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Wilhelminenberg - und heute?

Wilhelminenberg ndash heute
(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Gabriele Wörgötter, Psychiaterin der Wilhelminenberg-Kommission, kritisiert neben brutalen Heimen der Vergangenheit auch aktuellen Personalmangel und das Desinteresse daran. Ein "Presse"-Interview.

Die Kommission arbeitet seit drei Monaten. Waren nach jetzigem Wissensstand die meisten Kinder am Wilhelminenberg von Gewalt betroffen oder nur eine Gruppe?

Gabriele Wörgötter: Primär melden sich diejenigen, die schlimme Erfahrungen hatten, nicht die anderen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass am Wilhelminenberg bis in die 1970er-Jahre grob fahrlässige Erziehungsmethoden angewendet wurden. Das ist aber auch in Relation zu sehen zum Erziehungsbild der damaligen Zeit.

Gibt es viele Vorwürfe gegen andere Heime?

Ja. Viele Kinder wechselten die Heime, Beschwerden ziehen sich durch. Aber über „Watschn“ hinaus hat es am Wilhelminenberg systematische, sadistische Demütigungen gegeben. Bestimmte Erzieher werden als besonders brutal geschildert. Jene, die noch leben, haben wir zu Terminen eingeladen, zugesagt haben sie noch nicht.

Zwei Frauen sprachen von Kinderprostitution. Was wissen Sie bisher darüber?

Wenig. Die Betroffenen, die ich interviewt habe, wissen darüber nichts.

Die Frauen wurden nicht interviewt?

Nein, bisher nicht. Wir haben ihnen über ihren Anwalt Gespräche angeboten, sie haben sich nicht gemeldet.

Vorwürfe gab es gegen Erzieher, aber auch externes Personal wie Gärtner.

Wir versuchen, an Namen heranzukommen, an die sich Interviewpartner leider oft nicht erinnern. Insgesamt gibt es bisher keine Informationen über systematische Vergewaltigungen.


Es soll Zusammenhänge zum ehemaligen Spiegelgrund gegeben haben.

Intensive Zusammenhänge scheinen unwahrscheinlich. Die Baumgartner Höhe hat als psychiatrisches Krankenhaus ab 1945 Erwachsene behandelt, Kinder wurden im AKH betreut.

Euthanasie-Arzt Heinrich Gross war ab Mitte der 1950er auf der Baumgartner Höhe tätig.

Er war damals aber an einer Erwachsenenabteilung, es ist unwahrscheinlich, dass er dort auch Kinder behandelte.

Kommissionsleiterin Helige wollte klären, ob Gross nebenbei am Wilhelminenberg war.

Das erscheint immer unwahrscheinlicher. Wir fragen extra nach dem Namen Gross, niemandem ist etwas bekannt.

Was wissen Sie über Malaria-Versuche?

Ein Betroffener, der am Wilhelminenberg, aber auch in anderen Heimen war, berichtet, in den 1960er-Jahren mehrmals am AKH „niedergespritzt“ worden zu sein. Wir wissen nicht, welche Injektionen es waren, von Fieber, das Malaria-Erreger auslösen, spricht er nicht.

Wie stark waren der Wilhelminenberg und andere Heime von der NS-Zeit geprägt?

Erziehungsmethoden wie in der Nazi-Zeit hat es nach dem Krieg in vielen Institutionen gegeben. Das waren nicht die Methoden der Gemeinde Wien.

Was ist mit personellen Kontinuitäten? Die Leiterin soll beim NS-Bund Deutscher Mädel gewesen sein.

Da sind wir dran. Es war aber nicht nur am Wilhelminenberg Realität, dass NS-Aktive weiter gearbeitet haben.

Aber hätte man bei einem Kinderheim nicht besonders sensibel sein müssen?

Das ist der Punkt: Warum kann Derartiges unter der Aufsicht der Gemeinde Wien passieren? Auch weil man aus Personalmangel die einsetzte, die sich zur Verfügung stellten. Warum will man ohne gute Bezahlung in ein Kinderheim? Da gibt es andere Motive.

Gab es Beschwerden in der Vergangenheit?

Am Wilhelminenberg soll es Beschwerden von Eltern gegeben haben, dem gehen wir nach. Ein Mann erzählt, einen Brief an die damalige Sozialstadträtin Maria Jacobi geschrieben zu haben, der ihm zufolge unbeantwortet blieb.

Hat die Behörde zu wenig kontrolliert?

Schwer zu sagen. Die Betroffenen sind zwischen 50 und 75, da ist ein Interview kein simples Frage-Antwort-Spiel. Insgesamt hat die Stadt aber ihre Funktion nicht genug erfüllt. In einer geschlossenen Institution hätte man besonders kontrollieren müssen, um Machtmissbrauch zu verhindern.

Sind große Heime eigentlich schlechter?

Nicht die Größe des Heimes ist das Problem, sondern die Kontrolle. Die Stadt des Kindes (ein Heim der Stadt, bis 2002 in Penzing) war ein großes, aber sehr fortschrittliches Heim.

Inwieweit ziehen Sie aus Ihrer Arbeit Schlüsse für die Gegenwart?

Die Situation ist besser, aber es gibt nach wie vor ungenügend Personal und Geld für Kinder, die nicht in ihrer Familie sein können. Das Jugendamt ist auch sehr knapp besetzt.

Was würden Sie ändern?

Ich war unlängst mit einer Wohngemeinschaft schwer erziehbarer Jugendlicher befasst, da gibt es gute Konzepte, aber die Praxis sieht so aus: Wenn ein Betreuer krank ist, fällt die Supervision aus, dann ist nur eine Person im Nachtdienst. Der hat es mit acht sehr schwierigen Jugendlichen zu tun. Natürlich betreibt er vor allem Schadensbegrenzung. Kontrolliert wird dann, ob er dokumentiert hat, und weniger, wie er mit den Jugendlichen umgegangen ist.

Das heißt Kontrolle wird zu sehr an Dokumentation festgemacht? Gespräche bräuchten aber wieder Personal.

Ja, aber Betreuer müssten die Möglichkeit haben, zu sagen, mir geht es schlecht. Verdrängen macht unüberlegte Handlungen wahrscheinlicher.

Werden Sie Empfehlungen abgeben?

Das kann ich mir vorstellen. Das Problem ist: Es gibt politisches Interesse an der Aufklärung, aber weniger an den Konsequenzen. Man kann nicht entschädigen und das war's. Es sollte anders weitergehen. Aber die Frage ist: Versteht die Gesellschaft heute besser als in den 1950ern, dass die Investition in Kinder sich rentiert? Ich glaube nicht. Dabei kosten Straffällige viel mehr als gute Betreuung im Vorfeld.

Wann werden Ergebnisse der Kommission präsentiert?

Ende März wird es einen ersten Bericht geben, später eine wissenschaftliche Publikation. Es melden sich ja nach wie vor Leute, jetzt sind es etwa 70.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.03.2012)