Wer braucht schon Provençal, Aromunisch oder Sorbisch? Wir alle, die wir Europäer sind.
Das Provençal, sagte M. neulich über einem Espresso in der Cafeteria der Europäischen Kommission, ist so gut wie tot. Seine Frau stammt aus dem Süden Frankreichs, ihre eigene Familiengeschichte illustriere das rasche Aussterben dieser alten Sprache: Die Großeltern konnten es noch sprechen und schreiben. Die Eltern konnten es zumindest noch verstehen. Für sie selbst hingegen ist die Sprache ihrer Heimat ein Buch mit sieben Siegeln.
Wir waren auf das Thema zu sprechen gekommen, weil ich in den letzten Tagen das feine Buch „Die sterbenden Europäer“ von Karl-Markus Gauß mit mir herumtrug. Lesen Sie es, falls Sie es noch nicht getan haben. Gauß' hervorragende Berichte über seine Reisen zu den letzten sephardischen Juden in Sarajewo, zu den Sorben in der Lausitz, zu den Deutschsprechern in der slowenischen Gottschee, den albanischen Arbëreshe in Süditalien und den Aromunen in Mazedonien sind aktueller, als man es vielleicht glauben mag: Erst neulich flog die Verleihung des EU-Kandidatenstatus an Serbien fast von den Gleisen, weil Rumänien im allerletzten Moment den Schutz der rumänischsprachigen Minderheit in Ostserbien einforderte.
Die Sache mit den Volksgruppen ist paradox: Gerade jetzt, wo Mehrsprachigkeit von jedem Maturanten eingefordert wird, sterben Europäer aus, die seit jeher mehrsprachig sind. Und die, die sich dem Schutz der kleinen Sprachen verschreiben, sind oft von jenem nationalstaatlichen Einheitsgedanken beseelt, der seit dem 19.Jahrhundert den Untergang ebendieser Minderheiten überhaupt erst beschleunigt.
Um jede verlorene lebende Sprache ist es schade. Mit ihr geht nämlich ein Stück jenes vielfältigen Europa unter, dessen wir Europäer uns so gerne rühmen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2012)