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Die Kugel und der Abgrund

Das Flipperspiel erfordert weniger Glück denn Spielverständnis und gutes Reaktionsvermögen. Am längsten bewahren Spieler aus den USA die Kugel vor dem Absturz. Eine der weltgrößten Flippersammlungen jedoch steht in Niederösterreich.

Eine Kugel bringt Elvis zum Singen und Tanzen. Von einem Effektfeuerwerk begleitet, setzt er nochmals zum Jailhouse Rock an. Der King bildet das Zentrum einer Glitzer- und Farbenwelt – in der seine animierte Plastikfigur etwas hüftsteif wirkt. Umso flotter flitzt unter ihm die silberfunkelnde Stahlkugel hin und her, läuft auf Rampen, schlägt auf Zielscheiben – und lässt auf diese Weise einen Elvis-Klassiker nach dem anderen ertönen. Der Protagonist dieser in einem Glaskasten beleuchteten Miniaturwelt steuert außerhalb per Knopfdruck die zwei Elemente, die den Rambazamba auf dem abschüssigen Spielfeld aufrechterhalten: die Flipper.


Die bis zu sieben Zentimeter langen Hebel, auch Flipperfinger genannt, sind das zentrale, namensgebende Element eines Spiels, das in Zeiten von Smartphones und Spielkonsolen eine simple Stahlkugel ins Rampenlicht führt. „Flipper ist mehr als nur ein Spiel. Jedes Gerät ist gleichzeitig Kultur- und Zeitgeschichte“, sagt Günter Freinberger. Und das sagt der Niederösterreicher nicht nur, weil sein Lieblingsgerät, der Elvis-Flipper, nochmals die Laufbahn des King durchstreift. Freinberger kennt als Flipperexperte jedes Detail, weiß über jedes Gerät Anekdoten zu erzählen. Etwa über den Flipper „Apollo 13“, bei dem es der fingerfertige Künstler im Multiballmodus mit 13 Kugeln auf einmal aufnehmen muss. Oder über „Captain Fantastic“, der im Jahr 1976 in den flipperverrückten, aber eben auch biederen USA der Zensur zum Opfer fiel. Der Grund: Ein Kerl versucht auf einem Bild, mit einer obszönen Geste eine Dame zu betören.


Vor 15 Jahren begann Freinberger, Flipperautomaten zu sammeln, und näherte sich Stück für Stück seinem Jugendtraum: nämlich alle Flipper, die ihn als Kind fasziniert hatten, selbst zu Hause zu haben. Heute hält der 51-Jährige mit 562 Spielautomaten eine der weltweit größten Flippersammlungen in seinem Besitz. In Anlehnung an den englischen Spielnamen Pinball nennt er sich selbst Pindigi, seine Kollektion Pindigi-Land. Seine Automaten entführen per Plunger – welcher die Kugel mit Zugfeder ins Spielfeld katapultiert – in die Musik, Film- und TV-Welt, und in noch vieles mehr. Seine Sammlung bilde neben verschiedenen Genres vor allem die wichtigen technologischen Innovationen der Flippergeschichte ab, sagt Freinberger. Etwa den Vorläufer des Flippers, das Bagatelle-Spiel. Bei diesen fingerlosen Geräten stand das Glück im Vordergrund: Man feuerte – wie heute noch – die Kugel von rechts außen ins abfallende Gameboard. Auf dem Weg nach unten blieb der Ball in mit Nägeln markierten Punktfeldern liegen. Eine Bagatelle blieb dieses Spiel nicht, bald konnte man per Knopfdruck und Hebeln ins Spiel eingreifen. Der Ausdruck Pinball für Nagel (Pin) und Kugel hat sich jedoch gehalten.
Von den ersten Flipperfingern, der Spielpremiere mit elektromechanischem Zählwerk, dem Ballwechsel zur Elektronik – in Freinbergers Spielhalle reist man in der Flipperwelt von einer Station zur nächsten. Das Pindigi-Land in Ruprechtshofen im Bezirk Melk ist aber nicht nur ein knallbuntes Museum, sondern gleichzeitig Schauplatz sportlicher Wettkämpfe. So steigen hier regelmäßig Flipperturniere, kämpfen etwa bei deutsch-österreichischen Meisterschaften die ballsichersten Player um den Sieg.


„Geschick ist gefragt. Und in brenzligen Situationen muss man die Ruhe bewahren“, sagt Markus Stix. Der 37-Jährige, in Flipperkreisen Pin-Alf genannt, zählt zu den besten heimischen Spielern. „Es ist noch etwas Echtes“, so der Steirer. Das Haptische, das Mechanische, würde die Faszination für ihn ausmachen. Und: „Dass man den Spielablauf zur Gänze selbst beeinflussen kann.“
Dreimal nahm Stix bis dato an Europameisterschaften teil. Das letzte Mal 2010 in der Schweiz. Er belegte Platz 41, doch nur ein Schreibfehler des Schiedsrichters kostete ihn einen Toprang. Der Judge hätte bei einem Score eine Null vergessen, erzählt Stix, und so wurden aus zwölf Millionen Punkten ganz schnell 1,2 Millionen. Seine Reklamation kam zu spät. Einen Spitzenplatz, der auch im offiziellen Scoring-Buch registriert wurde, erreichte Pin-Alf 2009 in Northampton. Bei rund 150 EM-Teilnehmern belegte der Grazer den siebenten Rang.
Bei Flipperturnieren treten die Akteure zumeist auf zwei Arten an. Bei einem Modus zählt die Summe der High Scores, die der Spieler auf verschiedenen Geräten erzielt. Im K.-o.-Modus wird in direkten Duellen gegeneinander geflippert. In der Regel stehen pro Automaten und Spiel drei Kugeln zur Verfügung. Sensibel eingestellt ist beim Wettkampf das Tilt-Pendel – der Mechanismus, der bei zu kräftigem Rütteln des Automaten alle Systeme, inklusive der Flipperfinger, abschaltet. Bei moderneren Geräten begleitet ein dumpfer Ton den durch den Tilt nicht mehr zu stoppenden Absturz der Kugel. „Es gibt spezielle Rütteltechniken“, verrät Peter Schimek. Der Wiener ist Mitorganisator von heimischen Turnieren und Antreiber der Flippercommunity in Österreich, wo im Gegensatz zu Deutschland noch kein offizieller Verband existiert. Schimek sammelt die traditionellen Spielautomaten und nahm selbst schon an Turnieren teil, etwa bei der Europameisterschaft in der Schweiz 2010.

Flipper und die „Addams Family“


Zum Flippern brauche man „auf alle Fälle Talent“, so der 52-Jährige. „Eine schnelle Reaktion und das genaue Kennen des Spielablaufs“ machen einen guten Flipperspieler für Schimek aus, der einst in Kaffeehäusern und im Prater Faszination für die bunten Kugelautomaten entwickelt hat. Die größten Flipperkünstler kommen aus den USA. Stars and Stripes dominieren die Weltrangliste, die ersten beiden Plätze im World Ranking der International Flipper Pinball Association (IFPA) haben US-Amerikaner inne. Bester Österreicher ist der Salzburger Stefan Karlhuber auf Platz 109.


Fern von Ranglistenpunkten und Weltmeisterschaften zog in der langen Geschichte des Flipperspiels ein Gerät aus dem Themenfeld TV-Serie am meisten Spieler in seinen Bann: Die Kugelversion der „Addams Family“ mit witzigen Sprüchen und Animationen ist mit über 20.000 verkauften Geräten der erfolgreichste Flipper. Die „Addams Family“ bescherte dem Pinball Anfang der 1990er einen letzten Boom, nachdem die Verkaufszahlen in den Jahren zuvor stark zurückgegangen waren. 1995 stürzte die Flipperindustrie erneut in eine Krise, aus der sie sich bis heute nicht wirklich herauskatapultieren konnte. Mit dem amerikanischen Unternehmen Stern ist ein einziger Hersteller verblieben. Doch unabhängig des Produzentensterbens: Die Kugel wird weiterrollen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)