"Junge haben genug von diesen Waschlappen-Politikern"

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Jugendforscher Heinzlmaier im DiePresse.com-Interview über das mangelnde Interesse von Jugendlichen an der Politik, „lächerliche" Jugendkampagnen und "Aufwallungen von kleinen Opportunisten" in der Causa Pelinka.

DiePresse.com: In letzter Zeit sind Initiativen für Demokratie-Reformen vor allem von Altpolitikern gekommen, Proteste von Jugendlichen gibt es nur vereinzelt wie etwa gegen Acta. Sind die Jungen zu lethargisch?

Bernhard Heinzlmaier: Lethargisch sind sie nicht, denn in anderen Bereichen haben sie ja sehr viel Energie. Ich glaube eher, dass sie das nicht interessiert, da wir es heute mit einer Politik zu tun haben, die keine Glaubwürdigkeit hat. Man interessiert sich eben für kein soziales Feld, aus dem heraus man pausenlos belogen wird. Außerdem setzen Jugendliche das, was in der Politik passiert, nicht mit ihrem eigenen Leben in Beziehung. Da wird über große Dinge gesprochen und die Jugendlichen haben das Gefühl: „Das hat mit meiner kleinen Welt nichts zu tun".

Ist dieses Gefühl heute größer als früher?

In den 50er und 60er Jahren hatten die Menschen eine emotionalere Beziehung zur Obrigkeit. In dem Moment, wo sich Politik eher in dem Bereich von rationalen Diskursen bewegt, verschwindet dieses emotionale Bild und jetzt fragt man sich ganz beinhart und praktisch: „Was habe ich für einen Nutzen davon?" Und wenn man keinen Nutzen hat und auch sonst keinen Zugang findet, dann ignoriert man Politik einfach.

Wenn sich die Jugend, wie Sie sagen, von der Politik „pausenlos belogen" fühlt, müsste das nicht erst recht Protest anheizen?

Man hat eben etwas besseres zu tun als sich mit dem Gemeinwesen auseinanderzusetzen. Außerdem scheinen Jugendliche nicht das Gefühl zu haben, dass man wirklich etwas verändern kann. Das System ist in den Augen der Jugendlichen so mächtig, allumfassend und elastisch, dass sie überhaupt keinen Sinn sehen, etwas zu tun. Da kümmert man sich lieber um Bereiche, wo man etwas verändern kann, und das ist die eigene kleine Lebenswelt.

Was müsste die Politik machen, um wieder einen Zugang zur Jugend zu finden?

Ich sage es ganz offen: Ich glaube, das ist aussichtslos. Die Zeiten wo Menschen eine starke Verbindung zu Parteien hatten und sich Massenmeinungen in den Parteien widergespiegelt haben, sind vorbei. Die Politik muss sich damit abfinden, dass sie eine Dienstleistungsinstitution ist - und wer die Dienstleistung nicht erbringt, wird abgewählt. Davon, dass jemals wieder so eine emotionale Bindung an Politik, Politiker und Parteien entsteht, muss man sich verabschieden.

Welche „Dienstleistungen" wünschen sich Jugendliche denn vor allem von der Politik?

Dass das Licht brennt, die Müllabfuhr fährt, man ein vernünftiges Fernsehprogramm empfangen kann, einen Arbeitsplatz hat, dass die Wirtschaft funktioniert, und man möglichst wenig mit Korruptionsfällen konfrontiert ist. Also: die Firma Österreich als sauber und rational geführter Betrieb.

Politik heizt Ausländerfeindlichkeit an

In einer Umfrage Ihres Instituts haben 43,6 Prozent der befragten Wiener Jugendlichen angegeben, dass es zu viele Türken in Österreich gibt. Wie sehr bewegt die Ausländer-Frage Jugendliche?

Das ist eine ganz entscheidende Frage. Je bildungsferner die Jugendlichen sind, je weniger ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital sie haben, desto stärker ist die Angst vor der Migration und desto größer ist die Bereitschaft, rechtspopulistischen Positionen zu folgen. Gegen den Rassismus ist tatsächlich Bildung das beste Gegengift. Außerdem kommen solche Umfrageergebnisse zustande, weil Ausländerfeindlichkeit von der Politik angeheizt wird. Das sind leicht zu mobilisierende Gefühle. Die Politik nutzt das und ist dann empört wenn es so gut funktioniert. Keine Partei ist davor gefeit.


Bei der letzten Nationalratswahl haben nur rund 17 Prozent der Erstwähler die SPÖ gewählt, 11 die ÖVP. Müssen bei den Koalitionsparteien alle Alarmglocken schrillen oder zieht es die Jungwähler später doch wieder zu den traditionellen Großparteien?

Wir haben in einer Studie deutliche Aussagen in diese Richtung erhalten. Da haben Jugendliche gesagt: „Die traditionellen Großparteien sind etwas für die Älteren. Jetzt bin ich noch jung, jetzt wähl' ich noch eine andere Partei, aber wenn ich einmal alt bin kann ich mir schon vorstellen, SPÖ oder ÖVP zu wählen." Also viele sehen SPÖ und ÖVP als Altersparteien, denen man sich dann zuwendet, wenn man gesetzter ist und wenn man genauso langweilig ist wie die. Auf der anderen Seite könnte es sein, dass die Jungen sich ihr eigenes Alter falsch vorstellen. Wahrscheinlich sind diese Leute im Alter viel jugendlicher, als es die Großparteien heute sind. Ich bezweifle daher, dass man die Wähler so schnell wieder zurückholen kann. Meine Prognose geht eher in die Richtung, dass sich das Parteienangebot weiter ausdifferenzieren wird und es neue Angebote geben wird, die die Jungen erreichen.


BZÖ und FPÖ zusammen waren 2008 bei den Erstwählern das stärkste Lager. Was zieht die Jungen dorthin?

Die rechtspopulistischen Parteien sind keine Protestparteien, sondern Zustimmungsparteien. Das sind Parteien, die etwas konkretes und leicht zu verstehendes Positives anbieten. Sie setzen auf das Thema Stabilität: Bekenntnis zum Hier und Jetzt, zu „unserer Kultur", zum status quo.


„Bekenntnis zum status quo" klingt eher nach etwas, das ältere Menschen anspricht als Jugendliche.

Nein, diese Hochgeschwindigkeitsgesellschaft ist vor allem für die ein Problem, die da nicht mehr mitkommen. Deshalb spricht das vor allem Junge aus unteren gesellschaftlichen Schichten an, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlen.

Die Jugendlichen verlangen „leadership"


Ist es Jugendlichen wichtig, dass junge Menschen in der Politik in Spitzenpositionen vertreten sind?

Es kommt ihnen weniger auf das Alter als darauf an, dass es starke Persönlichkeiten gibt, die kraftvoll und vital sind. Die Jugendlichen verlangen „leadership" - Leute wie es Kreisky oder Brandt waren, die selbstbewusst aufgetreten sind und Durchsetzungsfähigkeit gezeigt haben, an denen man sich orientieren konnte. Die Jungen haben genug von diesen Waschlappen-Politikern, diesen wendigen Weicheiern.

Apropos wendige Weicheier, bei Jungpolitikern hat man ja oft den Eindruck, dass sie besonders angepasst und in den Partei-Institutionen verhaftet sind. Können solche Politiker Jugendliche überhaupt ansprechen?

Es ist kein Wunder, dass Jungpolitiker angepasst sind, weil in den Parteien dieser Politikertyp gefördert wird. Man kann von denen eigentlich gar nicht verlangen, anders zu sein, wenn sie in einer Institution sind, die genau diese Art zur Norm erhebt. Man kann dort nicht erfolgreich sein, wenn man anders ist, wenn man gegen den Strom schwimmt. Solche Menschen sind dann woanders, aber nicht in der Politik.


Sie haben im Zuge der Causa Pelinka von einer „Angst der Alten vor den jungen Aufsteigern" geschrieben. Die Aufregung um Niko Pelinkas Nominierung als Wrabetz-Büroleiter im ORF war für Sie nicht gerechtfertigt?

Im Fall Pelinka ist es nicht um Politik gegangen, sondern um hochgradig emotionale und psychologische Aufwallungen. Pelinka ist offenbar nicht sympathisch rübergekommen. Das war keine politische Auflehnung gegen ein System, sondern gegen eine symbolhafte Erscheinung, gegen einen Menschen, der Ressentiments mobilisiert hat. Jeder kleine Opportunist, der sich sonst nichts zu sagen traut, hat sich plötzlich legitimiert gefühlt, auch seinen Senf dazuzugeben und auf die Leiche, die schon am Boden gelegen ist, auch noch hinzutreten.

Scharfe öffentliche Kritik kam etwa von Elfriede Jelinek - Jelinek, eine Opportunistin?

Gut, das ist glaube ich - um es freundlich zu sagen - eine Frau, die nicht ganz in dieser Welt lebt. Deshalb ist es immer so peinlich, wenn sie sich zu einem politischen Sachverhalt äußert.

Kurz hat sich in gerontokratischer Partei durchgesetzt


Die Bestellung von Sebastian Kurz zum VP-Integrationsstaatssekretär hat damals ebenfalls für Aufregung gesorgt - Sie selbst haben gemeint, er „komme überheblich und borniert rüber". Sehen Sie das heute anders?

Das sehe ich jetzt anders. Obwohl er ein angepasster Mensch ist, ist er immerhin jemand, der sich in sehr jungen Jahren in einer gerontokratischen Partei durchgesetzt hat. Wir haben schließlich ein politisches System, das von Karl Blecha und Andreas Khol (Seniorenvertreter von SPÖ und ÖVP, Anm.) in Geiselhaft gehalten wird, ein System das junge Menschen gezielt negiert. Es ist also bemerkenswert, wenn sich jemand dort behaupten kann. Daher würde ich heute nicht mehr sagen, was ich damals über Kurz gesagt habe.

Braucht es mehr politische Bildung an Schulen?

Ich bin kein großer Freund von politischer Bildung, weil sie in Österreich größtenteils Indoktrination ist. Mir liegt wenig daran, wenn man politische Bildung dazu benutzt, dass das System sympathischer wird. Gut wäre, wenn in den Bildungsinstitutionen ein kritischer und reflektierender Mensch erzogen werden würde. Auf die Art von politischer Bildung, wo man einen Menschen durchs Parlament führt und an ein paar Diskussionsrunden beteiligt damit er dann brav sein Kreuzerl macht, kann man verzichten.

Sind Aktionen der Politik, Jugendliche gezielt anzusprechen - etwa Faymanns „Social-Media-Offensive" oder der „Superpraktikant" der ÖVP - sinnvoll?

Das hat nur einen Sinn wenn man will, dass zusätzliche Ressentiments befeuert werden. In Wirklichkeit macht sich die Politik ja hochgradig lächerlich mit den ganzen Jugendkampagnen. Wenn man schon das hehre Ideal hat, Menschen zu politisieren, sollte man so mit ihnen reden, wie es in einer politischen Kultur üblich ist, und nicht mit Symbolen der Unterhaltungsindustrie an sie herantreten.


Die Gesellschaft wird immer älter. Sehen das Jugendliche als Bedrohung?

Sie fühlen sich von anderen Dingen mehr bedroht als von den Alten. Aber wir hören schon oft in unseren Untersuchungen, dass ihnen die Borniertheit und Selbstgefälligkeit der Alten auf die Nerven geht. Jugendliche heute gehören zu einer selbstbewussten Generation, und die wollen sich von den Alten nicht wie kleine Deppen behandeln lassen. Außerdem wird es als ungerecht empfunden, dass die Alten nicht bereit sind, zu teilen und dass sie auf wohlerworbene Besitzstände pochen, egal was passiert.


Wenn Sie der heutigen Jugend ein „Label" geben müssten, was wäre das?

Individualisierte, pragmatische Einzelkämpfer, die ihre Gemeinschafts-Ambitionen im mikrosozialen Bereich ausleben, die ihre Energie für Familie und Freunde und verlässliche Beziehungen verwenden und nicht für die „großen Dinge der Welt" - die sind denen eher „a bissl wurscht".

Zur Person

Bernhard Heinzlmaier (geb. 1960) ist Mitbegründer und Vorsitzender des Wiener Instituts für Jugendkulturforschung. Außerdem leitet er die Trend-agentur „tfactory" mit Sitzen in Hamburg und Wien, die auf Marktforschung für Jugendliche und junge Erwachsene spezialisiert ist.

Serie 'Jugend und Politik'

Haben Jugendliche kein Interesse an Politik? Was wünschen sie sich, und welches Angebot machen ihnen die Parteien? Diesen und weiteren Fragen geht DiePresse.com in den nächsten Wochen mit einer Serie an Interviews, Reportagen und Hintergrundgeschichten nach.