SuperMarkt: Paracelsus an der Notenpresse

Supermarkt Paracelsus Notenpresse
(c) Presse Hofmeister

Seit Jahrhunderten träumen die Menschen davon, billige Rohstoffe in Gold verwandeln zu können. Jetzt sieht es ganz danach aus, als hätten Politiker und Notenbanker tatsächlich den "Stein der Weisen" gefunden.

Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim war einer jener Männer, auf deren Schultern die Hoffnungen der ganzen Menschheit lasteten. Ob Edelmann oder Bettler, alle warteten gespannt auf die frohe Kunde, dass es Alchimisten wie Paracelsus endlich gelungen sei, ein Allheilmittel gegen Alter und Krankheit zu brauen. Und dabei eine Formel zu finden, mit der aus billigen Metallen Gold und Silber gewonnen werden kann. Alles Hoffen war vergebens, erst Jahrhunderte später wurde Platin durch Beschuss mit radioaktiven Strahlen zu Gold. Mit der unerquicklichen Nebenwirkung, dass das Endprodukt so teuer war wie das beschossene Platin, womit sich die Sache also nicht wirklich rechnete.

Der hohe Aufwand war ja auch schwer übertrieben, die moderne Alchimie bietet schließlich längst günstigere Verfahren an. In Windeseile können aus dem Nichts wahre Reichtümer herbeigezaubert werden, ganz ohne dunkle Magie. Banale Baumwolle, ein bisschen Farbe und moderne Drucktechnik reichen aus, um die Völker unbegrenzt mit „gedrucktem Gold“ zu versorgen. Geliefert wird nicht mehr an kriegslüsterne Herrscherhäuser, sondern an Regierungen wohlwollender Umverteilungsstaaten, die ihre Untertanen in jeder Lebenslage reich beschenken.

Geld zur freien Entnahme.
In der Praxis funktioniert das – stark vereinfacht ausgedrückt – so: „Unabhängige“ Notenbanken wie die Federal Reserve oder die Europäische Zentralbank erwerben Staatsanleihen (also öffentliche Schulden), die an den Märkten keine Abnehmer finden. Dafür werden den dahinter stehenden Regierungen Schecks ausgestellt, die zur Finanzierung der immer umfassenderen Ausgabenprogramme eingesetzt werden. Die bei den Notenbanken gebunkerten Staatsanleihen (also die öffentlichen Schulden) werden kurzerhand zur „Reserve“ geadelt, die wiederum zu Krediten gemacht werden kann. Womit die Notenbanken den Staaten in Wahrheit ihre Gelddruckmaschinen zur Verfügung stellen.
Eigentlich ein ziemlich geniales System: Die Notenbanken fungieren als Erfüllungsgehilfen hoch verschuldeter Staaten, und niemand hat für die teuren Folgen der Politik des billigen Geldes einzustehen: Die Notenbanken werden allerorts für ihre Weisheit gelobt, die Märkte gerade in schwierigen Zeiten mit ausreichend Liquidität zu versorgen. Und die Regierungschefs können mit ihrer Wiederwahl rechnen, weil sie ihre Völker in konjunkturell trüben Tagen ebenso wenig vergessen wie in wirtschaftlich guten Zeiten.

Unglücklicherweise wird dieses Märchen kein allzu gutes Ende nehmen. Dasselbe wäre übrigens passiert, wenn es den Alchimisten tatsächlich gelungen wäre, Quecksilber zu Gold zu verwandeln. In diesem Fall wäre es im Mittelalter zu einer sagenhaften Inflationswelle gekommen. Die plötzlich zu Reichtum Gekommenen hätten Ländereien erworben, Schlösser gebaut, Heere aufgestellt, tausenden Menschen Arbeit gegeben und damit direkt wie indirekt für eine sprunghaft steigende Nachfrage gesorgt, mit dem das Angebot nicht hätte Schritt halten können. Die Folge wären rasch steigende Preise gewesen, und damit eine galoppierende Entwertung des Geldbestandes.
Die Notenbanker leugnen nicht, dass die an taumelnde Staaten und Banken vergebenen Hilfsgelder zu keiner Zeit vorhanden waren (also nicht vorher erwirtschaftet wurden), sondern aus dem Nichts geschaffen wurden. Das alles sei aber kein Problem, wie die Alchimisten von heute sagen. Weil die frisch gedruckten Geldscheine ihren Weg in die Wirtschaft ohnehin nicht fänden – obwohl damit tausende Bedienstete in angeschlagenen Staaten bezahlt und Milliarden an Subventionen ausgeschüttet werden.
Tatsächlich stieg die Geldmenge in den vergangenen Jahren sowohl in der Eurozone als auch in den USA deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung der betreffenden Volkswirtschaften an. Womit der Wert des Geldes naturgemäß gesunken ist. Genau genommen steigen also nicht die Preise für die Güter, vielmehr ist für diese mehr vom wertgeminderten Geld hinzulegen. Etwa für Treibstoffe, Nahrungsmittel oder Edelmetalle wie Gold und Silber.

Bemerkenswert ist, dass niemand gegen die staatlich orchestrierte Wertminderung hoch versteuerter Gelder rebelliert. Vermutlich, weil steigende Preise für eine Art naturgegebene Erscheinung moderner Marktwirtschaften gehalten werden (wobei das genaue Gegenteil der Fall ist – nichts treibt Preise so nachhaltig nach unten wie harscher Wettbewerb). Vielleicht aber auch, weil in den Augen der Verbraucher nicht die Notenbanker die Preise anheben. Sondern der Tankstellenbetreiber, die Supermarktkette, der Greißler und der Wirt ums Eck. Hinzu kommt, dass die Teuerung mit der nächsten Lohnverhandlung abgegolten wird – und somit „verschwindet“. Hierzulande orientiert sich die Höhe des Arbeitseinkommens nämlich nicht an Angebot und Nachfrage, sondern an der Preisinflation und der Ertragslage des Arbeitgebers (freilich nur, wenn hohe Gewinne erwirtschaftet werden).

Verantwortlich für die fortschreitende Geldentwertung sind also nicht die Zentralbanken. Auch nicht schlecht arbeitende Regierungen, die mit dem Anwerfen der Notenpresse gerettet werden. Nein, es sind „profitrünstige“ Unternehmer, die selbst Opfer der zügellosen Geldpolitik sind, während sich Regierungen mit steigenden Preisen und Löhnen über höhere Verbrauchs- und Einkommensteuern freuen.

Doch irgendwann wird sich zeigen, ob die expansive Geldpolitik die Lösung aller Probleme war. Oder ob die künstlich „geschaffenen“ Werte nach dem Ende des billigen Geldes nicht rasch in sich zusammenfallen. Dann werden die Menschen freilich wieder einer Generalabrechnung mit dem gescheiterten Kapitalismus beiwohnen, wobei die Täter in die Robe der Ankläger schlüpfen und das große Wort führen.
Sieht also ganz danach aus, als hätten Politiker und Notenbanker tatsächlich den „Stein der Weisen“ gefunden.

franz.schellhorn@ diepresse.com