Der Traumurlaub hat Konjunktur

(c) Dpa/Wolfgang Kumm; Soeren Stache (Wolfgang Kumm; Soeren Stache)
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Auf der größten Tourismusmesse, ITB, zeigt sich klar: Die Reiselust bleibt ungebrochen. Griechenland kommt unter Druck, Ägypten bleibt es, die Türkei boomt.

Berlin. Dass der Urlaub die schönste Zeit im Jahr sei, ist mehr ein Postulat als eine gesicherte Erkenntnis. Doch die ITB in Berlin sorgt dafür, dass schon vor Reiseantritt der schöne Schein triumphiert. Auch wenn es manches ausstellende Land auf der weltgrößten Tourismusmesse ein wenig übertreibt.

So verspricht ausgerechnet der Zwergstaat Liechtenstein seinen Gästen, sie werden „Größe erleben“. Libyen rühmt sich, „unverdorben vom Massentourismus“ zu sein – was durchaus stimmt, aber auch mit Diktatur, Revolution und eben erst endendem Bürgerkrieg zu tun hat. Persien erinnert erst in der Subzeile seines Logos daran, dass man es unter dem Namen Iran eher fürchtet als schätzt. Das Land der fanatischen Mullahs lockt mit „Abenteuern in der Heimat freundlicher Menschen“– ob damit auch das Zittern vor einem israelischen Angriff gemeint ist?

Trotz alledem: Das Geschäft mit den Urlaubsträumen boomt wieder. Um 4,4 Prozent ist die Zahl der Ankünfte im Vorjahr weltweit gestiegen. Heuer sollte es etwas moderater weitergehen, drei bis vier Prozent Plus dürften laut UN-Tourismusorganisation aber schon drin sein.

Seltsam: Der erfolgreichste Kontinent war 2011 das von der Eurokrise gebeutelte Europa. Ausgerechnet die mediterranen Sorgenkinder konnten sich über ein sattes Plus von acht Prozent die Hände reiben.

Liveschaltung vertreibt Ängste

Dazu mussten sich Spanien, Italien, Portugal und Griechenland gar nicht sonderlich anstrengen: Die unruhige Lage in Ägypten und Tunesien trieb ihnen die Gäste scharenweise zu. Dazu kam eine prächtige Konjunktur in den wichtigen Herkunftsmärkten Deutschland und Skandinavien. Dennoch liegen etwa in Spanien die Umsätze immer noch nicht auf Vorkrisenniveau, weil wegen der Rezession zu Hause die Landsleute ausbleiben. Ganz gelassen zeigt man sich hingegen bei den Türken: Sie waren und bleiben auf der Gewinnerstraße.

Für Griechenland aber dürfte die Periode des Aufatmens schon wieder vorüber sein. Denn die deutschen Stammgäste meiden heuer das Land, aus Furcht vor sozialen Unruhen und germanophoben Aversionen. Wer will schon in der Taverne als Nazi oder Ausbeuter beschimpft werden, weil seine Regierung bei Notkrediten auf die Bremse steigt?

Dieser Angst begegnen die Griechen mit hübschen Videos. Friedhelm und Silke, Horst und Hanna bekunden vor laufender Kamera, wie nett diese Griechen doch zu ihnen seien und wie sehr sie deshalb den Urlaub in Hellas genössen.

Echter wirkt die Liveschaltung der Ägypter nach Luxor: Auf großer Leinwand sieht man erschreckend authentische Durchschnittstouristen aus Europas Norden. Mit kurzen Höschen, dicken Waden und bedenklich geröteten Backen steigen sie von Schiffen in Busse um und dokumentieren so, wie ruhig und friedlich es dort im ersten Frühling nach dem Arabischen zugeht.

Ehrliches Nordkorea

Dennoch: Anders als in Tunesien, das sich gut erholt, bleibt die Buchungslage in Ägypten schwach. Das drückt aber nicht auf die Stimmung beim heurigen ITB-Partnerland. Man haut mächtig auf die Pauke. Ein Marktschreier verkündet in holprigem Deutsch: „Mein Volk hat alles angefangen: das Bau, Bier, Schrift, Nadel und Chirurgie. Keines kann konkurrieren in Kultur. Gehen Sie in Reisebüro.“

Zudem sei seine Heimat der „Leuchtturm aller Religionen“ – nun ja, die koptische ausgenommen. Es geht aber auch ehrlicher. Selbst das abgeschottete Nordkorea hat seinen Auftritt, wenn auch versteckt und verschämt. Geworben wird mit Massenaufmärschen in Stadien und Monumenten in stalinistischer Manier – da weiß man, was man nicht versäumt. Und Japan drückt sich nicht um die Atomkatastrophe, sondern wirbt um solidarische Besuche: „Japan, rising again. Thank you.“ In der kleinen Regenbogensektion will ausgerechnet Österreich mitmischen: Mit einem „Vienna gay café“ präsentiert sich die heimische Kapitale als besonders schwulenfreundliche Destination. Bevor da Zweifel aufkommen, lieber schnell buchen: „Jetzt oder nie“ lautet das Motto.

Damit sind die Wiener freilich nicht allein. Unterschreiben, bevor die Illusion zu platzen droht: Dazu drängt man allerorten. Außer bei den Algeriern: Dort haben drei alte Berber in einem offenen Zelt keinen anderen Job, als das wilde Treiben ringsum mit freundlicher Skepsis zu beäugen. Man könnte meinen, sie seien auf Urlaub.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2012)

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