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Nicht ohne mein Auto: Pkw noch lange nicht außer Mode

Nicht ohne mein Auto
(c) APA (ROLAND SCHLAGER)

In der veröffentlichten Meinung gilt das Privat-Kfz als Auslaufmodell. Die Attribute lauten umweltschädlich, teuer, uncool. Ein Blick auf die Zahlen zeigt jedoch: Das Auto ist bei den Österreichern beliebt wie nie zuvor.

Autofahren in der Stadt ist out“, schrieb zuletzt eine Tageszeitung. „Zurück zu Bim und Bike“ eine andere. Fast gleichzeitig sprach der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) von einem Trend hin zum Zu-Fuß-Gehen. Wiens Grüne freuten sich über deutliche Zuwächse bei der Nutzung von Fahrrad und öffentlichem Verkehr.

Unter Konsumenten von heimischen Massenmedien musste in den vergangenen Wochen fast zwangsläufig der Eindruck entstehen, dass die Österreicher in Scharen ihren Autos den Rücken kehren. Und zwar zugunsten alternativer Verkehrsmittel. Ein Land steigt um? Wir machten uns auf die Suche nach dem kolportierten Ökotrend.

Dass die Frage danach natürlich mehrere Antworten hat, stellte sich dabei schnell heraus. Eine von ihnen widerspricht dem behaupteten Trend weg vom Auto deutlich: Niemals zuvor fuhren, parkten und stauten in Österreich mehr Pkw als 2011. 4,51 Millionen waren es mit Stichtag 31.Dezember. Sogar Wien erreichte mit 674.526 Fahrzeugen einen neuen Höchststand. Warum?

„Weil das Auto trotz aller Hindernisse nach wie vor konkurrenzlos bequem und schnell ist“, sagt Alexander Razka. Der 39-Jährige arbeitet als Anwalt im Zentrum Wiens und fährt täglich mit dem Auto vom Stadtrand in die Kanzlei und zurück. Und nicht nur das. Selbst für die Anreise zu innerstädtischen Terminen setzt er sich gerne hinters Lenkrad. Egal, ob das Ziel nun Mariahilfer Straße (dort macht er für Mitglieder des Autofahrerklubs Arbö nebenbei noch die Rechtsberatung) oder Marxergasse (Justizzentrum Wien Mitte) heißt. Probleme mit Staus und Parkplätzen? „Eigentlich nicht.“ Ja, natürlich zahle niemand gerne Gebühren für Kurzparkzonen oder Parkhäuser, andererseits seien die Kosten dafür auch nicht über alle Maßen hoch. Positiver Nebeneffekt: Man finde immer einen Stellplatz. Razka: „Es gibt eine ganze Reihe von Strecken, auf denen ich mit dem Auto schneller bin als mit der U-Bahn.“ Umsteigen komme für ihn daher nicht in Frage. Und natürlich habe sein Mobilitätsverhalten auch ein klein wenig mit Emotionen zu tun. „Autofahren macht mir Spaß.“

Vielen Österreichern geht es offenbar ähnlich. Jeder fünfte Fahrzeughalter gibt seinem liebsten Besitz sogar einen Namen. Welchen? Der ÖAMTC startete eine Umfrage. Ganz oben in der Beliebtheitsskala: „Rakete“, „Silberpfeil“ und „Baby“. Unter den Genannten waren aber auch Namen wie „Kübel“, „Krax'n“, „Daisy“ oder „Ferdl“.

Wer eine Blechzelle auf vier Rädern derart herzt, ist auch bereit, viel Geld dafür auszugeben. Im Wochentakt kritisieren Interessenvertreter steigende Treibstoff- und Betriebskosten. Umgekehrt nennen Grüne und NGOs der Umweltschutzszene gerade diese Kosten als Grund dafür, warum das Auto (angeblich) an Bedeutung verliert.

Allein: Auch in diesem Punkt hat die veröffentlichte Meinung mit der Realität nur wenig gemein. Das zeigt ein Vergleich verschiedener Verbraucherpreisindizes. Ja, es stimmt, die Preise fürs Autofahren steigen schneller als die Gesamtinflation. Pkw-Pendler leiden täglich darunter. Allerdings müssten Benützer öffentlicher Verkehrsmittel noch viel lauter klagen. Seit dem Jahr 2000 stiegen die Verbraucherpreise um 25, die Kosten für Pkw (Anschaffung, Versicherung, Betrieb) um 30 Prozent. Zum Vergleich: Tagestickets für den öffentlichen Verkehr verteuerten sich im gleichen Zeitraum um 33, Dauerkarten gar um 38 Prozent.

Die wirtschaftlichen Gründe für die explodierenden Zulassungszahlen sitzen noch tiefer. Zwischen 2005 und 2010 gingen die Ausgaben der Österreicher für Mobilität generell von 16,1 auf 15 Prozent vom Haushaltsbudget zurück. Kostendämpfend wirkten sich vor allem die fallenden Preise für die Kfz-Anschaffung aus. Die Ausgaben für den Betrieb blieben genau gleich, Aufwendungen für die Nutzung des öffentlichen Verkehrs stiegen auf geringem Niveau (aber deutlich) von 0,7 auf 1,1Prozent.

Kampf der Statistiken. Für den medial viel zitierten VCÖ, der sich selbst mehr als Umweltschutz-NGO denn als Interessenvertretung sieht, ist jedoch genau das ein klares Zeichen dafür, dass es sehr wohl einen deutlichen Trend weg vom Auto und hin zum öffentlichen Verkehr gebe. „Wer mehr Bahn fährt, gibt auch mehr dafür aus“, sagt Organisationssprecher Christian Gratzer. Und dass das Auto zugunsten anderer massiv verliert, dafür gebe es wenigstens in Wien starke Indikatoren.

Den Modal Split etwa. Er gibt an, wie viel Prozent der Alltagswege mit welchem Verkehrsmittel zurückgelegt werden. „Und 2011 lag der Anteil des Autos in der Hauptstadt nur noch bei 29 Prozent.“ Vor 20 Jahren waren es 40Prozent. Zudem, sagt Gratzer, ist die Messmethode der Befragung seit Jahren gleich. Das sorge für gute Vergleichbarkeit.

Das kann man auch anders sehen. Kritiker bemängeln schon länger, dass die Methode sozial erwünschte Antworten – etwa die Nutzung des öffentlichen Verkehrs – überrepräsentiere. Möglicherweise erklärt sich so auch der massive Zuwachs von 29 auf 36Prozent bei Bus, U- und Straßenbahn. Zudem spart die Modal-Split-Erhebung die große Gruppe der Pendler gänzlich aus. Von ihnen kommen täglich 530.000 nach Wien. Ihr Mobilitätsverhalten wurde im Rahmen einer anderen Erhebung analysiert. Ergebnis: 79 Prozent nutzen das Auto. Ein Spitzenwert.

Dass der vielerorts veröffentlichte Trend – weg vom Auto, hin zu Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln – so nicht ganz stimmt, zeigt auch die Analyse des Datenschatzes der Statistik Austria. Konkret geht es um die seit vielen Jahren aufwendig erstellte Erhebung „Energieeinsatz der Haushalte“. Vergleichszeitraum sind die Jahre 2000 bis 2010. Während die Bevölkerung in Österreich innerhalb dieser zehn Jahre um gerade einmal 4,3 Prozent wuchs (Wien: 9,1 Prozent), legten ausnahmslos alle Kennzahlen zu den privaten Pkw (Firmen-Pkw explizit ausgeschlossen) stärker zu. Die Summe der gefahrenen Kilometer stieg von 41,8 auf 50,8 Mrd. Das ist ein Zuwachs um 23 Prozent (Wien: 13 Prozent). Auch die privaten Zulassungen stiegen stärker als die Bevölkerung, nämlich um 26,8 (Österreich) bzw. 20,1 Prozent (Wien).

Die Daten widersprechen sogar einer aktuellen Berechnung des grün geführten Wiener Verkehrsressorts. Angeblich geht nämlich der Motorisierungsgrad im Stadtgebiet zurück. Stimmt nicht, sagen die Zahlen aus dem entsprechenden Mikrozensus. 2000 standen 1000 Wienern durchschnittlich 336 Privat-Pkw zur Verfügung. 2010 waren es 367, ein Zuwachs von fast zehn Prozent.

Die Vorreiterin. Wirkliche Veränderungen im Verhalten passieren derzeit (noch) im Kleinen. Clara Recheis bereitet sich gerade auf ein Leben ohne eigenes Auto vor. Die Physiotherapeutin, die sich seit der Jugend zur Notwendigkeit ökologisch vertretbarer Mobilität bekennt, legt fast alle Hausbesuche mit U-Bahn oder Fahrrad zurück. Sie sagt: „Alle Wege mit dem Auto zu fahren wäre egoistisch.“ Sie selbst leide massiv unter Lärm und Fülle der Fahrzeuge.

Klappt ihr Selbstexperiment, will sie schon bald in das Wohnprojekt Wien am Nordbahnhof ziehen. Ohne Auto. Dafür ist dort mit anderen Projektpartnern ein Pool aus Elektrofahrzeugen geplant. Wo sie das eigene Auto vermissen wird? „Bei Ausflügen in die Berge.“ Reisen dorthin seien ohne eigenen Pkw deutlich beschwerlicher.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)

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