Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Gespenster": Sternstunde mit finsterem Ibsen

(c) Dapd (Lilli Strauss)
  • Drucken

Regisseur David Bösch gibt im Akademietheater den "Gespenstern" ihre Sprengkraft zurück. Kirsten Dene überstrahlt als bitter-lakonische Frau Alving das blendende Ensemble.

Inzest, Betrug, Vergewaltigung, sozialer Niedergang: Nachdem Ibsen mit seiner „Nora“ die Debatte, was Frauen in der Ehe dürfen, gehörig angeheizt hatte, setzte er mit den „Gespenstern“ noch eins drauf. Nordische Bühnen weigerten sich, das Stück zu spielen. Die Uraufführung musste 1882 in Chicago stattfinden. Die Handlung in Kürze: Nach einem Paris-Aufenthalt ist der Maler Osvald Alving auf das Gut seiner Eltern heimgekehrt, wo ihn seine Mutter freudig erwartet. Doch Osvald ist schwer krank. Im Laufe eines einzigen Tages prasseln Altlasten auf die Alvings nieder...


Horrorfilm, Wiedergänger. Würde man einen Vergleich mit heutigen Stücken ziehen wollen, fielen einem Thomas Vinterbergs Stücke „Das Fest“ und „Das Begräbnis“ ein, beide in Wien in letzter Zeit zu sehen. „Gegangere“ heißt Ibsens Stück im Original, was Wiedergänger bedeutet. Es ist also durchaus ein Horrorfilm, der hier stattfindet – und in dieser Art hat der deutsche Regisseur David Bösch das Drama im Akademietheater auch inszeniert.

Patrick Bannwart baute eine „Haunted Mansion“, eine Geistervilla mit Spinnweben, Moder und Lurch, der vom munteren Hausmädchen Regine eilig unter die abgedeckten Möbel gekehrt wird. Ein Ahnenbild dominiert die Feuermauer: Der verblichene Kammerherr Alving blickt herab auf die Seinen, als Büste, die später zerschlagen wird, prangt er überdies am Bühnenrand, neben den ketzerischen Büchern, die, zum Ärger von Pastor Manders, die Witwe Alving liest. Ibsen erzählte auch von den großen, geistigen und politischen Konflikten seiner Zeit. Wo ist Gott? Pflicht oder Neigung? Das waren die leichteren Fragen.


Religion gegen Moderne.
Norwegen emanzipierte sich von Schweden, repressive und fortschrittliche Kräfte rangen miteinander. Die Kirche behauptete sich mit Härte. Der Dichter setzte sich ins Ausland ab, doch sein Herz blieb in seiner Heimat, in der seine Stücke spielen. Bösch mied die gravitätische Diskretion, die in den „Gespenstern“ waltet, er entfernte die Schalen, was übrig bleibt, ist zum Weinen, dennoch grandios. Die Rebellion gegen die Konventionen, der heiße Atem einer unterdrückten Moderne, der die Sprengkraft dieses Stückes ausmacht, wird durch diese Aufführung wiederbelebt, auch wenn darin eisgraue Unglückswürmer dahinschleichen. Dass bei Ibsen gelacht wird, kommt nicht allzu häufig vor. Hier stellt sich die Heiterkeit spontan infolge der ungeheuerlichen Figuren und ihrer Lügen ein, die, wiewohl aus dem Leben gegriffen, Münchhausen-Dimension erreichen. Bösch lenkt das Ensemble mit einer bestrickenden Flut kleiner, stimmiger Einfälle: Das reicht vom Techno-Dröhnen aus dem Plattenspieler, mit dem Osvald den Pastor erzürnt, bis zum Feuerzeug, das Frau Alving triumphierend auslöscht, nachdem sie Osvald und Regine, die ineinander verliebt sind, offenbart hat, dass sie Halbgeschwister sind.

Kirsten Dene spielt wieder einmal eine ihrer lakonischen, wider Willen weise gewordenen älteren Damen – und sie ist als Frau Alving fast noch phänomenaler als in Tracey Letts „Familie“. Martin Schwab gibt den selbstgerechten Pastor Manders, der die junge Ehefrau, die vor den Ausschweifungen des Kammerherren in seine Arme geflohen ist, zurückweist. In unglaublich einfühlsamen winzigen Gesten offenbaren Manders und Frau Alving, dass ihr Spiel von Anziehung und Abstoßung noch nicht zu Ende ist, obzwar Resignation ihre Passion fast schon zerstört hat.


Verzweifelte Liebe. Bösch versteht sich überhaupt wunderbar auf verzweifelte Liebesszenen wie jene zwischen dem ausgemergelten Osvald, den Syphilis und Aids dahinraffen (hinreißend: Markus Meyer) und der vital-koketten Regine (Liliane Amuat). Ein Naturereignis ist der Tischler Engstrand, Johannes Krisch zeichnet ihn als schlaues Scheusal. Am Schluss geht keine Sonne auf. Frau Alving und der sterbende Osvald schauen sich Zeichentrickfilme aus Osvalds Jugend an. So düster war noch keine Theatersternstunde. Das Publikum lauschte bei der Premiere am Freitag zwei pausenlose Stunden atemlos. Kein Husten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)