Im Grätzel rund um das Belvedere ist Schauspielerin Julia Stemberger groß geworden. Ein Cityguide durch das Wien ihrer Jugend und über ihre großen Leidenschaften: Musik und Humor.
Diese Frau funktioniert. Julia Stemberger weiß, was sie will, erledigt das flott, professionell und vergisst dabei weder zu lächeln, noch auffallend oft zu lachen – von Herzen. Die Idee, vor dem Theater Akzent zu fotografieren, schmettert sie ab. „Es geht ja um die Orte, die ich mag, und die sind im Theater“, sagt Stemberger und führt genau dort hin. Beim Anblick der Instrumente, die im hinteren Bereich der Bühne lagern, wird gleich noch ein Lächeln aufgesetzt – eines, das verrät, dass sie die Musik wirklich liebt. „Würde man mir die Musik nehmen, dann wäre das so, als ob man mir einen Arm amputieren würde. Nein, einen Arm und ein Bein“, sagt sie über ihre Leidenschaft.
Die Musik ist auch wesentlicher Bestandteil ihrer nächsten Aufführung. Begleitet von dem Ensemble „Tango de Salòn“ wird sie kommenden Samstag im Theater Akzent Texte aus Isabel Allendes erotischem Kochbuch „Aphrodite – eine Feier der Sinne“ zum Besten geben. Auch über Allende kommt die Schauspielerin schnell ins Schwärmen. Sie sei eine Frau, die voll im Leben steht und auf eine kluge Weise humorvoll ist, sagt Stemberger – nein, nicht über sich selbst, sondern über die Autorin. Und der Humor, der hat es der Wienerin angetan. Er sei die klügste Art, das Leben zu meistern, sagt sie, während sie schon fast im Laufschritt ihren nächsten Lieblingsort ansteuert: das Belvedere.
Von Schloss zu Schloss. Gleich ums Eck hat sie zu Maturazeiten dort gewohnt. Und obwohl die Schauspielerin heute in der Nähe vom Schloss Schönbrunn lebt – „ich ziehe von Schloss zu Schloss, das klingt doch schön“ – ist dieses Grätzel irgendwie ihr Grätzel geblieben. Da sie seit ihrem 19. Lebensjahr arbeitet, sei sie einfach nicht dazu gekommen, sich eine neue Gegend zu erobern. Außerdem hingen rund ums Belvedere einfach zu viele schöne Erinnerungen. Hier im Garten sei sie oft in ihrer Jugend gesessen, sagt sie, während sie schwungvoll auf einer Parkbank Platz nimmt. Für die Schule gelernt hat Stemberger im charmanten Café Goldegg, ihrem „erweiterten Wohnzimmer“.
Kaum nimmt sie im Kaffeehaus Platz, ruft ihr eine Dame vom Nebentisch zu: „Servus Julia, wohnst noch immer da.“ Ein kurzer Plausch und sie ist schon wieder ganz bei der Sache – und schnell bei der Musik. „Die hat mich keine grauen Haare gekostet“, sagt sie und lacht. Das solle aber nicht heißen, dass sie ihren Job im Theater, für Film und Fernsehen nicht schätzt. „Wir Schauspieler haben das unglaubliche Privileg, mit dem Leben zu tun zu haben.“ Zunächst steht sie übrigens als Anna Karenina bei den Festspielen Reichenau auf der Bühne. „Das ist eine große Herausforderung, auch weil die Figur teilweise sehr rätselhaft ist.“
Szenenwechsel. Ein weiterer Ort, der ihr am Herzen liege, ist der Burggarten mit dem Palmenhaus. Im Garten hat sie einst mit ihrem Bruder ihre ersten Konzerte gegeben. Und das Palmenhaus hatte damals zwar noch kein Kaffeehaus, war aber „sehr exotisch“. Überhaupt schätze sie an Wien die hohe Lebensqualität. Was das sei? Das große kulturelle Angebot natürlich und die Tatsache, dass sie ihre zwölfjährige Tochter allein mit der U-Bahn fahren lassen kann. Das verstaubte Image habe sie nie verstanden – „vielleicht gerade weil ich so viel weg war“. Neben Wien zählten auch Hamburg, Berlin und München zu ihren Wohnstätten.
Bleibt nur noch eine Frage offen. Woher nimmt diese Frau derart viel positive Energie? Von der Mutter und Großmutter. Letztere, die übrigens 103 Jahre alt geworden ist, hat irgendwann zu ihr gemeint: „Jetzt sehe ich nur noch die positiven Seiten des Lebens.“ Was für Stemberger anfangs etwas unverständlich klang, stellte sich dann doch als die klügere Variante heraus. „Außerdem kann ich meinem Kind kein größeres Geschenk auf den Weg geben als dass es mir gut geht“, sagt sie, um gleich noch ein paar solcher Sätze anzufügen. „Es gibt keinen Grund, sich das Leben nicht so schön wie möglich zu machen.“ Sie denkt kurz nach und findet das dann doch zu negativ formuliert. „Oder um es positiv zu sagen: Es gibt jeden Grund, sich das Leben so schön wie möglich zu machen.“
„Aphrodite“: 17.3. Theater Akzent (Wien), 24.3. Hotel Post (Lermoos/Tirol), 6.5. Stadtsaal (Ried), 19.6. Kulturforum (Hallein)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)