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Ein Schluck noch

Schluck noch
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Der Mensch: ein Souverän, Frau oder Herr über Theorie und Praxis? Die Trinker sind nicht die Ersten, aber auch nicht die Letzten, die daran erinnern, wie prekär dieses Konzept ist. Vom Zwitschern: über Trunksucht als Menschenmöglichkeit.

Es bedarf ja wenig, dass einem starke Persönlichkeiten – wie zum Beispiel Claus Peymann – auf die Nerven gehen. Die „Berühmten“ sind ja überhaupt eine Plage. Aber es gibt eine Meinung von Peymann zum Thema Künstler und Alkohol, die so präzise in eine Seite des Themas einführt, dass ich sie dankbar zitieren muss. Es war damals, als die Sendung „Kulturzeit“ ein Jubiläum feierte und die Redaktion deshalb ein paar Berühmte um sich scharte. So erzählte Peymann der Kamera von seinen Wiener Triumphen und davon, wie in Wien die Theaterkunst und die Schauspieler geliebt werden: Am Tag nach der Premiere von „Richard III.“ hätten die Männer in ganz Wien die Frisur des Protagonisten, des großartigen Gert Voss, getragen. In Berlin, so Peymann, sei alles ganz anders, da liebten sie höchstens „einen Alkoholiker wie Harald Juhnke“. Ja, wir Leute aus Wedding empfinden etwas gröber als die Wiener und der Präzeptor Austriae aus Bremen.

Ich will im Folgenden ausnahmsweise nicht dem Alkohol zusprechen, sondern vom Alkoholismus sprechen und beginne damit, wie selbst in avancierten Kreisen, also in solchen, in denen man von avantgardistischen Ansprüchen und Sprüchen lebt, der Terminus „Alkoholiker“ diskriminierend eingesetzt wird. Das fällt mir oft auf, zum Beispiel als ein berühmter Dichter einigen der Kritiker, die ausgerechnet bei seinen Premieren im Plüschsessel herumlungern, ihre Lebensschwäche, das Trinken, vorhielt. Mit dieser Vorhaltung machte er die verhasste Kritik einerseits herunter, anderseits aber rief er ihnen solidarisch ihre Schwäche in Erinnerung: Menschen, Menschen samma alle, und daran möge der Kritiker, dieser Säufer, denken, wenn er kalt das Werk des Künstlers durch Kritik diskriminiert.

Ich beklage keineswegs, dass die einen die anderen mit der Bezeichnung „Alkoholiker“ herabwürdigen. Sie sollen auf- und abwürdigen, soviel sie wollen. Es ist ihnen nicht zu helfen. Aber für meine Überlegungen zum nicht gerade originellen Thema „Literatur und Alkohol“ hat es Folgen: Ich werde die Namen der meisten nicht nennen, deren Beispiel mir im Kopf herumgeistert, wenn ich von Alkohol und Literatur spreche.

Ich selbst habe hin und wieder den Terminus „Alkoholiker“ unschuldig, ohne Hintersinn, nur als Faktenbeschreibung verwendet. Es gibt nichts, wodurch Menschen sich unterkriegen lassen, wodurch sie zugrunde gehen, das ich ihnen vorwerfen würde. Aber es war eine Dummheit, daran zu glauben, alle würden bei der Neutralisierung eines solchen Terminus mitspielen. Vor Jahrzehnten „castete“ der ORF Gesprächsleiter für den Club 2, und ich war Mitdiskutant bei einem der Probeläufe. Während meine Gruppe auf den Auftritt wartete, sahen wir über Bildschirm einer anderen Gruppe beim Üben zu. Unglücklicherweise wurde ich beim Zuschauen gefragt, wer denn da diskutierte, und ich beschrieb mit bestem Wissen und Gewissen die Leute. So sagte ich über einen Schriftsteller: „Und er da ist Alkoholiker.“

Ich meinte es rein sachlich, und der Mann hatte sich in dieser Eigenschaft auch einen Namen gemacht. Seine Lebensgefährtin, die neben mir saß, griff mich aber sofort und zu Recht an. Dabei ging sie jedoch so weit, diese Bezeichnung für den Mann überhaupt in Abrede zu stellen: Er sei kein ... Recht hatte sie, weil niemand zu jeder Zeit durch eine Eigenschaft allein bestimmt ist, obwohl gerade bei „Süchtigen“ (wie die Mediziner und noch schlimmer die Laienmediziner, also alle Menschen vereinfachend sagen) diese eine Eigenschaft das Kommando schließlich übernehmen kann. Aber niemand darf sich von vornherein (und noch dazu im Konversationston) festlegen lassen, und man soll jedem, der eine solche Festlegung eines anderen versucht, über den Mund fahren.

Gott sei seiner Seele gnädig, der von mir sträflich als „Alkoholiker“ bezeichnete Mann lebt heute nicht mehr. Übers Trinken habe ich viel von ihm gelernt, zum Beispiel über den Unterschied von nüchtern und betrunken. Eines Tages rief mich jemand an, der in der Justiz arbeitete. „Kennst du den?“ – „Ja, und warum denn?“ – „Ach, ich hab ihn interviewt.“ – „Du meinst wohl verhört ...“ – „Ich hab ihn verhört!“ – „Ja, und?“ – „Der Mann legt nieder wie ein Einser. Er beschuldigt sich selbst und die halbe Welt. Er liegt vor mir im Staub, und kaum, dass ich etwas gesagt habe, will er es schon gewesen sein.“

Das kam davon, dass die Einvernahme in der Früh stattfand. Zu dieser Zeit hatte der Mann noch nicht ausreichend getrunken, um zu seinem Selbstbewusstsein zu gelangen. Ich werde auf ihn zurückkommen, aber jetzt fällt mir ein Freund ein, leider ebenfalls verstorben, der einer der klügsten Menschen Österreichs war, ein Dichter und ein Intellektueller, ein Wissenschaftler. Er wiederum trank in Quartalen, und in seinen nüchternen Zeiträumen war dieser wunderbare Mensch, der voll berechtigter Renitenz sein konnte, angepasst, spießig und ängstlich.

Ich glaube, beide waren Machttrinker, und das scheint mir heute auch charakteristisch für die Zeit damals gewesen zu sein: für die bis in die Siebzigerjahre fortdauernden Fünfzigerjahre. Gerade begabte Menschen stießen auf die beinharte austriazistische Gummizelle. Überall trafen sie mit ihrer Begabung auf ein selektives, gut organisiertes Unverständnis, und heute würde man sagen, nicht jammern, sondern arbeiten hätten sie sollen. Aber sie waren in ihre Verzweiflung eingeschnürt, und diejenigen, die die Fesseln loswurden, sind heute berühmt. Thomas Bernhards grandioser und nüchterner Auftritt in der Szene hat für mich im Rückblick etwas von einem (ambivalent inszenierten) Befreiungsschlag, durch den nicht wenig von dem, an dem seine unterlegenen Konkurrenten damals scheiterten, zum Vorschein kam. Er demonstrierte, wie man das Spiel machen musste, das alte Spiel von Genie und Wahnsinn, ohne dabei unterzugehen.

Machttrinker sind Menschen, die sich betrunken mächtig vorkommen. Man kann auch zynisch sagen, es sind ohnmächtige Menschen, die zum Zerstören am Ende nur sich selber haben. Bis dahin zerstören sie, so gut es geht, auch andere, aber weil sie so zerstörerisch mit sich selbst umgehen, kann man glauben, dass sie bei den anderen gar nichts dafür können. Sie bezahlen endgültig eine Rechnung, die zwar noch andere Posten hat, aber in Summe geht die Rechnung auf sie.

Im Zeitgeist der Subkulturen, auch der einer schreibenden Intelligenz, lag damals der machistische Exzess, dessen Pathos eine aggressive, verletzende Männlichkeit einerseits legitimierte, andererseits aber die halben Männer in ganze Kinder verwandeln konnte: Die Verwandlung ging bis in das Detail, dass ein bestimmter Dichter in Wien gut beraten gewesen wäre, Windeln zu tragen. Ich erinnere mich außerdem an einen wahrhaft avantgardistischen Dichter, einen Meister auch in der avantgardistischen Dichtungstheorie. Es geschah auf akademischem Boden: Wendelin Schmidt-Dengler begann damals seine Karriere, und er diskutierte fabelhaft sogar mit der Avantgarde. Der Dichter, einer von größter Bedeutung, nahm einen Schluck nach dem anderen aus einer Zwei-Liter-Flasche Wein, die er unter dem Tisch untergebracht hatte. Nach glänzenden Diskussionsbeiträgen verwandelte sich allmählich sein Rededuktus. Am Schluss lallte er wie ein Kind, das die Sprache noch nicht beherrscht.

Die Idee vom Machttrinker habe ich von dem zitierten Wissenschaftler und Intellektuellen, der ein Spezialist nicht zuletzt für Suchttheorie war. Jüngst wurde ich von einem seiner Kollegen (bei dem ich mir einbilde, dass er früher selbst trank, von dem ich aber ganz sicher bin, dass er heute keinen Tropfen mehr anrührt) an etwas erinnert: Der hervorragende Suchttheoretiker und Suchtpraktiker war mit seiner Intelligenz so überlegen, dass er der Fachärztin für Psychiatrie, die seine Alkoholsucht behandelte, plausibel machte, sie müsse ihr Therapiekonzept lassen und seines übernehmen.

Der Mann hatte – in bestimmten Situationen – eine irritierende Überzeugungskraft: Eines Morgens, mitten im Morgengrauen, stand er vor meiner Tür – komplett nüchtern. Er setzte mich sofort darüber ins Bild, dass er die halbe Nacht mit einem Freund (nämlich mit dem im nüchternen Zustand alles gestehenden Dichter) verbracht hatte, ohne aber – anders als dieser – Alkohol getrunken zu haben: „Nicht ein Bier!“ Und er hörte nicht auf, diese Geschichte wieder und wieder zu erzählen. „Ich war mit ihm die halbe Nacht unterwegs, er trank. Was ist der doch für ein Säufer“, und vor allem die Moral von der Geschichte: „Nicht ein Bier!“, und immer wieder: „Nicht ein Bier!“ – Das hörte ich mir an, und ich kann nicht leugnen, dass ich stolz auf meinen asketischen Freund war, bis zu dem Augenblick, da er ohne Übergang und ohne Scham zu mir sagte: „Gehst mit auf ein Bier, Franz?“

Das eine ist die besagte Machtgeschichte, das andere ist dieses Kippen. Ich selbst bin im Ansatz auch ein Säufer, aber meine eigentliche Sucht, durch die ich bin, der ich bin, ist die Fresssucht. Ich lebe im existenziellen Wackelkontakt, einmal schlägt es in die Diät um, ein anderes Mal in die Völlerei. Die Völlerei gewinnt – was das Vorlaufen zum Tode und die Todesursache betrifft. Ein ausgekochter Süchtiger hat über sich keine Illusionen mehr, und er staunt darüber, wenn andere sich welche machen: In Österreich gibt es eine Sängerin, die eine schöne, etwas triefende Stimme hat und außerdem das Talent, auf charmante Weise ordinär zu sein. Diese Person aus der Steiermark ist mir eine Kollegin in der Fettsucht. Eines Tages jedoch erschien sie im Fernsehen, natürlich weil sie ein Buch geschrieben hatte. Aber nicht nur das – sie hatte auch ihren Ganzkörperhabitus verändert, war schlank wie eine Gerte und peitschte sich vor der Kamera zu weiteren zehn Kilogramm auf, die sie demnächst abnehmen werde. Die Menschen vor den Geräten mögen gestaunt haben, aber mir war klar, meine Kollegin wird umkippen. Bald, dachte ich, ist sie wieder die prächtige Kugel, die ihrem Gesang Resonanz verleiht.

Nein, es ist nicht so, dass ich jeden Menschen in seiner Falle verloren sehe. Ich glaube sogar an die Macht eines jeden, sich souverän vom Übel zu befreien. Aber ich bilde mir ein, das eventuelle Kippen vorausahnen zu können, und zwar an der neurotischen Intensität, mit der wir Süchtigen im ernüchterten Zustand diesen ein für alle Mal zu prolongieren behaupten. Die Spiegelungsapparate der Gesellschaft, die sogenannten Medien, verstärken die Wucht des Kippens. Verstärker sind auch andere Einrichtungen, die grobflächige Images bilden: zum Beispiel der Tratsch in einer Stadt, die sich gerne mit einer alkoholisierten Boheme schmückt. Es gilt auch für Milieus, die ihre Attraktivität nach außen mit einem (vermeintlichen) Angebot an Exzessen im Inneren untermauern. Dazu zählt der Kunstbetrieb, der in seinen verschiedenen Höhen und Tiefen von sich selbst geblendet ist: Seltsam, wie Harald Juhnke zu glauben schien, er wäre ausgerechnet besoffen am Klimax seiner Männlichkeit. Ich habe das Bild dieser unendlichen Müdigkeit vor mir, mit der der Schauspieler übernächtig im Schlafrock in seinem Hotelzimmer saß. Auf dem Tisch standen die leeren Champagnerflaschen, und der Fotograf hatte Juhnke erwischt, als er noch nicht angekleidet war. Im Schlafzimmer musste noch eine junge Frau gewesen sein, die ihn durch die Nacht begleitet hatte und die zu ihrem Glück sicher nichts von einem Rausch verstand, der einen Trinker am Morgen zittern macht.

Das alles war Unglück genug, aber Harald Juhnke hatte es in der Zeit danach wieder einmal geschafft, er wurde trocken – und auch mit dieser Nummer trat er im Fernsehen auf: Er hielt ein Referat über einen Arzt in der Schweiz, der ihm den Befund ausgestellt hatte, ein Schluck noch, und das wäre das Ende! Juhnke hielt sich fest an diesem Verdikt und bedrängte unterschwellig das Publikum, es müsse doch glauben, in so einer dramatischen Situation würde nicht einmal ein Harald Juhnke „rückfällig“ werden. Für so ein Sichzeigen in aller Öffentlichkeit ist es notwendig, in eigener Sache sehr viel Schein zu mobilisieren. Die zum Schauspiel ausgeweitete Bekehrung zur Abstinenz hat keinen Boden, der einen trägt. Sie bereitet den Absturz vor, das Kippen – so wie der zitierte österreichische Intellektuelle, der mich zunächst als Publikum für seine glückliche Abstinenz gebrauchte, um dann aus mir einen Saufkumpanen zu machen.

Die Gefahr des Kippens liegt, von allen äußeren Umständen abgesehen, in der grundsätzlichen Entscheidungssituation eines Trinkers vor allem auf der letzten Stufe seiner Karriere. Es ist das Entweder-Oder, in die er sich nicht ohne Lust hineinmanövriert hat: Entweder trinken oder nicht trinken, das ist die Frage, bis es eben keine Frage mehr ist. Es gibt keine Wahl, man ist aus Überlebensgründen ein für alle Mal festgelegt – und da hat Nietzsche doch gesagt, der Mensch sei das nicht festgestellte Tier. Juhnke quittierte 1999, als er zwei Jahre trocken war, in der Fernsehsendung „Zimmer frei“ die Frage, ob seine Hand früher, in „den alten, chaotischen Zeiten“, gezittert habe, mit dem alten Witz: „Trinken Sie viel, Herr Juhnke?“ – „Ne, das meiste verschütte ich.“ Das war eine gefährliche Erinnerung an eine Zeit, in der ein Trinker als Lausbub im Showbusiness durchging und damit für sich Reklame machte. Es war eine Zeit, in der er noch nicht ins verdammte Entweder-Oder-Joch eingespannt war.

Diese Spannung ist gut für die religiöse Verzückung, hervorragend für die exklusive philosophische Haltung, aber um sie alltäglich auf der richtigen Seite durchzuhalten, müsste man genau jene starke Persönlichkeit sein, die man eben nicht ist, weil man ja sonst nie in diese Lage gekommen wäre. Höchste Achtung allen, die durchhalten, aber auch ein Verständnis für die, die es am Ende nicht konnten. Gewöhnlich lebt der Mensch eher im Grau-in-Grau als im Entweder-Oder, und wann immer einer ins Entweder-Oder gerät, muss er sehr viel Menschliches in sich überwinden. An den Berichten über Juhnkes Abschiedstrunk im Jahre 2000, in Baden bei Wien, in der Bar „Filou“, fällt mir die Behauptung auf, die wahrscheinlich nicht nur verlogen ist, Juhnke sei „entspannt“ gewesen. Ja, er kippte in der Julinacht zehn doppelte Whisky, acht doppelte Wodka, und er sang – genauso wie 1999 in „Zimmer frei“ – „Volare“. Aber in jener Nacht machte er auch seinem Daseinsjoch ein Ende. Wie in der Rolle des Erwin Sommer im Film „Der Trinker“ hatte er in Baden bei Wien einen Gehilfen. „Ich bin Barkeeper, natürlich bekommt einer, was er bestellt“, sagte der Inhaber des „Filou“ mit der unbestechlichen Logik seines Gewerbes. Am Morgen im Hotel, als der Arzt kam, schwatzte der Trinker diesem noch eine Flasche Wodka ab, mit dem Hinweis, die Entzugserscheinungen würden gewiss fürchterlicher sein als die Folgen des Genusses. Der Schauspieler Juhnke, der übrigens auch in Wien geliebt wurde (Peter Turrini zum Beispiel sang ihm ein Loblied), hätte sich daran erinnern können, dass er diese Szene schon einmal gespielt hat: 1994 im „Trinker“. Da stand er vor dem Staatsanwalt, beschuldigt des Mordversuchs an seiner Frau. Er flehte in seiner Rolle den hinzugezogenen Arzt an, ihm – wegen der Entzugserscheinungen – zu trinken zu geben.

Der wirkliche Juhnke, also der Mensch, der mit beiden Beinen auf der Bühne stand, hatte früher ein rundes Gesicht. Er konnte später immer noch ein rundes Gesicht machen. Aber seine Krankheit bescherte ihm einen mageren, grausamen Zug um den Mund. Das Runde war allmählich aus seinem Gesichtsausdruck verschwunden. Der Habitus im Ganzen verbarg diese bösen Zeichen, die der Schauspieler Juhnke im „Trinker“ virtuos ausstellte. Dieses Spiel mit Sein und Schein enthält für das Sein ein großes Risiko, zumal so ein Spiel überhaupt dem Trinker eigen ist: Erwin Sommer in Falladas Buch „Der Trinker“ wundert sich darüber, dass sein Entzug ihm leicht fällt, und er schließt daraus, dass er nie ein wirklicher Trinker gewesen ist. So war er wohl nur ein scheinbarer, und diese Sicht der Dinge ist bei Sommer ein Indiz dafür, dass er ein wirklicher Trinker sein muss.

Im Übrigen ist Sommer auf eine bekannte Weise ein Machttrinker: Er ist der Typ Mann, der auch deshalb trinkt, weil er sich seiner Frau unterlegen fühlt. Nicht nur geschäftlich, sondern auch physisch. Den Mordversuch an seiner Frau erklärt er dem Amtsgerichtsdirektor: „Aber, Herr Direktor, ich habe meine Frau doch auch nicht totschlagen wollen, das war doch nur so betrunkenes Gerede, weil ich gern den Koffer haben wollte und weil meine Frau doch stärker als ich ist.“ Die Stärke der Frau wird den Trinker – nach seiner „erfolgreichen“ Entziehung – zu seinen letzten Schlucken motivieren. Diese Stärke besteht nämlich darin, dass sie am Ende sogar die Kraft hat, ein neues Leben zu beginnen, natürlich ohne den Trinker, den sie für geheilt erachtet.

Bei der Lektüre von Falladas Buch hatte ich paranoide Anfälle. Ich glaubte plötzlich, die Anhänger von Brecht, Benn und Thomas Mann hätten sich verschworen, um den größten deutschen Schriftsteller des Jahrhunderts, Hans Fallada, in den Hintergrund zu drängen. „Der Trinker“ ist in meinen Augen ein Meisterwerk, auch weil es von einem Trinker geschrieben ist, ohne dass es das geringste Merkmal einer Säufersuada enthält. Der Text enthält die wichtigste Spannung, die das Verhältnis von Literatur und Alkohol für alle Menschen bedeutsam macht: Im Laufe der Geschichte haben Philosophen und andere Leute aus der Vielfalt der Möglichkeiten herauskristallisert, wer oder was der Mensch ist. Ja, ich glaube, der Mensch ist – irgendwie – ein für sich selbst verantwortliches Wesen. So ein Mensch denkt und trifft Entscheidungen. Er ist souverän, Frau oder Herr über Theorie und Praxis. Die Trinker sind nicht die Ersten, aber auch nicht die Letzten, die daran erinnern, wie prekär dieses Konzept ist.

Über die Rolle des Alkohols im kreativen Prozess kann man Vermutungen anstellen, aber dass ihr der Trinker ein Thema ist, definiert die Literatur. Falladas Kunst, mit dem Thema fertig zu werden, ermöglicht ihm, an keiner Stelle das Trinkerselbstmitleid inklusive des einschlägigen Größenwahns zu propagieren. Fallada denunziert aber auch die Trinkerexistenz nicht, verkauft sie nicht an das Ideal vom souveränen Menschen, und doch ist es dieses Ideal, das im Text unterschwellig dabei ist. Diese wechselseitige Durchdringung der Souveränitätsutopie mit der Abhängigkeitsrealität zeigt die Trunksucht als Menschenmöglichkeit, weniger verächtlich, eher schon heilig, weil das Leid und die Verworfenheit ein gewichtiges Wort dabei mitzureden haben, wer oder was Menschen sind. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2012)