapazität von 85 Prozent, wenn sie mit 90 Prozent fahren sollten", kritisiert der demokratische Senator aus New York. "Nur wenn wir uns die Bücher der Gesellschaften anschauen, bekommen wir eine klare Antwort." Ein Sprecher des American Petroleum Institute wies die Vorwürfe zurück: "Die Benzinpreise sind hoch, es gibt keinen Anreiz, etwas zurückzuhalten. Wenn man eine Gallone hat, will man sie verkaufen."

Eine Untersuchung der Regierung gegen die US-Erdölindustrie läuft bereits. Dabei geht es um angebliche Preisabsprachen und Preismanipulationen rund um Hurrikan Katrina vor einem Jahr: Damals erreichten die Benzinpreise in den USA kurzfristig ein Rekordhoch von weit über drei Dollar pro Gallone.

Seit November hat der US-Senat bereits zwei Hearings abgehalten, bei denen die Chefs aller US-Ölfirmen - darunter auch Lee Raymond - ihre Gewinne rechtfertigen mussten. Ihr Tenor lautete, dass Pharmafirmen noch viel höhere Gewinnmargen haben und die Ölindustrie nur aufgrund des enormen Umsatzes heraussticht. Zudem investiere man jedes Jahr mehrere Milliarden Dollar.

Doch den Gesellschaften scheinen die hohen Gewinne selbst peinlich zu sein. In ganzseitigen Anzeigen erklären sie, wie viel Geld sie für die Forschung, für die Suche nach neuen Quellen und für die Umwelt ausgegeben haben. Dass sie damit mehr Verständnis für hohe Benzinpreise ernten, ist zweifelhaft. "Sie haben einfach zu viel Gewinn gemacht", sagt Professor Fugate. Eine Umweltorganisation schlägt dagegen eine einfache Lösung vor. Die beste Rache an der Ölindustrie sei es, kleinere Autos zu kaufen und "öfter mit dem Fahrrad zu fahren", meinen die Aktivisten.

Ölbranche in der Kritik

Rekordgewinne und hohe Gagen. Die amerikanische Erdölindustrie erlebte in den vergangenen Jahren einen Boom. Der texanische Ölkonzern Exxon ist mittlerweile die größte Ölgesellschaft der Welt, fördert mehr Erdöl als der Staat Kuwait und erzielte im Vorjahr 2005 einen Gewinn von 36 Mrd. Dollar. Die Ölindustrie gerät aufgrund hoher Gagen für die Topmanager zunehmend in die Kritik. Zudem steht die Branche unter Verdacht, die Preise bewusst in die Höhe zu treiben. Derzeit läuft eine Untersuchung der US-Regierung.

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